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Reine Kopfsache

Um jedes Fleisch gab es schon Skandale – nur der winzige Pferdefleischmarkt blieb verschont – bis jetzt Reine Kopfsache

Norbert Hansel erzählt gerne vom Pferd. Der 64-jährige Fleischermeister kennt alle Tricks des norddeutschen Marktschreiers, er schmeichelt, reißt Zoten ohne Pause.

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Fleischermeister Norbert Hansel aus Falkensee.

Quelle: STERNBERG

BERLIN. „Knacker wollen Sie? So alt wie Sie oder jünger?“, fragt er seinen Stammkunden Hans-Peter Schmidt. „Jünger, jünger“ grinst der grauhaarige Käufer. Es sind Pferdeknacker, die Schmidt kauft. Wurst, Rouladen, Schinken wandern in die Einkaufstüte. Seit 15 Jahren kauft Schmidt bei Hansel. Da kam der Fleischer aus der Gegend um Hamburg nach Falkensee (Havelland) und spezialisierte sich auf Pferdefleisch. Damit zieht er über die Märkte der Region, Schmidt und andere Stammkunden hinterher.

Gestern hatte Hansel seinen Stand in Berlin-Hohenschönhausen aufgebaut. Und plötzlich kam andere Kundschaft: Ein Kamerateam nach dem anderen filmte seine Auslage. Hansel flirtete mit den blonden Fernseh-Frauen, versuchte sie zu warmen Würstchen einzuladen. Vergeblich. „Mögen Sie kein Pferd?“, fragt Hansel. „Doch, viel zu gerne, um es zu essen“, wehrt die Kollegin ab.

Im Gespräch scherzt Hansel nicht mehr. Er ist sauer. Als Pferdemetzger blieb er von den Fleischskandalen der vergangenen Jahre verschont, er richtete sich in der Nische ein. Und die wuchs. „Das Pferd ist ein sauberes Tier, Pferdefleisch ist sauberes Fleisch“, betont er wieder und wieder. Fettarm, eiweißreich, nicht überzüchtet – Hansel hat viele Argumente, um neue Kunden anzulocken. Neugierige vielleicht, die jetzt mal probieren wollen. Doch in Hohenschönhausen gibt es sie nicht. Es kommen die Unentwegten. „Fleisch ist Fleisch“, sagt einer mit einer Eisbären-Fanmütze. Würde er auch Eisbär essen? „Klar, wenn’s schmecken würde.“

„Mit geht das fürchterlich auf den Wecker“, regt sich Hansel auf. „Wir werden jetzt unberechtigterweise in einen Skandal mit reingezogen.“ Die großen Ketten drückten die Preise, kriminelle Händler witterten ihre Chance und plötzlich steht hinter „Pferdefleisch“ dick und rot das Wort „Skandal“.

Seine Pferde stammten aus der Region Berlin-Brandenburg, betont Hansel. „Und sie haben einen Pferdepass.“ Der heißt auf amtsdeutsch „Equidenpass“. In diesem EU-weiten Identitätsdokument des Pferdes werden Krankheiten und Medikamentengaben vermerkt, bei bestimmten Arzneien können die Stuten und Gäule nicht mehr zu Fleisch verarbeitet werden.

Der deutsche Markt für Pferdefleisch ist winzig. So winzig, dass Gaul-Gourmets lange suchen müssen, bis sie einen Händler wie Hansel finden. Statistiken sind lückenhaft. Irgendetwas zwischen 40 und 50 Gramm Pferd pro Jahr essen die Deutschen, 4000 Tonnen werden jedes Jahr geschlachtet. Früher galt Pferdefleisch als Arme-Leute-Essen, war selbstverständlicher Bestandteil regionaler Rezepte. Der Rheinische Sauerbraten stammt traditionell vom Pferd. „Pferd zu essen, das ist reine Kopfsache“, sagen Liebhaber der Ross-Bratwurst. Ganz zu erklären ist aber nicht, warum staksige Fohlen einen größeren Beschützerinstinkt auslösen als rosa Ferkel oder großäugige Kälbchen. Das Pferd aber war immer Begleiter des Menschen, ein Arbeiter, kein Fleischlieferant. Es war näher, es war wichtiger als Kuh, Schaf, Schwein, Huhn. Kein anderes Haustier hat sich einen Platz im Mädchentraum erkämpft.

Für Träume aber ist keine Zeit im kalten Wind von Hohenschönhausen. Und im Gegensatz zur TV-Kollegin beißt der MAZ-Berichterstatter herzhaft in die Pferde-Krakauer. „Unser Klassiker“, wirbt Norbert Hansel. Sie schmeckt leicht, nicht so fettig wie andere heiße Knacker, etwas süßlich, alles andere als unangenehm.

Norbert Hansel schaut wieder etwas glücklicher. Würden neue Kunden kommen, hätte er Rezepte zur Hand: Rouladen, Sauerbraten, Gulasch. Alles auch auf seiner Internetseite zu finden. Doch es kommen keine Neugierigen. Stattdessen wartet die nächste Kamera. (Von Jan Sternberg)

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