Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 3 ° Sprühregen

Navigation:
Nach der Drohung: Der bange Blick auf das Paket

DHL-Erpressung Nach der Drohung: Der bange Blick auf das Paket

Die Erpressung von DHL trifft Deutschlands Paketdienste mitten im Boom und mitten im Weihnachtsgeschäft der Onlinehändler: Nie wurden so viele Waren verschickt wie in diesem Jahr. Liegt hier ein neues Einfallstor für Kriminalität und Terror? Bundesweit wächst die Nervosität.

Voriger Artikel
DHL-Erpressung: „Profis sind das meistens nicht“
Nächster Artikel
Oberster Gerichtshof bestätigt Trumps Einreiseverbot

Was ist da drin? An dieser Potsdamer DHL-Packstation, mitten in einem Wohngebiet, ist die Paketbombe abgegeben worden, die am Wochenende für Terrorangst auf dem Weihnachtsmarkt gesorgt hat.

Quelle: dpa

Potsdam. In Thüringen äußerte sich am Montag der Ministerpräsident persönlich zu verdächtigen Vorkommnissen in der Poststelle seiner Staatskanzlei. Ein DHL-Paket mit „möglicherweise explosivem Inhalt“ sei dort eingegangen, berichtete Regierungschef Bodo Ramelow (Linke) in Erfurt. Mitarbeiter seien auf das Paket aufmerksam geworden, die Polizei habe es sichergestellt.

Nach einer ersten Vorprüfung habe die Polizei von einer möglichen „Wurfgranate“ gesprochen. Ob sie scharf sei, müssten die weiteren Untersuchungen ergeben. „Ich bin froh, dass den Mitarbeitern nichts passiert ist“, fügte Ramelow hinzu. „Alle haben perfekt reagiert.“

Fehlalarme aller Art

Zur Mittagszeit ging die entsprechende Meldung über die Agentur raus an Presse, Hörfunk und Fernsehen. Erst am Nachmittag gaben Polizei und Staatsanwaltschaft Entwarnung: In dem Paket, adressiert an Ramelow, ohne Absender, waren nur „zusammengerollte Kataloge“.

Zur gleichen Zeit waren schon Spezialisten der Bundespolizei nach Sondershausen geeilt, ebenfalls in Thüringen. Im dortigen Landratsamt hatte ein Mitarbeiter in einem Briefumschlag ohne Absender Pulver und „etwas Technisches“ ertastet. Das Landratsamt wurde geschlossen, alle Mitarbeiter, die in direkten Kontakt mit dem Brief gekommen waren, wurden in einem separaten Raum untergebracht. Auch hier gab es später Entwarnung.

Der Fall des DHL-Erpressers, der in Brandenburg in zwei Fällen tatsächlich gefährliche Sprengstoffladungen verschickte, hat zur Weihnachtszeit die Stimmung spürbar eingetrübt: Im ganzen Land betrachten die Deutschen eingehende Sendungen aller Art mit neuer Nervosität.

Die Branche ist heillos überlastet – auch ohne Bombenalarm

Pakete, Pakete und noch mehr Pakete: Zu Spitzenzeiten wie jetzt in der Weihnachtssaison jonglieren die Zusteller von DHL, DPD, GLS, Hermes und UPS mit deutschlandweit 15 Millionen Sendungen pro Tag. Bis zum Ende dieses Jahres werden die Dienste ihren Kunden 3,3 Milliarden Sendungen zustellen – so viel wie nie zuvor in der deutschen Geschichte.

Der stetig wachsende Strom der Pakete vor allem aus dem Onlinehandel ist für die Dienste kaum noch zu bewältigen. Rund 25 000 Zusteller werden in der Branche in diesen Tagen zusätzlich beschäftigt. Wegen der Vielzahl von Lieferungen, Reklamationen und Rücksendungen droht vor allem zu Weihnachten Chaos – auch ohne jeden Bombenalarm. Hermes beispielsweise führt inzwischen Verhandlungen mit Versandhäusern über Obergrenzen für die Liefermengen.

Sind inzwischen die Grenzen des in den letzen Jahren stürmischen Wachstums erreicht? Viele in der Branche sehen es so. Von einem „dauerhaften Logistikproblem“ spricht der Chef des Bundesverbandes Onlinehandel, Oliver Prothmann. Weihnachtszuschläge sind ebenso im Gespräch wie generelle Preiserhöhungen.

„In der Zukunft kann es so kommen, dass die Paketdienste standardmäßig an den Paketshop liefern und die Lieferung zur Haustür dann zum Beispiel 50 Cent kostet“, sagte der Geschäftsführer des Paketdiensts DPD, Boris Winkelmann, der „Wirtschaftswoche“. „Die Zustellung an die Haustür muss angesichts des hohen Aufwandes teurer werden“, sagt auch Hermes-Geschäftsführer Frank Rausch. Man brauche in städtischen Räumen große Paketshops, in die alle Dienste ihre Pakete liefern können.

Nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik waren so viele Pakete in Deutschland unterwegs. Und nie zuvor landeten so viele in den gegen Explosionen gesicherten Speziallabors der Polizei. Mit Röntgenstrahlen und diversen Sensoren forschen die Beamten dort nach etwas, das in der Fachsprache USBV heißt: unkonventionelle Spreng- oder Brandvorrichtung.

Zweimal hätte eine solche Vorrichtung in den vergangenen Tagen Menschen verletzen oder sogar töten können. In Potsdam ging ein DHL-Paket gefüllt mit Nägeln, Schrauben und einem Polenböller an eine Apotheke – die Entdeckung der Sendung führte am Freitagabend zur teilweisen Sperrung des Weihnachtsmarkts in der brandenburgischen Landeshauptstadt.

Bereits Anfang November ging ein ähnlicher Sprengsatz bei einem Online-Versandhändler in Frankfurt an der Oder in Flammen auf. In diesem Fall entgingen die Mitarbeiter, nachdem das verdächtig wirkende DHL-Paket aus der normalen Post heraussortiert worden war, offenbar nur knapp einer Explosion.

Am Sonntag hatte die Polizei mitgeteilt, die Anschläge in Potsdam und Frankfurt (Oder) seien Teil eines millionenschweren Erpressungsversuchs gegen den Postdienstleister DHL. Ein DHL-Sprecher lehnte am Montag am Sitz des Unternehmens in Bonn erneut jeden Kommentar zu der Erpressung ab.

„Wir sind angesichts der Lage besonders wachsam“

„Wir sind angesichts der Lage besonders wachsam“: Mitarbeiter des Logistikunternehmens DHL bei der Paketsortierung in einer Anlage in Hamburg.

Quelle: dpa

Das in die Potsdamer Apotheke gelieferte DHL-Paket wurde von der Polizei durch einen Wasserstrahl zerstört. Doch die Ermittler setzten die Fetzen eines im Paket liegenden Briefes zusammen und stießen so auf einen QR-Code. Dieser Code führte auf einen Internet-Link mit den Forderungen des Erpressers.

Laut Polizei droht der unbekannte Täter damit, weitere Paketbomben an unbeteiligte Personen zu schicken, wenn seine Forderungen nicht erfüllt werden. Dafür nehme er auch Tote und Verletzte in Kauf.

Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter nimmt die Drohungen sehr ernst. „Im Zweifel sollte auf jeden Fall die Polizei informiert werden“, sagte der SPD-Politiker am Montag in Potsdam. „Die Paketbomben könnten zu schwersten Verletzungen oder sogar zum Tod führen.“

Das Potsdamer Paket war in einer Packstation aufgegeben worden, nur drei Kilometer von der Zieladresse entfernt. Die Packstation steht in einem Wohngebiet direkt neben einem Supermarkt. Beim Infotelefon der Polizei gingen bis Montagabend mehr als 50 Hinweise ein. Eine heiße Spur sei noch nicht darunter, sagte Polizeisprecher Torsten Herbst. Dennoch seien die Ermittler mit der Zahl und der Qualität der eingegangenen Hinweise „sehr zufrieden".

Wer auch immer der Paket-Erpresser ist, er hat eines geschafft: Er hat den deutschen Weihnachts-Kaufrausch an seiner empfindlichsten Stelle getroffen. Frühere Erpresser attackierten den stationären Handel: Arno Funke alias Dagobert deponierte Bomben in Karstadt-Filialen. Immer wieder waren Lebensmittelkonzerne das Ziel von Erpressern, die vergiftete Babybrei-Gläschen in Drogeriemärkten deponierten – zuletzt in diesem Sommer. Doch der DHL-Erpresser ist der erste Kriminelle, der den Onlinehandel attackiert, und zwar den Flaschenhals dieser Boombranche: die Paketdienste.

DHL sah sich am Montag schon genötigt zu verkünden: „Pakete bei DHL sind genauso sicher wie bei jedem anderen großen Paketdienstleister.“ Das ist ein erster leiser Hinweis darauf, wie sehr die Erpressung den Ruf des Marktführers gefährdet.

Büßt DHL seinen Vorsprung ein?

Bisher hat DHL im mörderischen Geschäft um Mengen und Margen einen Vorsprung halten können: Als Teil des Ex-Staatskonzerns Deutsche Post hat DHL ein etwas seriöseres Image als die Konkurrenz – vor allem seit die Firma auf Subunternehmer in der Zustellung verzichtet und eigene Kräfte anstellt.

Allerdings sind auch die Arbeitskämpfe beim Platzhirsch härter als anderswo. Spekulationen, nach denen der Erpresser aus der Firma selbst kommt, wollte am Montag niemand bestätigen.

Sieben Millionen Pakete versendet allein DHL jeden Tag in der Adventszeit. Vier Millionen pro Tag sind es im Rest des Jahres. Drei Milliarden Pakete ließen sich die Deutschen 2016 schicken, vor zehn Jahren war es noch eine Milliarde Sendungen weniger.

Schon in fünf Jahren, so schätzt die Branche, müssen die Boten vier Milliarden Sendungen pro Tag ausliefern. Logistikexperten warnen schon vor dem drohenden „Paket-Infarkt“, Städte rufen nach Abhilfe gegen die sich regelmäßig zur Altpapiersammlung auftürmenden Gebirge von Kartons und Pappschachteln an den Bürgersteigen.

Was genau wird da geliefert?

In der Flut der Pakete können die Dienste unmöglich prüfen, was genau sie ihren Kunden liefern. „Wir werden jedoch alle Maßnahmen ergreifen, die möglich und machbar sind, um unsere Kunden und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schützen“, teilte DHL am Montag mit. Der Hamburger Konkurrent Hermes ließ wissen, seine Mitarbeiter seien ohnehin dafür sensibilisiert, bei verdächtigen Paketen sofort Alarm zu schlagen. Doch das reiche jetzt nicht mehr aus: „Anlässlich der gefundenen Paketbombe von Freitag werden die bestehenden Sicherheitsvorkehrungen jedoch geprüft und gegebenenfalls ausgeweitet“, sagte Hermes-Sprecher Ingo Bertram dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Ähnlich äußert sich der Paketdienst DPD: „Wir sind angesichts der Lage besonders wachsam, um Schaden für Mitarbeiter und Paketempfänger zu verhindern“, sagt dessen Sprecher Frank Vergien.

Mitten im Kaufrausch

Mitten im Kaufrausch: Die Erpressung trifft den Onlinehandel in einem emfpindlichen Moment.

Quelle: dpa

Unterdessen häufen sich weitere Fehlalarme. Am Montagvormittag gab es Aufregung in der Zentralen Bußgeldstelle im brandenburgischen Gransee. Dort ging nach Auskunft aus dem Polizeipräsidium in Potsdam „zwischen 10 und 11 Uhr eine verdächtige Paketsendung ein“. Daraufhin wurde offensichtlich zunächst die Räumung der Behörde veranlasst – doch schon bald gab es Entwarnung: In dem verdächtigen Paket war nur ein Christstollen. „Anscheinend hat sich jemand bei Mitarbeitern der Bußgeldstelle für irgendetwas bedanken wollen“, hieß es aus dem Polizeipräsidium Potsdam.

Erleichterung machte sich am Ende auch in Kiel breit, wo am Montagmorgen ein Gymnasium evakuiert worden war, nachdem dort vor Schulbeginn eine Bombendrohung eingegangen war. Die Polizei fand keine verdächtigen Gegenstände.

Parallel untersuchten Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes ein Paket, das bei einem benachbarten Altenheim in Kiel eingegangen war. Der Inhalt war harmlos. Die Sprengstoffexperten fanden nur harmlose Grußkarten.

Von Jan Sternberg, Sophie Aschenbrenner und Bert Wittke / RND

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Politik
../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-171203-99-127713_large_4_3.jpg
Fotostrecke: DHB-Frauen stoßen Tor zum WM-Achtelfinale weit auf

Braucht Hennigsdorf ein Stadtbad für 38,3 Millionen Euro?