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Politik „Macht wird nur seltenst freiwillig geteilt“
Nachrichten Politik „Macht wird nur seltenst freiwillig geteilt“
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08:00 12.11.2018
Anke Domscheit-Berg, 50, war Unternehmensberaterin sowie bis 2017 Geschäftsführerin von Via Europa. Sie ist für die Linke im Bundestag. Quelle: Foto: Tanja M. Marotzke
Berlin

Frau Domscheit-Berg, seit genau 100 Jahren dürfen Frauen genauso wählen und gewählt werden wie Männer. Sind nicht unsere Mütter, sondern unsere Groß- und Urgroßmütter die wahren Heldinnen der Frauenbefreiung?

Die Frage ist etwas unfair. Aber: Es stimmt. Verglichen mit dem, wie die Frauen Anfang des 20. Jahrhunderts um ihr Recht gekämpft haben, war selbst BH-Verbrennen wie Kuchenbacken. Unter Einsatz von Leib und Leben haben die Sufragetten das Frauenwahlrecht erstritten. Besonders rabiat in Großbritannien. Sie haben, in ihren Sonntagskleidern, in Londons feinsten Einkaufsstraßen Scheiben eingeschmissen, haben versucht, das Parlament zu stürmen; viele traten in Hungerstreik, landeten im Gefängnis. Man müsste das Wissen darüber, wie hart diese Frauen kämpften, viel mehr im Bewusstsein halten. Heute sind wir, glaube ich, etwas zu sanft im Erstreiten unserer eigenen Rechte.

Sollen Feministinnen wieder Scheiben einschlagen?

Bestimmt nicht. Aber wir müssen mehr tun, als ab und an zu sagen, wir hätten gerne mal ein bisschen mehr Gleichberechtigung. Wir lassen uns zu viel gefallen und zu lange.

Die Frauen in Deutschland sind Ihnen zu bequem?

Ich glaube, wir geben uns zu leicht mit zu wenig zufrieden. Das ist nicht ganz das Gleiche. Gerade in der Politik.

Wir haben immerhin eine Kanzlerin, eine Verteidigungsministerin....

Das reicht aber nicht! Viel Politik passiert auf kommunaler Ebene, aber in Kreistagen sitzen nur 10 Prozent Frauen. Unter hauptamtlichen Bürgermeistern gibt es weniger Frauen als in Dax-30-Vorständen. Dass wir aktuell einen Bundestag haben, in dem nur 31 Prozent Frauen sitzen, finde ich absolut unerträglich. Das ist weniger als in Burundi, halb Europa oder Lateinamerika. Selbst wenn es um das Leben und die Gesundheit von Frauen geht, entscheiden zu 70 Prozent Männer darüber, etwa ob wir Informationen zu Schwangerschaftsabbrüchen, die nur Frauen betreffen, bekommen oder nicht.

Ist es da symptomatisch, dass jüngst die Debatte um Parität im Bundestag, also gleiche Vertretung der Geschlechter, mitten in der Nacht geführt wurde?

Ich glaube schon. Die Parlamentarischen Geschäftsführer entscheiden untereinander, welches Thema wie platziert wird. Aber: Unter diesen ist nur eine Frau. Männern sind offenbar andere Themen wichtiger. Unsere Lebenswelten sind nun mal nicht geschlechtsneutral. Nicht in der Sozialisierung, nicht bei Gehältern, nicht in der Biologie. Dazu kommt: Einfluss und Macht werden seltenst freiwillig geteilt. Wenn wir einen Bundestag wollen, der dem Anteil der Frauen an der Bevölkerung entspricht, müssen viele Männer teilen. Nur, da ist es in der Politik wie in der Wirtschaft: Macht, Geld und Einfluss muss man sich gegen Widerstand erkämpfen.

Müssen Frauen sich also anders positionieren?

Ich höre oft, der geringe Frauenanteil in der Politik liege an der schlechten Vereinbarkeit. Aber erstens müssen dann eben Väter mehr Familienarbeit übernehmen und zweitens ist der Hauptgrund immer noch das „alte Kumpel Netzwerk“, weil Männer eben Männer wählen, auch auf aussichtsreiche Plätze. Männer merken das nicht mal, weil man die eigenen Privilegien nicht wahrnimmt, man ist dafür blind. So sind auch weiße Frauen mehrheitlich blind für Benachteiligungen von Frauen anderer Hautfarbe. Und das macht es schwer. Weil Männer der festen Überzeugung sind, sie diskriminieren niemanden und Kompetenz würde sich immer durchsetzen. Das ist natürlich Quatsch. Faktisch wirkt die sogenannte homosoziale Reproduktion, die Auswahl nach dem Ähnlichkeitsprinzip. Da sind Frauen im Nachteil, nur weil sie keine Männer sind.

Vernetzen Frauen sich denn schlechter?

Wer Macht hat, kann sich untereinander wirkungsvoller vernetzen und das sind bei uns mehrheitlich Männer. Dennoch müssen wir uns stärker vernetzen. Ich bin deshalb Mitglied der überparteilichen Fraueninitiative Berlin. Die ist 1992 entstanden, als über den Paragraf 218 im Bundestag diskutiert wurde. Die Debatte zog sich sehr lange hin, irgendwann redeten die weiblichen Abgeordneten in den Toilettenschlangen miteinander und stellten fest, dass sie parteiübergreifend recht nah beieinander lagen. Dort beschlossen sie, eine Allianz zu schmieden und so gelang die Reform des §218. Solche Allianzen brauchen wir mehr. Gerade weil wir weniger sind, müssen wir mehr parteiübergreifend zusammenarbeiten.

Interview: Susanne Iden

Von Susanne Iden

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