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Nachrichten Politik Martin Schulz gibt den Straßenkämpfer
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11:31 20.09.2017
Auf den letzten Metern gibt der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz noch einmal alles. Quelle: dpa
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Berlin

Es ist Montagabend, 20.41 Uhr, als Martin Schulz für ein paar Sekunden Gefahr läuft, die „Wahlarena“ der ARD als Depp des Abends zu verlassen. Eine sechsfache Mutter meldet sich und erzählt von ihrer Angst, trotz ihres stressigen Arbeitsalltags als Köchin, Pflegerin, Taxifahrerin und Eventmanagerin eines Tages von einer Mindestrente leben zu müssen.

SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz steht in der Wahlarena in Lübeck (Schleswig-Holstein). Knapp eine Woche vor der Bundestagswahl stellt sich Schulz den Fragen der 150 repräsentativ ausgewählte Bürger. Die Bilder aus dem Studio.

Es ist ein Satz voller Ironie, mit dem die Mutter den Alltag mit ihren Kindern beschreibt. Schulz versteht ihn nicht, das Publikum johlt. Dann die Rettung. Schulz erzählt die Geschichte der eigenen Mutter, die „genauso gearbeitet hat wie Sie“. Es ist ein Stolperpfad, auf dem Schulz sich zur Antwort windet, aber es funktioniert gerade so. Seine Stirn glänzt im Scheinwerferlicht. Bloß keine Antwort geben, mit der er verliert. Der Wahlkampf ist schwer genug.

Wer den Kanzlerkandidaten der SPD in diesen Tagen beobachtet, erlebt viele solcher Szenen. Nicht alles läuft rund, nicht alles klappt auf Anhieb. Er sei ein Straßenkämpfer, hat er in der Frühphase des Wahlkampfes angekündigt. Viele in der SPD haben sich danach gefragt, wann die Eigenschaft endlich mal in Erscheinung trete. Inzwischen hat Schulz die Frage beantwortet: auf den letzten Metern dieses Wahlkampfes.

Schulz verhilft SPD zu unvergleichlichem Aufschwung

Martin Schulz, 61, hat sich zu Beginn dieses Jahres auf eine in der Politik einzigartige Reise begeben. Er verhalf als Kanzlerkandidat der SPD zu einem unvergleichlichen Aufschwung, er überholte Angela Merkel in den Umfragen – nur kurz, aber dadurch entstand ein Moment, in dem man in der SPD dachte, alles sei wieder möglich.

18. Februar. SPD: 33 Prozent. CDU: 32. Die SPD ist wieder da. Merkel kann geschlagen werden. Der Schulzzug rollt.

In den Wochen danach fährt die SPD plötzlich schwere Niederlagen ein, erst im Saarland, dann in Schleswig-Holstein, schließlich in Nordrhein-Westfalen. Jede Pleite scheint die nächste möglich zu machen. Die SPD scheint zunehmend verunsichert, die Umfragen sinken auch im Bund, der Schulzzug, eine der hartnäckigsten politischen Metaphern dieser Wochen, entgleist. Bis Martin Schulz im September wieder an jenem Tiefpunkt angekommen scheint, an dem er im Januar gestartet war.

Ein Mann auf den letzten Metern

Die Krise der SPD ist plötzlich fundamental, denn niemand kann sie so recht erklären. Martin Schulz habe nicht viel falsch gemacht, hört man immer wieder, wenn man mit Genossen spricht. Und doch werden er und seine Partei vor großen Fragen stehen nach dem Wahltag. Kann sich Schulz als Parteichef halten, auch wenn er das möglicherweise schlechteste Ergebnis der SPD in der Nachkriegszeit einfährt? Und wird es ihm gelingen, seine SPD von einer neuerlichen Großen Koalition zu überzeugen?

Martin Schulz im September, das ist ein Mann im Überlebenskampf. Für sich selbst, seine unvollendete Aufgabe als führender Sozialdemokrat. Aber eben auch für seine Partei, die sich so nach einer Perspektive sehnt, irgendwann wieder die stärkste Kraft im Land zu sein. Ein Mann auf den letzten Metern. Ein Kämpfer, der die Katastrophe vermeiden will. Der nicht weiß, wie es in wenigen Tagen weitergeht.

An einem kühlen Freitag Anfang Mai ist Schulz unterwegs im Landtagswahlkampf in Nordrhein-Westfalen. Morgens Kundgebung in Herford, mittags Unternehmensbesuch in Bielefeld, nachmittags Straßenwahlkampf in Hagen, abends Diskussionsveranstaltung in Remscheid. Schulz, schwarze Jacke, roter Schal, haftet in jenen Tagen trotz der ersten Wahlniederlage im Saarland noch der Zauber des Neuen an.

Wo Schulz ist, ist Begeisterung

Er ist ein Hoffnungsträger der SPD. Wo er auftaucht, reagieren die Menschen begeistert. Plakate, Selfies, Blumen, Autogramme. Und nach den erwarteten Wahlerfolgen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen soll die Euphorie noch einmal ansteigen. So sieht es das Drehbuch aus dem Willy-Brandt-Haus vor.

Am späten Nachmittag hält die Kolonne mit der schwarzen Panzerlimousine am Rasthof Lichtendorf bei Dortmund. Schulz und seine Begleiter wählen einen Platz am Fenster mit Blick auf die A 2. Bei Kaffee aus Pappbechern und Würstchen mit Tütensenf geht der Kanzlerkandidat die zurückliegenden Monate noch einmal durch.

Die holprige Nominierung im Januar, die plötzliche Euphorie, der Hype im Internet. Und wie dann jener Sonderparteitag kam, der ihn mit historischen 100 Prozent Zustimmung in sein neues Amt gewählt hat. „Wenn mir das vorher einer gesagt hätte, ich hätte es nicht geglaubt“, erklärt Schulz, draußen rauschen die Lastwagen vorbei.

Schon in jenen Maitagen wirkt alles irgendwie unwirklich. Und damals sehen die Umfragen die SPD noch bei annähernd 30 Prozent. Heute wirkt alles nur noch surreal.

Schulz bereist Italien

Seit der Niederlage von Hannelore Kraft in Nordrhein-Westfalen sind die Selbstzweifel wieder da. Die alte Angst, dass nur die Kanzlerin von der Großen Koalition profitieren könnte. Und dass nachher alles nur noch schlimmer ist.

Einer der wenigen Auslandstermine im Wahlkampf führt den SPD-Chef Ende Juli nach Italien. Politische Gespräche mit dem italienischen Ministerpräsidenten Paolo Gentiloni in Rom, danach Flug nach Sizilien, ein Brennpunkt der Flüchtlingskrise. Ein paar Tage zuvor hat Schulz vor einem erneuten Massenansturm gewarnt und Bundeskanzlerin Angela Merkel in Mithaftung genommen. Jetzt müht er sich nach Kräften, das Thema am Köcheln zu halten, sich aber gleichzeitig nicht dem Populismus-Vorwurf auszusetzen.

Der SPD-Kanzlerkandidat hat ein neues Wahlkampfthema entdeckt: eine erneute Flüchtlingskrise. Am Donnerstag macht er sich deshalb nach Italien auf. Denn das Land ächzt unter dem Flüchtlingsstrom aus Nordafrika.

„Ubaldo Diciotti“ heißt das Schiff der italienischen Küstenwache, das er am frühen Nachmittag besucht. Sollten seine Presseleute auf eindrucksvolle Bilder gehofft haben, werden sie bitterlich enttäuscht. In einem niedrigen Versammlungsraum des Schiffes wird Schulz empfangen. Der Raum ist vollgestellt mit Stühlen und Tischen. Es gibt keine Fester, es ist stickig.

Die Partei wird nervös

Schulz gibt sich trotz widriger Bedingungen kämpferisch. Den Kapitän kenne er, betont er mehrfach. Soll ihm bloß keiner nachsagen, er versuche, nur ein paar Punkte im Wahlkampf zu sammeln. Der Besuch ist ein Balanceakt, und er ist systematisch für den Wahlkampf des SPD-Mannes. Er versucht immer wieder, sich von der Kanzlerin abzusetzen. Aber für eine deutliche Distanzierung reicht es oft nicht. Es ist der Makel eines Kandidaten, dessen Partei sich in der Großen Koalition befindet.

Schulz spürt, wie die Partei nervös wird, weil es nicht vorangeht, weil die Umfragen sich nicht verbessern. Im Hintergrund beginnen sich die Genossen Gedanken zu machen, wie es weitergeht. Anfang August ist Schulz Gast bei der BundesLeserKonferenz des RedaktionsNetzwerks Deutschland. Als ein Leser fragt, ob er auch bei einer Wahlniederlage im September sein Bundestagsmandat annehmen und Parteichef bleiben wolle, gibt Schulz eine bemerkenswerte Antwort. „Ich werde mich auf dem nächsten Parteitag natürlich um eine Wiederwahl bewerben. Die SPD kann längere Rhythmen in der Amtszeit ihrer Vorsitzenden gut gebrauchen.“

Die Veranstaltung ist vielleicht der Anfangspunkt des kämpfenden Schulz. In den Wochen danach wirkt er konzentriert. Alles ist auf das Fernsehduell ausgerichtet. Es ist seine Chance. Merkel und er auf Augenhöhe. Er will attackieren, die Wende schaffen.

Doch die Wende am 4. September bleibt aus. Schulz schlägt sich achtbar, aber er macht auch Fehler. Ohne Not debattiert er über die Rolle Gerhard Schröders und dessen Verknüpfungen mit Russland. Viele Themen drehen sich zudem um die Flüchtlinge und die innere Sicherheit. Die Bewertungen der Zuschauer nach dem Duell sehen düster aus. Merkel hat in den Augen der meisten die Debatte für sich entschieden. In der SPD-Zentrale reagieren die Mitarbeiter deprimiert. Was nun? Die Chancen schwinden. Und jede Zahl, jede Umfrage wird nervös aufgenommen.

So wie vergangene Woche. Als die ARD-Meinungsforscher von In­fratest Dimap die SPD bei 20 Prozent verorten, ist der Schock mit Händen greifbar. Termine werden abgesagt, Sozialdemokraten gehen nicht mehr ans Telefon. Als am Folgetag das Konkurrenzinstitut Forschungsgruppe Wahlen die SPD bei 23 Prozent sieht, wird die einst traumatische Zahl kurzerhand zur Trendwende umgedeutet. „Alles wieder drin“, heißt es plötzlich.

Noch vor einigen Monaten waren sich alle einig, dass Schulz ein besseres Ergebnis als Peer Steinbrück erzielen müsse, um Parteichef bleiben zu können. Inzwischen ist davon keine Rede mehr. Viele in der SPD rechnen damit, dass Schulz selbst das Steinmeier-Ergebnis von 23 Prozent überstehen würde, möglicherweise noch weniger. Das hängt damit zusammen, dass Schulz keine schweren Fehler gemacht hat. Dass die potenziellen Nachfolger nicht gerade Schlange stehen. Dass mancher Genosse in mittelschwere Panik verfällt, wenn man sich An­drea Nahles als mögliche Nachfolgerin vorstellt. Und dass drei Wochen nach der Bundestagswahl in Niedersachsen ein neuer Landtag gewählt wird.

Kommt die Große Koalition?

Doch reicht es auch für eine erneute Regierungsbeteiligung? Ist das überhaupt gewünscht? In der SPD gehen die Meinungen auseinander. Könnte Schulz frei entscheiden, würde er wohl das Bündnis mit Merkel ansteuern. Die Vorteile lägen auf der Hand: Die SPD könnte weiter Politik bestimmen, die Minister würden nicht arbeitslos werden. Und bei der nächsten Wahl, in vier Jahren, wird Angela Merkel voraussichtlich nicht mehr antreten.

Dann, so glauben sie in der SPD, werden die Karten ohnehin neu gemischt. Eine besonders hinterhältige Überlegung ist die, dass die SPD zwar eine Große Koalition eingehen könnte, diese aber auf dem Weg aufkündigen könnte. Dann wäre die Kanzlerin in der schwierigen Situation, sich kurzfristig für oder gegen eine erneute Kandidatur entscheiden zu müssen.

Der 24. September wird so zu einem Schlüsseltag für die SPD. Ein Minusrekord beim Ergebnis muss unbedingt verhindert werden. Und es muss eine Perspektive her, mit der die stolze Partei irgendwann wieder den Kanzler stellen kann.

Martin Schulz weiß das. Er will seine SPD irgendwie noch etwas nach oben ziehen. Nicht aufgeben. Nicht nachlassen. Sonst verglüht er mit seiner Partei, nachdem es in wenigen Monaten in Rekordgeschwindigkeit hoch – und dann wieder ganz tief nach unten ging.

Von Andreas Niesmann und Gordon Repinski

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