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Nachrichten Politik Schulz kämpferisch, Merkel souverän
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10:47 04.09.2017
Merkel und Schulz beim einzigen TV-Duell. Quelle: dpa
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Berlin

Wenn es nach den Sozialdemokraten gegangen wäre, hätte das Fernsehduell gar nicht stattfinden müssen. Martin Schulz sei der Gewinner des Duells, verkündete eine Anzeige der Genossen auf der Internetseite der Suchmaschine Google am Sonntagmorgen. Da waren es noch Stunden, bis die Debatte zwischen Schulz und der Kanzlerin überhaupt beginnen sollte.

Noch genau drei Wochen, dann wählen die Deutschen einen neuen Bundeskanzler. Am Sonntag werben Angela Merkel und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz im großen TV-Duell um die Gunst der Wähler.

Eine Kleinigkeit vielleicht, ein unangenehmer Fehler eines Dienstleisters, wie es die SPD-Wahlkampfzentrale eilig erklärte. Und doch ein Zeichen, wie nervös alle Beteiligten an diesem Wochenende in Berlin waren.

Es war ein entscheidender politischer Tag, dieser Sonntag in Berlin-Adlershof. Im einzigen TV Duell des diesjährigen Bundestagswahlkampfes standen sich Angela Merkel und Martin Schulz gegenüber. In einem Studio, direkt, auf Augenhöhe. Zwei Kandidaten, vier Moderatoren. Es war die große Chance für SPD-Herausforderer Schulz, den Abstand auf die Kanzlerin noch einmal zu verringern. Und drei Wochen vor der Wahl doch noch einmal aufzuholen und eine Stimmungswende zu erreichen.

Das einzig Neue: der Winkel, in dem Schulz und Merkel stehen

Auf der anderen Seite war das Duell ein Risiko für die Bundeskanzlerin. Denn gerade die Augenhöhe ist das, was sie im Wahlkampf nach Möglichkeit vermeiden wollte. Merkels Helfer verhinderten ein zweites Aufeinandertreffen genauso wie Experimente mit dem Format. So wird es bei dem einen Treffen bleiben. Das einzig Neue: der Winkel, in dem Schulz und Merkel sich gegenüber stehen.

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Um 20.15 Uhr ging es los, auf vier Themenblöcke hatten sich die Moderatoren verständigt: Migration, Außenpolitik, Inneres, Soziale Gerechtigkeit. Vier Blöcke, in denen die Kandidaten verschiedene Stärken zeigten. Immer dabei: die Pflicht für den Sozialdemokraten Schulz, die Kanzlerin möglichst häufig zu attackieren.

Schulz meinte es ernst, über Wochen hatte er sich von Fernseh-Profis vorbereiten lassen. Er musste mutig sein, angriffslustig, wenn es nötig war auch einmal populistisch. So wurde es dann auch. Wo er konnte, attackierte er die Kanzlerin.

Merkel pariert mit Sachlichkeit

Zum Beispiel beim Thema Flüchtlinge. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 „hätte Merkel entscheiden müssen“, kritisierte Schulz, auch hätte die Bundeskanzlerin die europäischen Partner in eine Lösung einbeziehen müssen. Dann ging es direkt gegen die Union: „Warum hat Ihr Parteifreund Horst Seehofer den Ungarn Viktor Orban eingeladen?“, fragte Schulz.

Den angreifenden Schulz pariert Merkel mit der Sachlichkeit einer langjährigen Regierungschefin. Sind Flüchtlinge eine Bedrohung? Merkel: „Nein, das ist keine Bedrohung, aber eine sehr, sehr große Herausforderung“.

Ähnlich die Statements beider Politiker bei der Türkei-Frage. Schulz schaltete voll auf Angriff, forderte das Ende der Beitrittsverhandlungen mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. Ein bemerkenswerter, auch populistischer Schritt – aber ein Treffer, der die Stimmung in der Bevölkerung aufnimmt und Schulz Aufmerksamkeit sichert.

Beim Thema Türkei kam die Überraschung des Abends

Merkel dagegen gibt sich auch in der Frage ganz als Staatsfrau: Eine solche Entscheidung mache keinen Sinn, wenn man nicht wisse, „ob wir in Europa eine Mehrheit dafür erreichen können“, sagte Merkel. Schulz konterte: „Erst einmal muss man wissen, wofür man steht, dann kann man auch dafür kämpfen.“ Doch schließlich gestand auch Merkel zu, dass die Beitrittsverhandlungen für die Türkei wohl bald beendet sein könnten. Es war die überraschende Wendung des Abends.

Während sich die beiden Kontrahenten im Studio von Adlershof duellieren, kämpfen vor den Türen die Spindoktoren beider Parteien um die Deutungshoheit. Thomas Oppermann, SPD-Fraktionschef, wollte gesehen haben, dass „Schulz Merkel klar gestellt hat“, in der Türkei-Frage, beim Thema Rente. „Da ist die Glaubwürdigkeit der Kanzlerin schwer erschüttert worden.“ Doch Oppermann störte sich an der Aufteilung der Themen: „Es wurde zu lange über Flüchtlinge diskutiert. Da haben Politiker eine Politik-Diskussion zum Teil über den Köpfen der Bürger geführt“, sagte er. „Mein Vorschlag: Die beiden hätten miteinander diskutieren sollen und statt vier Moderatoren einen Schiedsrichter als Zeitnehmer anheuern sollen.“

In den geordneten Bahnen des abgesegneten Konzepts nötigte Herausforderer Schulz den in Adlershof anwesenden Unions-Politikern Respekt ab. Dem sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) zum Beispiel: „Schulz ist erstaunlich kämpferisch“, sagte Tillich, „aber Merkel ist souverän bei ihrer Politik geblieben.“

Die SPD-Anhänger sind zufrieden mit Schulz’ Auftritt

Rein optisch betrachtet war bei den Promis im Studio Adlershof zu bemerken, dass Schulz vielleicht doch nicht so schwach ist, wie die Union die SPD insgesamt einschätzt. Die SPD-Reihen klatschten lauter. Auf vielen Gesichter von Sozialdemokraten zeichnete sich Überraschung ab. Man freute sich über die positiven Momente, die dieser Abend brachte. Denn bisher war der Wahlkampf vor allem ein Kampf gegen Hindernisse gewesen.

Zuerst die schmerzhaften Wahlniederlagen im Saarland, in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen. Dann der Verlust der Mehrheit in Niedersachsen. Und schließlich das mehr als unangenehme Engagement des eigenen Ex-Kanzlers Gerhard Schröder beim russischen Energieriesen Rosneft.

Im Saal gibt es an diesem Abend in Adlershof immer wieder packende Auseinandersetzungen, etwa beim Thema Muslime: Gehört der Islam zu Deutschland, wollten die Moderatoren wissen. Merkel: „Ich verstehe die Menschen, die sehr skeptisch sind, weil im Namen der Religion Anschläge verübt werden.“ Aber: „Inzwischen gehört durch die bei uns lebenden Muslime der Islam zu Deutschland.“

Schulz wechselt seine Rhythmen

Schulz setzte auf Bürgernähe und berichtete aus seinem Wohnort:„Die Menschen in meinem Viertel, das sind total anständige Leute – aber die Hassprediger haben da nichts zu suchen“

Schulz wechselt seine Rhythmen, manchmal scheint er sich und seine Gedanken zu sammeln, manchmal ist man sich nicht ganz sicher, ob er seinen Faden womöglich verliert. Aber im nächsten Moment überrascht er wieder mit einem höheren Tempo, mit klaren Forderungen. Es ist ein interessantes Duell, es ist für einen Moment nichts zu spüren von dem angeblich so langweiligen Wahlkampf.

Beim Thema soziale Gerechtigkeit punktet Merkel vor allem mit ihrer Regierungsbilanz. „Ich freue mich, dass wir statt 5 Millionen nur noch 2,5 Mio Arbeitslose haben“. Ein starkes Argument, dem Schulz nicht viel entgegensetzen kann.

Schulz dagegen sieht einen tiefen Riss in der Gesellschaft: „Deutschland ist wohlhabend, aber nicht alle Menschen sind wohlhabend.“

Merkel erinnert an das Geleistete uns blickt auf das Kommende

In den Schlussstatements führt Schulz auf, was alles in den 60 Sekunden möglich ist, die dafür vorgesehen sind. Ein eindrucksvoller Ansatz, bei dem er allerdings etwas nervös wirkte. Europa müsse in schwierigen Zeiten gestärkt werden, sagte Schulz.

Merkel dagegen dankte den Zuschauern. Dann ein Statement, was in den nächsten Jahren geschehen muss. Die Kanzlerin schafft eine Mischung aus Rückblick auf das Geleistete und Ausblick auf die kommenden Jahre.

Dann endete das Duell, die Kontrahenten verließen das Studio in Adlershof. Noch drei Wochen Wahlkampf, dann steht der Sieger fest. Von einem langweiligen Wahlkampf war an diesem Abend jedenfalls nichts zu spüren. Schon kurz danach gab es eine Einstimmung auf die Schlussphase des Wahlkampfes. Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) warf dem SPD-Kanzlerkandidaten gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland eine „fahrlässige Kurskorrektur in der Türkei-Politik vor, die zum Nachteil der politischen Gefangenen in der Türkei führen kann“.

Erste Auswertungen unter Zuschauern sahen Merkel vor Schulz. Doch Schulz konnte überraschen – nur die eindeutige Wende gelang ihm nicht. Es geht um etwas in diesem Herbst. Das ist an diesem Abend klar geworden.

Von Gordon Repinski und Dieter Wonka

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