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Mays Albtraum

Großbritannien Mays Albtraum

Premierministerin Theresa May wollte mit ihrer Rede zum Abschluss des Parteitags der Konservativen zum Befreiungsschlag ausholen und vor einer frustrierten Partei Stärke demonstrieren. Doch die Ansprache ging vor allem aus gesundheitlichen Gründen völlig daneben.

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Theresa May musste ihre Rede aufgrund gesundheitlicher Probleme immer wieder unterbrechen.

Quelle: imago/i Images

Manchester. Es sollte um den „britischen Traum“ gehen, mit dem Premierministerin Theresa May am Mittwoch auf großer Bühne Optimismus für die Zukunft verbreiten wollte und gleichzeitig auf einen Befreiungsschlag als Regierungschefin hoffte. Unter Ovationen trat sie passend zur Parteifarbe im blauen Kleid vor die Konservativen. Doch ihre Rede zum Abschluss des viertägigen Parteitags wurde zum persönlichen Albtraum. Nicht nur, dass ihr aufmüpfiger Außenminister Boris Johnson abermals die Schlagzeilen im Vorfeld bestimmte. Nicht nur, dass ein Komiker die Ansprache störte, indem er May mit Verweis auf Johnson ein Formular überreichte, das in Großbritannien bei einer Entlassung ausgehändigt wird. Ja, und nicht nur, dass einzelne Buchstaben des hinter ihr hängenden konservativen Slogans nach und nach abstürzten, was allerlei Vergleiche mit der „sich im freien Fall befindenden“ Partei provozierte. Das Schlimmste für die ohnehin angezählte Theresa May: Sie verlor ihre Stimme. Führungsstärke demonstrieren und den Fokus auf eine innenpolitische Agenda lenken, das war der Plan. Stattdessen erntete eine schwach wirkende May vor allem Mitleid. Es war fast qualvoll zuzuschauen, wie sie sich durch die Rede hustete, räusperte und krächzte. Viele ihrer Sätze und mit ihnen der Inhalt gingen schlichtweg unter, weil die Chefin der Tories unter den Folgen einer Erkältung und etlicher Interviews in den vergangenen Tagen litt. Die Vorstellung, rar an neuen politischen Ideen, steht symbolisch für die vergangenen Monate.

Labours Erfolg sorgt bei den Konservativen für Panik

May begann mit einer demütigen Geste und entschuldigte sich vor den Delegierten für die schiefgelaufene Parlamentswahl im Juni. Die Kampagne sei zu sehr nach Drehbuch und zu präsidentiell geführt worden. „Ich übernehme die Verantwortung. Ich habe den Wahlkampf angeführt. Es tut mir leid.“ Die Vorsitzende weiß um die Frustration bei den Konservativen, die sich in Manchester unaufhörlich die Existenzfrage stellten. „Diese Partei liegt im Sterben“, hieß es am Rande des Jahrestreffens von zahlreichen verzweifelten Mitgliedern immer wieder und das keineswegs hinter vorgehaltener Hand. Sinkende Mitgliederzahlen, eine alternde Anhängerschaft und eine fehlende Anziehungskraft für junge Briten – frustrierte Tories suchten nach Lösungen. Auch in den Meinungsspalten der Presse wurden drastische Begriffe herangezogen. Der Kolumnist Matthew Parris nannte May „eine Zombie-Premierministerin in einem Zombie-Kabinett in einer Zombie-Partei“. Hatten sich die Konservativen zu einer Konferenz der Untoten getroffen? Das Durchschnittsalter der Parteimitglieder liegt bei 72 Jahren. Während Labour einen beispiellosen Zulauf von jungen Menschen genießt und in Umfragen vorne liegt, herrscht bei den Konservativen Panik. Folglich bestimmte der sozialdemokratische Chef Jeremy Corbyn wie der berühmte Elefant im Raum etliche Debatten, fast mit Neid schielte man auf die Opposition.

Außenminister Johnson schießt rhetorisch wieder quer

Dass der Superstar dieser Tage ein Hinterbänkler namens Jacob Rees-Mogg war, sagt viel aus über den Zustand der Tories. Wie aus dem Bilderbuch-Establishment entsprungen, tritt der 48-Jährige stets mit zweireihigem Anzug und Oberschichten-Englisch auf. Kritiker sehen auch seine Ideen in vergangenen Zeiten verankert. Rees-Mogg twittert auf Latein, ist gegen Abtreibung und die gleichgeschlechtliche Ehe, doch insbesondere beim Thema Brexit überzeugt er als Hardliner seine Fans. Manche räumen ihm mittlerweile sogar Chancen ein, eines Tages in die Downing Street einzuziehen. Dahin will aber vor allem Boris Johnson, der seit Wochen Theresa May vor sich hertreibt. Er gab sich während seiner Parteitagsrede am Dienstagnachmittag zwar zahm und sorgte mit Witzen und Esprit für etwas gute Stimmung in der Tristesse. Es sei Zeit, „das Referendum nicht mehr wie eine Eiterbeulenpest oder eine Rinderpest oder einen unerklärlichen Fehltritt von 17,4 Millionen Menschen zu behandeln“, fand er, sondern kühn zu sein und die Möglichkeiten zu nutzen. „Lasst den Löwen brüllen“, sagte Johnson, der nach Rücktrittsforderungen von Kollegen die Gerüchte um seine Machtambitionen zerstreuen und Unterstützung für May demonstrieren wollte. Er hatte sich in den vergangenen Wochen immer wieder mit „roten Linien“ zu den Brexit-Verhandlungen zu Wort gemeldet. Seine Äußerungen werden auf der Insel als letzter Versuch gehandelt, doch noch an die Regierungsspitze zu gelangen. Aber auch wenn May von allen Seiten aufgefordert wird, den schillernden blonden Minister zu feuern. Sie ist zu schwach und die Sorge, mit einer Entlassung einen mächtigen Brexit-Märtyrer gegen sich zu haben, wiegt groß. Dabei scheint er geradezu darum zu betteln. Am Dienstag war der rhetorisch brillante Chefdiplomat kaum von der Bühne verschwunden, da sorgte er erneut für einen Eklat. Die ehemalige IS-Hochburg Sirte in Libyen mit ihrem „weißen Sandstrand, wunderschönen Meer“ könne zu einem neuen Dubai werden, sagte Johnson bei einer Veranstaltung und fügte witzelnd hinzu: „Sie müssen nur die Leichen wegräumen.“

Von Katrin Pribyl/RND

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