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Nachrichten Politik Prozessauftakt gegen IS-Deutschlandchef Abu Walaa
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17:53 26.09.2017
Hinter Sicherheitsglas: Abu Walaa beim Prozessauftakt in Hildesheim. Quelle: dpa
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Celle/Hildesheim

Er gilt als Führungsfigur der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Deutschland und machte als „Mann ohne Gesicht“ oder „Scheich von Hildesheim“ von sich reden. Der Prozess gegen den mutmaßlichen Islamisten Ahmad A. aus Hildesheim, der unter dem Namen Abu Walaa bekannt geworden ist, und vier weitere Angeklagte hat unter erheblichem Sicherheitsaufwand vor dem Oberlandesgericht Celle begonnen.

Schwer bewaffnete Polizisten sicherten das Gerichtsgebäude. Und dies nicht grundlos: Laut Gericht gibt es Anschlagsdrohungen ebenso wie den Aufruf im Internet zur Befreiung eines Angeklagten. Alle Zuhörer und Medienvertreter wurden einzeln durchsucht, mussten dabei auch ihre Schuhe ausziehen. Im Gerichtssaal 94 war ein Handyscanner aktiviert worden, um zu verhindern, dass die Verhandlung von Fremden aufgezeichnet wird. Wegen der Sicherheitsvorkehrungen und zusätzlicher technischer Probleme konnte der Vorsitzende Richter Frank Rosenow, der bereits die Verfahren gegen den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff und die Terrorverdächtige Safia S. aus Hannover geleitet hat, die Hauptverhandlung erst mit rund 50 Minuten Verzögerung eröffnen.

Höchster Repräsentant des IS in Deutschland

Zwar tragen mehrere der Angeklagten und auch Abu Walaa längere Bärte, wie sie für die radikal-islamischen Salafisten typisch sind. Wie furchteinflößende Terrordrahtzieher wirken die fünf aber nicht. Mit wachem Blick und sympathischem Lächeln redet Abu Walaa, der eine dunkle Strickjacke trägt und die Haare kurz rasiert hat, mit seinem Anwalt. Man kann sich vorstellen, dass er Menschen für sich gewinnen kann – und wie die Bundesanwaltschaft überzeugt ist: für einen fanatischen Glaubenskrieg.

Die Bundesanwaltschaft wirft Abu Walaa und seinen vier Mitangeklagten Hasan C., Boban S., Mahmoud O. und Ahmed F. Unterstützung der Terrororganisation IS vor. Sie sollen ein Netzwerk gebildet haben, um Sympathisanten des IS die Ausreise von Deutschland nach Syrien zu ermöglichen. Den vorbereitenden Unterricht sollen die Ausreisewilligen, so die Anklage, von Hasan C. und Boban S. in Duisburg erhalten haben. Anschließend soll Abu Walaa sie in Hildesheim in ihrem Entschluss zur Ausreise bestärkt und gefestigt haben. Auch der Berliner IS-Attentäter Anis Amri soll im Umfeld der umstrittenen Hildesheimer Moschee fotografiert worden sein. Die Bundesanwaltschaft stuft den 33-jährigen Iraker Abu Walaa als höchsten Repräsentanten des IS in Deutschland ein.

Abu Walaa nimmt Vorwürfe gelassen entgegen

Abu Walaa und die vier Mitangeklagten nahmen die von der Bundesanwaltschaft gegen sie vorgetragenen Vorwürfe gelassen entgegen. Walaa und Hasan C. grinsten mehrfach während der rund 50-minütigen Ausführungen der Vertreter der Strafverfolgungsbehörde.

Der Grund für ihre Gelassenheit offenbarte sich anschließend in einer ersten Stellungnahme von Rechtsanwalt Peter Krieger aus Bonn, einem der Verteidiger von Abu Walaa. Seiner Auffassung nach stützt sich die Anklage ausschließlich auf die Aussage von zwei Zeugen – einem V-Mann des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalens und einem als IS-Unterstützer verurteilten Kronzeugen der Bundesanwaltschaft. „Der Kronzeuge ist ein Hochstapler. Wer aber die Wahrheit erforschen will, darf nicht auf einen Terroristen setzen“, sagte Krieger. Die Bundesanwaltschaft glaube dem Kronzeugen jedes Wort. „Niemand hinterfragt die Aussagen und keiner prüft sie nach“, sagte der Strafverteidiger und kündigte an: Er werde deshalb beantragen, die Akten des Kronzeugen zur Verhandlung herbei ziehen. Und eines lässt aufhorchen: Die Verteidigung behauptet auch, der auf Abu Walaa angesetzte V-Mann „VP01“ des Landeskriminalamtes NRW habe Anis Amri immer wieder zum Verüben von Anschlägen aufgefordert. Deswegen, so die Vermutung der Anwälte, dürfe dieser wohl nicht in Celle als Zeuge aussagen.

Bundesweites Rekrutierungszentrum in Hildesheim

Alle fünf Angeklagten wurden im vergangenen November in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen festgenommen und sitzen seitdem in Untersuchungshaft. Ihnen drohen bis zu zehn Jahre Haft. Belastet wird Abu Walaa von mehreren V-Leuten der Polizei sowie einem ehemaligen IS-Sympathisanten aus Gelsenkirchen. Der Kronzeuge sagte sich nach einer Syrienreise von der Terrormiliz los und packte bei den Ermittlern aus, er erhielt im Mai eine Bewährungsstrafe.

Beim inzwischen verbotenen „Deutschen Islamkreis Hildesheim“ soll der 33-jährige Abu Walaa radikal-islamische Predigten gehalten und die Moschee des Vereins zu einem bundesweiten Rekrutierungszentrum des IS gemacht haben. Ziel war es nach Ansicht der Bundesanwaltschaft, Freiwillige für den IS nach Syrien oder in den Irak zu vermitteln.

Nach Abu Walaas Seminaren in der Hildesheimer Moschee fuhren reihenweise junge Männer in den Irak und nach Syrien. Mindestens 15 Männer aus Niedersachsen und 9 aus Nordrhein-Westfalen durchliefen nach Behördenerkenntnissen sein Netzwerk und reisten ins Kriegsgebiet. Sechs von ihnen sollen dort gestorben sein.

Das ist Abu Walaa

Ahmad Abdulaizz Abdullah A. ist ein 33-jähriger Iraker. Er war der Hauptprediger im inzwischen verbotenen Moscheeverein Deutschsprachiger Islam Kreis (DIK) in Hildesheim. Der 33-Jährige trat als Abu Walaa bundesweit in Moscheen, unter anderem in Berlin, Frankfurt und Kassel, auf und wirkte auch von seinem Zweitwohnsitz in Tönisvorst bei Krefeld aus.

Derzeit sitzt er in der JVA Sehnde in Untersuchungshaft. Er ist nach deutschem Recht mit einer Frau verheiratet, mit der er vier Kinder hat und zudem hat er eine zweite Ehefrau nach islamischem Recht, mit der er weitere drei Kinder hat.

Vor Gericht gab der 33-Jährige Vertreter für einen Getränkegroßhandel als Beruf an. Den Ermittlungen der Behörden zufolge, reiste er am 1. April 2003 nach Deutschland ein. Seitdem soll er mehrere Reisen in das IS-Gebiet unternommen haben. Dort sei er auch als Kämpfer ausgebildet worden. Für das Internet stellte er Videoclips her, in denen er ausschließlich von hinten zu sehen war, sodass er auch unter dem Namen als „Prediger ohne Gesicht“ bekannt wurde.

In der sehr vielfältigen salafistischen Szene gilt Ahmad A. als Dschihadist – das bedeutet, dass er zu jenen gerechnet wird, die Gewalt befürworten. In der Vergangenheit hatten sich andere Islamisten mit Verweis auf seine extremen Standpunkte abgewandt.

Von Tobias Morchner/RND/dpa

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