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16:01 01.02.2018
In den Tiefen der Erinnerung: Heinrich Gerlach versucht 1956, sich per Hypnose durch Psychiater Dr. Karl Schmitz und seine Sekretärin an die Bilder von Stalingrad zu erinnern. Quelle: Galiani Berlin
Leipzig

Unter den Toten war auch der Gefreite Walter Geibel aus Chemnitz. Er hatte den Krieg nicht gewollt. Er hatte überhaupt seinen kleinen Laden in Chemnitz nicht verlassen wollen. Nur den einen Wunsch hatte er dann später gehabt, seine Frau und den Jungen, der ihm in seiner Abwesenheit geboren war, noch einmal zu sehen. Dieser einzige Wunsch geisterte auch durch die Fieberträume und Fantasien seiner letzten Tage. Aber man hatte nach seinen Wünschen nicht gefragt. Man hatte über ihn verfügt  ... Und still, gehorsam und vertrauensvoll war er einen grässlichen Tod gestorben, ohne zu wissen, wofür.“

Das ist nicht der Einstieg in „Durchbruch bei Stalingrad“, sondern eine Passage ziemlich am Ende des 500-Seiten-Romans. Sie beschreibt stellvertretend den sinnlosen Tod von etwa 150 000 deutschen Soldaten, die direkt im Kessel von Stalingrad umkamen.

Seit dem 22. November 1942 war die 6. Armee durch das Unternehmen „Uranus“ weiträumig zwischen Wolga und Don von sowjetischen Truppen eingekreist. Der militärische Ring zog sich immer enger zusammen, bis es im Januar 1943 fast nur noch um die Stadt selbst ging, die durch Bomben und Granaten eine große Ruine geworden war.

Heinrich Gerlach (1908–1991) hat den Kessel miterlebt, und was er nicht selbst sah, das erfragte er bei Schicksalsgenossen und verfasste daraus einen Roman. Sein Alter Ego Oberleutnant Breuer macht die ganze Achterbahnfahrt der Gefühle mit – von der anfänglichen Hoffnung, dass der Befehl zum Ausbruch doch noch kommt, dass die 4. Panzerarmee unter Generaloberst Hoth mit der Aktion „Wintergewitter“ die Truppe doch noch „raushaut“, dass die Versorgung aus der Luft doch besser wird, bis hin zur bitteren Erkenntnis, dass all das nicht eintritt.

Aufzeichnungen aus dem Krieg

Stattdessen dringt Breuers Sicht immer tiefer vor in den Kessel, „bis unter die schmutzige Uniform des Soldaten, und offenbart seine jammervolle Gier nach Büchsenfleisch, Zigaretten, Feuerholz und imitierten Weihnachtsbäumen ebenso wie seine Einsamkeit, die Ausgeliefertheit, Verzweiflung und Verelendung in den vereisten Bunkern“, wie der Historiker Carsten Gansel schreibt. Er hat das 70 Jahre lang verschollene Manuskript „Durchbruch bei Stalingrad“ ausgegraben – 2012 in einem Moskauer Militärarchiv – und nun ans Licht der Öffentlichkeit befördert.

„Wozu das alles noch?“: Die zerstörte Stadtmitte von Stalingrad nach der Kapitulation der Wehrmacht am 2. Februar 1943. Quelle: dpa

Oberleutnant Breuer alias Heinrich Gerlach gehört zu den insgesamt bis zu 300 000 Eingeschlossenen im Kessel, darunter auch Tausende Rumänen, Kroaten, Italiener und Ungarn, und er hat nach eigenem Bekunden den Prozess des Niederschreibens auch als Versuch „einer psychischen Selbstheilung“ gesehen, durch den er „von den Schreckensbildern des Stalingrad-Geschehens freizukommen hoffte“.

Historische Filmaufnahmen von Stalingrad

Gerlach überlebt und geht mit 90 000 Wehrmachtsangehörigen in die russische Kriegsgefangenschaft. Er gehört letztlich zu den 6000, die diese Zeit auch noch überstehen und bis Anfang 1956 nach Deutschland zurückkehren.

Warum gerade er? Diese Frage beschäftigt Gerlach immer wieder. Warum hat gerade er überlebt, wo um ihn herum so viel gelitten und gestorben wurde. An einer Stelle des Romans lässt er den Hauptmann Eichert sagen: „Wozu das alles noch! Dieser Wahnsinnige wird ganz Deutschland den Nibelungentod bereiten – Und noch einmal zurück zu diesen Verbrechern, mit dem, was wir hier erlebt haben? ... Breuer, ich glaube, ich kann nie mehr lachen.“

Stalingrad, Anfang vom Ende

Stalingrad war der Anfang vom Ende. Die Wende in diesem Krieg. Danach ging es für Hitler nur noch rückwärts bis nach Berlin. Sie liegen im Dreck, ahnen es, und Breuer sagt: „Hitler will, dass wir sterben. Wenn wir am Leben bleiben, ist das die erste Tat gegen ihn, die erste Tat für etwas ganz Neues, das kommt!“

Trotz mehrfacher Versuche hochrangiger deutscher Militärs, darunter General der Artillerie Walther von Seydlitz, erteilt Hitler weder die Erlaubnis zum Ausbruch aus dem Kessel noch die zur Kapitulation. „Einigeln“ heißt der Befehl, „gegnerische Truppen“ binden und auf Hilfe von außen warten.

Der Oberbefehlshaber der 6. Armee, Friedrich Paulus, hält sich in einer Mischung aus Angst und stoischem soldatischem Pflichtgefühl an die irrsinnigen Weisungen aus dem Oberkommando des Heeres (OKH) und opfert so Zehntausende Menschenleben. Und während die Landser draußen im Schnee bei minus 30 Grad Kälte die Knochen verendeter Pferde abnagen, kredenzen die Ordonanzen in den bombensicheren Bunkern der Stäbe Rinderrouladen und Kartoffeln, Cognac und Zigarren. Als am Morgen des 31. Januar 1943 der Chef des Armeestabes, General Arthur Schmidt, Paulus weckt und untertänigst gratulierend davon in Kenntnis setzt, dass dieser soeben per Funkspruch vom Führer zum Generalfeldmarschall ernannt worden sei, muss er zugleich auch eine schlechte Nachricht überbringen: „Der Russe steht vor der Tür!“ Die Übergabeverhandlungen überlässt der frischgebackene Feldmarschall dem General Schmidt. Auf dessen Frage, ob Paulus noch Wünsche habe, winkt dieser ab: „Nein, danke ... danke! Vielleicht sehen Sie mal zu, dass wir unseren Wagen behalten können?! Und auch meinen Burschen, den hätte ich gern.“

Gerlach, in diesen letzten Tagen noch schwer verwundet, schlägt sich in der russischen Kriegsgefangenschaft auf die Seite der aktiven Hitlergegner und wird Mitglied des Bundes deutscher Offiziere und des Nationalkomitees „Freies Deutschland“. Er reiht sich damit ein in einen Verbund aus kommunistischen Emigranten, Schriftstellern, Intellektuellen, Künstlern und ehemaligen Wehrmachtsangehörigen, der versuchte, über Agitation und Propaganda die Deutschen von der Sinnlosigkeit des Krieges zu überzeugen. Das im Juli 1943 in Krasnogorsk bei Moskau gegründete Komitee strahlt Rundfunksendungen aus, lässt Flugblätter über den deutschen Linien abwerfen und gibt eine eigene Zeitung heraus, das „Freie Deutschland“, für die Gerlach über 30 Artikel schreibt.

Odyssee eines Manuskripts

In der Gefangenschaft beginnt Gerlach einen Roman zu schreiben, der die Geschehnisse von Stalingrad ungeschminkt darstellt. „Ich träume nicht von alter Zeiten Glück, ich breche durch und schaue nicht zurück. „Angeregt durch diesen Spruch Ulrich von Huttens (1488 –1523) gibt Gerlach seinem Manuskript den Titel „Durchbruch bei Stalingrad“ und breitet Erlebtes und Erfragtes auf 600 Schreibmaschinenseiten aus. Er rettet das Manuskript durch verschiedene Lager, aber 1949 fällt es in die Hände des russischen Geheimdienstes und wird beschlagnahmt. Auch der Versuch, eine Abschrift im doppelten Boden eines Koffers mit einem Heimkehrer außer Landes bringen zu lassen, scheitert. Im Frühjahr 1950 wird Gerlach aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und nimmt in der Nähe von Bremen eine Tätigkeit als Gymnasiallehrer auf. Sämtliche Versuche, seinen Roman aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren, misslingen.

Hypnose bringt Roman zurück

Dann kommt die Illustrierte „Quick“ ins Spiel. Gerlach gelingt es, das Blatt davon zu überzeugen, ihm eine Hypnose-Therapie bei dem damals bekannten Münchner Psychiater Dr. Karl Schmitz zu finanzieren. Die „Quick“ erhält dafür im Gegenzug die Druckrechte für die Story. Im August 1956 titelte das Blatt: „Ich weiß wieder, was war ...“ Unterzeile: „Russland-Heimkehrer erhält durch Hypnose-Behandlung Gedächtnis zurück.“

„Schrieb er Stalingrad in Hypnose?“ Heinrich Gerlach 1957 mit seinem neuen Manuskript „Die verratene Armee“. Quelle: Galiani Berlin

Doch ganz so einfach war es dann doch nicht. Zwar tauchen nach dreiwöchiger Behandlung Gerlachs die Jahre, die in den Abgrund des Vergessens gesunken sind, wieder auf. Und nach 23 ausgedehnten Sitzungen war auch umfangreiches Material zusammengetragen. Aber Ende April 1952 waren erst 90 Seiten geschrieben. Gerlach arbeitete noch vier weitere Jahre an der Rekonstruktion seines Buches. Endlich, im Herbst 1956, landet das fertige Manuskript bei der Nymphenberger Verlagsbuchhandlung in München und kommt dort 1957 unter dem für die 1950er-Jahre viel griffigeren Titel „Die verratene Armee“ heraus.

Die erste Auflage mit 10 000 Exemplaren ist nach einigen Wochen vergriffen. Nach einem Vierteljahr sind über 30 000 Exemplare verkauft und „Bild“ jubelt: „Das Grauen von Stalingrad – erlebt im Hypnose-Sessel.“ Die „Frankfurter Illustrierte“ titelt noch mit Fragezeichen: „Schrieb er ,Stalingrad’ in Hypnose?“ Eine Antwort darauf weiß der Literaturprofessor Carsten Gansel von der Uni Gießen, der das Urmanuskript von „Durchbruch bei Stalingrad“ 2012 im Archiv in Moskau entdeckte. Er hat in einem 170-Seiten-Essay, der dem Roman angehängt ist, ausführlich die Entstehungsgeschichte des Buches aufgearbeitet. Heinrich Gerlach selbst konnte nicht mehr erleben, inwieweit seine „Verratene Armee“ an den „Durchbruch“ heranreichte.

Die Urfassung beschreibt die Ausweglosigkeit präziser

Aber Gansel hat beides genau analysiert und kommt zu dem Schluss, dass wesentliche Elemente gleich sind, es aber auch gravierende Unterschiede gibt: „Die Urfassung ist mit Blick auf die militärischen Gegebenheiten zwischen Oktober 1942 und dem Ende der Kampfhandlungen in Stalingrad Anfang Februar 1943 durchweg präziser.“ Und: „Gerlach gelingt es in der Originalfassung besser, die immer aussichtsloser werdende militärische Lage der 6. Armee zu erfassen, er beschreibt atmosphärisch dichter die verzweifelte Situation der Landser und Offiziere.“ In der „Verratenen Armee“ bricht das Chaos nicht unvermittelt aus, sondern ein Erzähler führt aus überschauender Perspektive zum Ereignis hin. Beide Fassungen sind durchaus lesenswert und sind nicht nur nach Gansels Auffassung in der Antikriegsliteratur durchaus in einer Reihe mit Theodor Plievier („Stalingrad“; 1946), Heinrich Böll („Wo warst du, Adam?“; 1951) oder Fritz Wöss („Hunde, wollt ihr ewig leben?“; 1957) zu nennen.

Der Gefreite Geibel aus Chemnitz ist auf Seite 18 des Romans noch froh über ein Strohlager. Auf Seite 483 stirbt er, wie so viele andere. Anders als ihr ehemaliger Oberbefehlshaber. Paulus ging nach seiner Entlassung aus der Sowjetunion 1953 in die DDR und lebte bis zu seinem Tod 1957 in Dresden. Er bewohnte eine Villa im vornehmen Stadtteil Oberloschwitz, besaß eine eigene Handfeuerwaffe, fuhr einen Opel Kapitän und hielt Vorträge an der Hochschule der Kasernierten Volkspolizei, des Vorläufers der DDR-Militärakademie.

Von Jan Emendörfer

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