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IS-Terror und der Wahnsinn von Würzburg

Flüchtling als Attentäter im Namen des Islamischen Staats IS-Terror und der Wahnsinn von Würzburg

Riaz A. war ein Flüchtling mit „sehr guter Perspektive“ – bis er zum Attentäter im Namen des IS wurde. Niemand hat dem 17-Jährigen eine derartige Bluttat zugetraut. Zuverlässig soll er gewesen sein. Doch plötzlich war er hasserfüllt, unkontrollierbar, ein Rätsel. Er könnte kein Einzelfall sein.

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Riaz A. – ein Jugendlicher mit zwei Seiten hat den Terror nach Deutschland gebracht.

Quelle: Amak

Würzburg. Es gibt nicht viele Jungen, die so viel Glück haben wie Riaz A. Die sich so schnell zurechtfinden in dieser fremden Welt nach der Flucht aus dem entfernten Heimatland. Die Freundschaften schließen, Deutsch lernen, einen Ausbildungsplatz ergattern, sogar ein eigenes, neues Zuhause finden, mit einer Familie, die für sie da sein will.

Es gibt aber auch nicht viele Jungen, die andere Menschen so fürchterlich zurichten wie Riaz. Die an einem Sommerabend in einem fränkischen Regionalzug eine Axt hervorholen und wie von Sinnen auf die Menschen einhacken, die zufällig neben ihnen sitzen.

Der Attentäter war ein Junge mit zwei Seiten

Beide Jungen, der zuverlässige, „integrierte“ Riaz wie der unkontrollierte, hasserfüllte Riaz, sind ein Rätsel. Es wird wohl keiner mehr lösen können. Der Amokläufer Riaz ist in der Nacht zu Dienstag erschossen worden. Und aus dem Nichts taucht eine Mitteilung des Terrornetzwerks „Islamischer Staat“ (IS) auf, dass der junge Afghane in seinem Namen getötet habe. Inzwischen hegen die Ermittler Zweifel an der Herkunft von Riaz. Möglicherweise stammt er sogar aus Pakistan, berichtet das ZDF mit Berufung auf Sicherheitskreise.

Riaz in einem Video

Riaz in einem Video: „Ich bin ein Soldat des Kalifats“.

Quelle: Amak

Wenig später nach Mitteilung des Terrornetzwerks dann ein Video, in dem Riaz alias Muhammad Riyad sagt: „Ich bin ein Soldat des Kalifats. Ich werde eine Märtyrer-Attacke in Deutschland ausführen. Die Zeit ist gekommen.“

Angeblich hat Riaz dieses Video vor dem Attentat an den IS geschickt. Er schließt mit einer Drohung an westliche Demokratien: „Die Soldaten des Kalifats kommen zu euch. Sie werden euch in euren Heimatländern abschlachten. Sie werden in euren Häusern sein, in euren Ländern.“

War der 17-jährige Riaz gar kein Hilfe suchender „unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“, sondern ein nach Deutschland geschleuster Killer? Ist er erst hier von IS-Propagandisten radikalisiert worden? Hat er sich selbst in einen Wahn hineingesteigert?

Dies sind die wenigen Fakten, die unbestritten sind

Die Attacke: Am Montagabend steigt Riaz A. im fränkischen Ochsenfurt kurz nach 21 Uhr in den Regionalzug Richtung Würzburg und setzt sich neben eine fünfköpfige Familie aus Hongkong. Dann verlässt er seinen Platz – und kehrt wenig später mit einem Messer und einer Axt zurück. Er schlägt derart brutal auf die Touristen ein, dass vier Familienmitglieder schwer verletzt werden. „Allahu akbar“, Gott ist groß, soll Riaz gerufen haben. Ein Fahrgast zieht die Notbremse, der Zug stoppt im Ort Heidingsfeld. Der Amokläufer springt mit der blutigen Axt in der Hand aus dem Zug, rennt Richtung Main.

In der Regionalzug rief der Attentäter „Allahu akbar“, Gott ist Groß

In der Regionalzug rief der Attentäter „Allahu akbar“, Gott ist Groß. Ein Fahrgast zog daraufhin die Notbremse.

Quelle: dpa

Ein Spezialeinsatzkommando der Polizei, das wegen eines Einsatzes gegen Drogendealer in der Nähe ist, nimmt die Verfolgung auf. Der junge Riaz attackiert eine Passantin mit seiner Axt,dann geht er auch auf die Beamten los. Gegen 23 Uhr eröffnen diese das Feuer. Riaz A. stirbt. Bis um 6.35 Uhr bleibt sein Leichnam am Mainufer liegen. Drei Menschen kämpfen noch am Dienstagabend in Kliniken um ihr Leben.

Der Attentäter: Riaz A. war zum Zeitpunkt seines Todes 17 Jahre alt. Ein gutes Jahr zuvor, berichtet Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU), ist er allein kommend in Passau eingereist. Im März zog er im Kolpingheim in Ochsenfurt ein, am 1. Juli kam Riaz zu einer Pflegefamilie. „Ein Ausnahmefall“, wie Michael Horlemann, Sozialdezernent des Landkreises Würzburg, bestätigt. Unter den 250 in Ochsenfurt betreuten Flüchtlingen sind 60 unbegleitete Minderjährige – im ganzen Landkreis sind nur etwa 15 Jungen und Mädchen in Privatfamilien untergebracht.

„Das geschieht nur bei Jugendlichen, die außergewöhnlich gut integriert sind und eine sehr gute Perspektive haben“, sagt Horlemann dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Wer regelmäßig zur Schule geht, gute Noten hat, sich ums „Mitmachen“ bemüht, darf zu einer Pflegefamilie. Diese wiederum muss, genau wie bei einem deutschen Kind, eine pädagogische Qualifikation haben.

Plötzlich wandelt sich das Bild von Riaz

Alles läuft prima mit und für Riaz. An Feiertagen geht der junge Muslim in die Moschee. Aber fanatisch, radikal? Im Kolpingheim hat ihn niemand so wahrgenommen. Nach einem Praktikum hat Riaz einen Ausbildungsplatz in einem mittelständischen Betrieb in Aussicht.

Gestern verändert sich das Bild schlagartig. In seinem Zimmer finden die Ermittler eine selbst gemalte IS-Fahne und einen Brief an seinen Vater: „Jetzt bete für mich, dass ich mich an diesen Ungläubigen rächen kann und bete für mich, dass ich in den Himmel komme.“

Noch am Mittag konnte Innenminister Herrmann die Entwicklung des Jungen zum Attentäter „einfach nicht nachvollziehen“. Eine Verbindung zum IS schien ihm unwahrscheinlich. Wenige Stunden später verbreitet der IS das Drohvideo von Riaz A. im Netz.

Unter psychischem Druck nach Flucht zur Radikalisierung

In diesem Moment rückt eine ganze Gruppe von Flüchtlingen unter Generalverdacht: die „UMF“, die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Wolfgang Bosbach, Innenpolitiker der CDU/CSU-Fraktion, formuliert vorsichtig: „Ganz unabhängig von den dramatischen Ereignissen in Unterfranken müssen wir die legitimen Sicherheitsinteressen unseres Landes stärker beachten. Wenn in wenigen Monaten Hunderttausende ohne Papiere, mit ungeklärter Identität und Nationalität einreisen, dann haben wir nicht nur in den Verwaltungsverfahren Probleme, sondern auch ein nicht unerhebliches Sicherheitsproblem.“ Die Sorge ist diese: Viele UMF stehen nach der traumatischen Erfahrung von Gewalt und Flucht unter enormem psychischem Druck. Der Regensburger Traumaexperte Prof. Thomas Löw fürchtet, dass psychische Erkrankungen besonders bei Minderjährigen regelmäßig unerkannt bleiben – und drohende Radikalisierung auch.

Es geht um eine große Zahl von Jugendlichen und Kindern. Dem Bundesverwaltungsamt zufolge leben derzeit knapp 70 000 UMF in Deutschland – rund 70 Prozent kommen aus Afghanistan. Kostenpunkt für ihre Versorgung: rund 4,2 Milliarden Euro pro Jahr, rund 5250 Euro monatlich pro Jugendlichem.

Geschäftsmodell, das unterbunden werden muss

Michael Kretschmer, CDU/CSU-Fraktionsvize, äußert den Verdacht, dass viele Jugendliche vorgeschickt werden, damit später die Familie nachziehen kann: „Da hat sich ein Geschäftsmodell entwickelt, das unterbunden werden muss.“ Das gilt auch für die deutsche Seite. Dem Bundesfinanzministerium sind Fälle bekannt, in denen die Versorgung von UMF mit hohen Kosten abgerechnet wurden. Tatsächlich seien die Flüchtlinge aber in „normalen Einrichtungen“ der Jugendhilfe untergebracht: „Da machen viele ihr Geschäft.“

Seit gestern wächst die Angst, dass auch der IS dieses „Geschäftsfeld“ entdeckt hat.

Ein Tweet mit Folgen

Renate Künast twitterte und löste einen Shitstorm aus

Renate Künast twitterte und löste einen Shitstorm aus.

Quelle: dpa-Zentralbild

Empörung im Netz über Renate Künast

Ein blitzschneller, für manche aber wenig kluger Tweet: „Wieso konnte der Angreifer nicht angriffsunfähig geschossen werden???“ Die empörte Frage nach den tödlichen Schüssen der Polizei in Würzburg hat der Grünen-Politikerin Renate Künast einen grandiosen Shitstorm im Netz, eine Einladung zur nächsten ARD-Talkshow und Rücktrittsforderungen seitens der CSU eingebracht. Ihr Schnellkommentar kurz nach Ende der Axt-Attacken ist für Polizeigewerkschaftschef Rainer Wendt „Klugscheißerei“, für Bayerns Justizminister Winfried Bausback „ein Grund zum Rücktritt“ und für CDU-Politiker Michael Fuchs der Offenbarungseid: „Grüne Gutmenschen immer zulasten Dritter.“ Auch einige Grünen-Freunde gingen sicherheitshalber auf Distanz. Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer immerhin zeigt Solidarität: „In einem Rechtsstaat muss man die Frage nach der Rechtmäßigkeit polizeilichen Handelns stellen.“ Allerdings müssten sich die Grünen, sagte er dem RND, immer Fragen „nach ihrer staats- und polizeikritischen Phase aus der Gründungszeit gefallen“ lassen. ­Künast sieht das ähnlich, betont jedoch: „Der gezielte Todesschuss in Deutschland ist aus gutem Grund nicht erlaubt. Der finale Rettungsschuss schon, das hat aber immer juristische Ermittlungen zur Folge.“ Auch das unterscheide die Bundesrepublik von der Türkei unter Präsident Erdogan.

Von Gisela Schmidt, Susanne Iden und Dieter Wonka

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