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Politik Schafft er Historisches? Meyer-Heder könnte erster CDU-Bürgermeister Bremens werden
Nachrichten Politik Schafft er Historisches? Meyer-Heder könnte erster CDU-Bürgermeister Bremens werden
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08:24 11.02.2019
Carsten Meyer-Heder (CDU-Bürgermeisterkandidat in Bremen) Quelle: imago stock&people
Bremen

Die Revolution fand im Saale statt, am 26. Mai 2018, in einem Hotel am Bremer Herdentorsteinweg. Der Rest der Republik bekam davon nichts mit.

Die Delegierten der Bremer CDU wählten damals mit stolzen 98 Prozent einen neuen Spitzenkandidaten: Carsten Meyer-Heder, 57, IT-Unternehmer.

Carsten wer? Bundesweit winkten viele ab: uninteressant. Wer in Bremen für die CDU antritt, hat normalerweise schon verloren, bevor es losgeht. Der Stadtstaat ist seit 1946 die festeste Burg der SPD in Deutschland. Henning Scherf und Jens Böhrnsen regierten hier zehn Jahre lang, Hans Koschnick brachte es auf fast 20 Jahre.

Ende letzter Woche aber geschah etwas Ungeheures. In einer Infratest-Umfrage für den „Weser-Kurier“ schob sich die CDU knapp vor die SPD. Für machtgewohnte Sozialdemokraten im Bremer Senat fühlte sich das seltsam und irreal an wie eine Sonnenfinsternis.

Mitarbeiter von Meyer-Heder dürfen ihn duzen

Die Union hatte in Bremen nie eine Chance. Die Arbeiter konnten mit den Konservativen nichts anfangen, die Studenten erst recht nicht. Aber auch die liberale Wirtschaftsszene fremdelte – etwa als im Jahr 2015 die CDU-Kandidatin Elisabeth Motschmann aufgeboten wurde, eine Vertreterin der wackeren Frauen-Union mit goldenen Knöpfen am Blazer, die auch schon mal über „Treue und Vergebung – Krisenbewältigung in der Ehe“ Vorträge hielt im Geistlichen Rüstzentrum der Evangelikalen.

Im Vergleich dazu wirkt Meyer-Heder wie von einem anderen Planeten. Der Zwei-Meter-Mann kommt in Jeans um die Kurve, mit leicht abgestoßenen halbhohen braunen Stiefeln. Schlipse und Anzüge waren nie sein Ding.

Vor mehr als 20 Jahren hat Meyer-Heder das „Team Neusta“ gegründet, eine Internetagentur, die heute mehr als 1000 Mitarbeiter beschäftigt. Zu den ersten Kunden zählte Tui, dann kamen VW und Werder Bremen dazu. Mehrfach gewann die Firma Preise, mal für ihre Services, mal als familienfreundlicher Arbeitgeber. Meyer-Heders Mitarbeiter dürfen ihn duzen, jeden Neuling begrüßt er bei Buletten und Bier. In der Bremer Überseestadt besiedeln Meyer-Heders Mitarbeiter, Durchschnittsalter 31, rund 12 000 Quadratmeter. Zum Sommerfest kam auch der gegenwärtige SPD-Bürgermeister, Carsten Sieling (60).

Der Bremer SPD-Bundestagsabgeordnete Carsten Sieling während eines SPD-Landesparteitages in Bremen. Quelle: Ingo Wagner/dpa

„Wir mögen uns ja“, sagt Meyer-Heder über den Sozialdemokraten, den er am 26. Mai dieses Jahres, nichts für ungut, aus dem Amt jagen will. „Ich hoffe, dass wir das sauber spielen.“

„Wir haben Salsa gespielt, aber auch Funk und Rock“

Zufrieden sitzt Meyer-Heder, schwarzer Rolli, bunter Schal, in seinem Büro an der Konsul-Smidt-Straße. Er streckt die Beine aus, faltet die Hände hinter dem Kopf. Vor vielen Jahren hat er mal eine Krebserkrankung überstanden. Da kann er jetzt manche Dinge anders sehen als andere, irgendwie lockerer, oder nicht? Er könnte seine Firma verkaufen. Er muss nicht unbedingt noch irgendetwas werden. Er versucht jetzt nur einfach mal was.

Entspanntheit, Selbstbewusstsein: Solche Eigenschaften waren der Bremer CDU bislang fremd. Umwölkt von der Gewissheit ihres Scheiterns schlichen Bremens Unionisten seit Jahrzehnten von einer Niederlage zur nächsten. Dass sie selbst es oft waren, die eine kulturelle Mauer zwischen sich und der Großstadtgesellschaft gezogen hatten, ging ihnen nicht auf.

Nun aber bekommen Bremens Christdemokraten Nachhilfe in Liberalität, vom eigenen Spitzenkandidaten. Manche müssen noch immer leise schlucken. Etwa wenn der zum dritten Mal verheiratete Meyer-Heder über seine Patchworkfamilie mit drei Kindern spricht, in die seine neue Frau noch eine 21 Jahre alte Stieftochter mitgebracht hat. Wenn er seine Kirchenferne beschreibt. Wenn er fallen lässt, dass Grünen-Chef Robert Habeck für ihn ein Vorbild ist. Oder wenn er berichtet, wie wenig er einst fürs Studium getan hat. Lieber muckte er nächtens in seiner Band: „Wir haben Salsa gespielt, aber auch Funk und Rock.“ Meyer-Heder gab Schlagzeugunterricht, lebte mitten in der alternativen Szene. Sein Vater, FDP-Mann, war Bestatter.

In die Bremer CDU trat Meyer-Heder erst vor Kurzem ein, aus gegebenem Anlass: die Bürgermeisterkandidatur. Nur im Flüsterton sprechen Bremens Christdemokraten derzeit über mögliche Risiken. Kann das alles am Ende noch irgendwie schiefgehen? Hat der Mann nicht in Wahrheit viel zu wenig politische Erfahrung?

Vier AfD-Wähler wieder zu CDU – „Wir fangen ja auch erst an“

Meyer-Heder ist kein großer Redner. Manchmal bricht er einen Satz ab, fängt mit einem neuen Gedanken an. Mitunter hat er ein Detail nicht auf der Pfanne. Bei einem abendlichen Auftritt kratzte er sich am Kopf: „War jetzt eigentlich schon der offizielle erste Spatenstich für den neuen Wesertunnel oder nicht? Ich habe das irgendwie verpasst.“ Antwort aus dem Publikum: War schon. Meyer-Heder: „Na ja, ok, aber wirklich getan hat sich da ja sowieso noch nichts, oder?“ Gelächter und Applaus.

Der Kandidat ist wirklich Neuling, er tut nicht nur so. Aber er macht, was ihm an Schulung fehlt, durch Persönlichkeit wett und durch Lebenserfahrung. Schule, Bildung, Inklusion? Meyer-Heders jüngste Tochter hat das Downsyndrom. Wenn er darüber spricht, sind die Leute still. Die Mutter und er haben diverse Schulen ausprobiert. Seine Schlussfolgerung: Man solle da nichts erzwingen, sondern immer den Einzelfall betrachten.

Bloß keine Ideologie – dieser Grundsatz ist der einzige, an dem Meyer-Heder eisern festhält. Und: Konkretes schlägt Abstraktes.

Ausländer? Für die, die arbeiten und sich an Regeln halten, fordert er liberalere Gesetze als bisher, er kennt ja genug Beispiele aus seiner Firma. Jene aber, „die hier herkommen, um Drogen zu verkaufen“, solle man härter anfassen. Mit seiner Linie habe er jüngst bei einer Veranstaltung vier AfD-Wähler zur Union zurückholen können. „Okay, vier, das klingt jetzt nicht nach viel“, sagt er. „Aber wir fangen ja auch erst an.“

Meyer-Heders Patchworkprogrammatik wirkt unfertig, aber ehrlich. Pflegenotstand? Er selbst hat einst gelernt, alte Menschen zu waschen und ihnen beim Anziehen zu helfen, binnen sechs Wochen, im Zivildienst: „Vielleicht müssen wir da einfach insgesamt mal ein bisschen unbürokratischer werden.“

„Ich will, dass das aufhört“

Was noch fehlt, ist Meyer-Heders großer Wurf, eine zentrale neue Idee für Bremen. Wenn der 57-Jährige danach gefragt wird, bleibt er vorsichtig, ebenfalls aus Erfahrung. Oft hat er im Berufsleben Firmenchefs scheitern sehen, die mit allzu großer Geste einen allzu großen Umbau verkündet hatten. „Gehen wir doch erst mal ein übersichtliches erstes Projekt an“, sagt er. „Danach bewerten wir gemeinsam die Veränderung – und dann kommt der nächste Schritt.“

Er will jetzt erst mal die Digitalisierung Bremens vorantreiben, nicht irgendwie, sondern mit dem klaren Ziel, den Stadtstaat zu dem am besten digitalisierten deutschen Bundesland zu machen. Bürger, Firmen, Beamte, alle könnten profitieren. Und am Ende entstehe ein völlig neues Image: Bremen mal nicht als Schlusslicht in einer Tabelle der Bundesländer, sondern ganz vorn.

Carsten Meyer-Heder, CDU-Spitzenkandidat für die Bürgerschaftswahl in Bremen. Quelle: Carmen Jaspersen/dpa

„Wenn mich in München der Taxifahrer auf dem Weg zum Flughafen fragt, wo es denn hingeht, und ich sage Bremen, bekomme ich oft einen dummen Spruch zu hören“, sagt Meyer-Heder. „Ich will, dass das aufhört. Ich will, dass die Leute sagen: Ihr macht ja jetzt richtig gute neue Sachen da oben.“ Bei der Digitalisierung könne Bremen endlich mal die geringe Größe in einen Vorteil wenden: „Wir können schneller sein als andere, manövrierfähiger, das ist doch das große Plus.“

Vorige Woche sprach der Kandidat abends mit regionalen Wirtschaftsführern über diese Pläne, bei Bier und Biolimonade in der Programm Lounge seiner CDU in der Markthalle. Im Publikum saßen nicht nur IHK-Vertreter. Man sah auch, anders als in früheren CDU-Wahlkämpfen, junge Männer mit Nerdbrille und Pferdeschwanz.

„Das sind alles junge Leute, da hat keiner einen Festnetzanschluss“

Meyer-Heder setzt auf ein Jamaika-Bündnis mit Grünen und Liberalen. Die jetzigen Umfragen lassen das rechnerisch möglich erscheinen – doch Meyer-Heder weiß, dass er kämpfen muss. Denn auch Rot-Rot-Grün könnte am Ende eine Option sein. In den Umfragen, sagt Meyer-Heder, werde er derzeit schwächer eingeschätzt, als er sei. Die Meinungsforschungsinstitute stellten über die Festnetzvorwahl 04 21 Verbindungen zu Bremer Wählern her – und griffen deshalb zum Beispiel an den 1000 Mitarbeitern seiner Firma vorbei. Von denen wurde, soweit er weiß, niemand angerufen. „Ist auch klar: Das sind alles junge Leute, da hat keiner einen Festnetzanschluss.“ Viele aus seiner „digitalen Familie“ aber würden ihn ganz sicher wählen, sagt Meyer-Heder und fügt lachend hinzu: „Schon um mich endlich los zu sein.“

Dieser Tage zog er mit der neuen CDU-Bundesvorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer durch Bremen. Heilfroh sei er, sagte er in kleinem Kreis, dass sie und nicht Friedrich Merz das Rennen um den Bundesvorsitz gewonnen habe: „Der hätte hier Aversionen ausgelöst.“

Mit der Saarländerin hat Meyer-Heder sich menschlich bereits gut verbunden. Beiden liegt generell das Wohlergehen kleiner Bundesländer am Herzen. Hinzu kommt bei AKK ein sehr spezielles Interesse an einem Sieg der CDU im Mai in Bremen. Es ist ihre erste Landtagswahl als Bundesvorsitzende, ein Triumph in Bremen brächte ihr auch Schub im Bund.

Annegret Kramp-Karrenbauer, CDU-Generalsekretärin, gratuliert Carsten Meyer-Heder, Spitzenkandidat der CDU für die Bürgerschaftswahl 2019 nach seiner Wahl auf dem Landesparteitag. Quelle: Carmen Jaspersen/dpa

In der Bremer CDU erinnert man sich noch an eine Frau mit dunkler Kurzhaarfrisur, die im Mai 2018 eigens aus Berlin angereist war, dem frisch gewählten Spitzenkandidaten bei Verkündung des Wahlergebnisses spontan zujubelte und ihm Blumen überreichte: Kramp-Karrenbauer, damals noch CDU-Generalsekretärin. An der leisen Revolution in Bremens CDU war die Frau aus dem Saarland von Anfang an beteiligt.

Von Matthias Koch/RND

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