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20:47 25.03.2018
Die Schülerin der Marjory Stoneman Douglas High School, Emma Gonzalez, spricht vor hunderttausenden Teilnehmern des "March for Our Lives". Quelle: AP
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Washington

Am 14. Februar betrat Nikolas Cruz mit einem Sturmgewehr die Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida, und schoss wahllos in die Klassenräume. Innerhalb von nur sechs Minuten tötete er 17 Menschen. Ein Massaker, das Amerika schockierte - und doch in einer langen Reihe von Massenschießereien steht. Ein Irrsinn, der sich nicht verhindern lässt? Nach diesem Verbrechen, das schworen sich die Überlebenden, sollte sich etwas ändern. Die Machtlosigkeit soll endlich ein Ende finden.

In den USA folgten Hunderttausende dem Aufruf der überlebenden Schüler des Parkland-Amoklaufs. Gemeinsam demonstrierten sie gegen Waffengewalt und die Lobbyisten der NRA.

Das Land, das sich an diesen Waffenwahnsinn scheinbar gewöhnt hat, erlebt nicht nur einen Sturm der Entrüstung, es ist der Beginn einer anhaltenden Bewegung. Und Emma Gonzalez, deren Teenagerleben durch die Schießerei an ihrer Schule in Parkland erschüttert wurde, gilt als das Gesicht der Veränderung. Wie sie selber sagt, wählte sie ihren Kurzhaarschnitt eher zufällig. Nun aber, abgebildet auf unzähligen Fotos, Plakaten und Transparenten, unterstreicht die Stoppelfrisur ihre Entschlossenheit.

Hunderttausende auf dem „March for our lives“

Gonzalez organisierte zunächst kleinere Protestmärsche in ihrer Heimatstadt, anschließend in Miami und nun in ganz Amerika. 1,3 Millionen Menschen folgen ihr auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Und mehrere hunderttausend Menschen folgen ihrem Aufruf „March for our lives“ (Marsch für unser Leben) an diesem Sonnabend allein in Washington. Wie viele Demonstranten landesweit auf die Straßen ziehen, lässt sich nur schwer abschätzen.

Aber angesichts von mehr als 500 offiziell angemeldeten Protestveranstaltungen ist die Teilnehmerzahl wohl nur in Millionen zu messen. Sie alle haben die Nase voll von den „Gun Shops“ an den Stadträndern, in denen Schießeisen auf die Schnelle den Besitzer wechseln. Auch wollen sie nicht mehr die Rechtfertigung der Waffenlobby hören, dass „nur ein guter Mensch mit einer Waffe einen bösen Menschen mit einer Waffe stoppen kann“.

Ein Wind des Wandels weht durch die USA

Dass es um mehr geht als nur um eine kurzatmige Empörungswelle, lässt sich auch an den Medien ablesen, die von einer Trendwende sprechen: So kommt das renommierte Time Magazine fünf Wochen nach dem Angriff auf die Parkland High School mit einer Titelgeschichte über die protestierenden Jugendlichen auf den Markt. Die Überschrift wirkt wie ein Appell: „Genug.“

Tatsächlich weht ein Wind des Wandels durch die USA. Eine Umfrage des Gallup-Instituts zeigt, wie sich die Stimmungslage in der Bevölkerung dreht: 67 Prozent der Befragten fordern eine Verschärfung des Waffenrechts - so viele wie seit 1993 nicht mehr. Und als kürzlich ein republikanischer Politiker, der im Wahlkampf um das Regionalparlament in Maine stand, Emma Gonzalez als Skinhead-Lesbe beschimpfte, erlebte er in den sozialen Medien einen so starken Shitstorm, dass er seine Kandidatur zurückzog.

„Wir marschieren bis sich die Gesetze ändern“

Die Botschaft, die auch von diesem Wochenende ausgeht, ist eindeutig: Der Ärger ballt sich. In Washington gleicht die Pennsylvania Avenue zwischen dem „Trump International Hotel“ und dem Kongress einem Menschenmeer, das gegen das Parlamentsgebäude brandet. Als wollten sie all die Gesetzgeber hinwegspülen, die vor der NRA einknicken, strömen an diesem Nachmittag immer mehr Demonstranten an den Kongresshügel.

Die Jugendlichen wissen sehr genau, wie sie wirkungsvoll Druck auf die Volksvertreter ausüben können: „Wir gehen wählen“, rufen Hunderte im Sprechchor. Andere skandieren „2020, 2020“ und erinnern an die Präsidentschaftswahlen in zwei Jahren, bei der sie das umstrittene Thema ganz oben auf die Tagesordnung setzen wollen: „Genug ist genug! Wir werden das zu einem Thema bei Wahlen auf sämtlichen Ebenen machen“, ruft Delaney Tarr, ebenso wie Emma Gonzalez eine Überlebende der Massenschießerei.

Der Protestmarsch an diesem Wochenende sei erst der Anfang: „Wir marschieren weiter bis sich die Gesetze ändern.“ Als die 17-Jährige die Bühne verlässt, nimmt sie die Schauspielerin Miley Cyrus in den Arm. Dann ziehen sie Hand in Hand weiter in Richtung Kapitol - hinter ihnen Heerscharen von Kameraleuten. Mit geballter Faust führt Delaney Tarr den Chor an: „Hey, hey, NRA, wie viele Kinder hast Du heute schon getötet?“

Appell der Angehörigen

Umringt von Demonstranten, Journalisten und Polizisten sind auch Stars wie Ariana Grande und Jennifer Hudson. Die Prominenten dürften mehr sein als nur ein Anziehungspunkt für Fernsehzuschauer. Sie zählen zu den Motoren des landesweiten Protestes - so wie George Clooney, der 500.000 Dollar spendete, um die Organisatoren zu unterstützen.

Mit Tränen in den Augen verfolgen die Demonstranten auch den Auftritt von Christopher Underwood. Der Schüler verlor seinen Bruder bei dem Massaker in Parkland und fleht seine Landsleute an: „Lasst uns gemeinsam aufstehen gegen diesen Wahnsinn.“ Und seine Mitschülerin Jaclyn Corin ruft empört: „Wir können Amerika nicht ‚großartig’ machen, wenn wir nicht sicher sind.“

Der Präsident spielt Golf

Donald Trump wird diese Anspielung auf sein Wahlkampfmotto „Make America great again“ (Macht Amerika wieder großartig) nicht gehört haben. Der Präsident, der sich stets als enger Freund der Waffenlobby „National Rifle Association“ bezeichnet, verbringt das Wochenende in seiner Winterresidenz Mar-a-Lago in Florida. Wie seine Mitarbeiter zu berichten wissen, spielt er an diesem Sonnabend Golf - fünf Stunden lang. Allem Anschein nach fehlt ihm die Zeit, um ein Wort über die Massendemonstrationen zu verlieren.

Offiziell lässt das Weiße Haus verlauten: „Wir applaudieren den vielen mutigen jungen Amerikanern, die heute ihr Verfassungsrecht auf freie Meinungsäußerung ausüben. Unsere Kinder zu schützen ist eine Top-Priorität des Präsidenten.“

Regierung bewegt sich langsam

Dass Trump den Widerstand gegen die Waffenlobby gleichwohl sehr ernst nimmt, deutet sich am Vortag an: Unmittelbar vor dem „March for our lives“ gibt die Regierung bekannt, die sogenannten Bump Stocks, mit denen sich halbautomatische Waffen zu Maschinenpistolen umbauen lassen, zu verbieten. Auch unmittelbar nach dem Massaker in Parkland hatte sich Trump überraschend gesprächsbereit gezeigt und in mehreren Debatten betont, dass sich etwas ändern müsse. Weitere Taten sind seinen Ankündigungen allerdings nicht gefolgt.

Emma Gonzalez will sich von den Reaktionen des Weißen Hauses nicht entmutigen lassen. Am Sonnabend stellte die Schülerin klar: „Wir können und wir werden die Welt ändern.“

Von Stefan Koch

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