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Politik Sonnenblumen für alle: Warum die Grünen in Bayern so stark sind
Nachrichten Politik Sonnenblumen für alle: Warum die Grünen in Bayern so stark sind
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22:57 13.10.2018
Grünen-Spitzenkandidat Ludwig Hartmann in Fürth. Quelle: Dennis Williamson
Fürth

Die Kübel mit den Sonnenblumen sind fast alle leer. Ludwig Hartmann bringt sie am Samstag in der Fürther Innenstadt ganz ohne Mühe unter die Leute. Zum Dank gibt‘s Komplimente. „Gut sehen Sie aus, richtig jung“, sagt eine ältere Fürtherin zum Spitzenkandidaten der bayerischen Grünen. Hartmann, hochgekrempelte Hemdsärmel, breites Lächeln, dankt, da spricht ihn schon der Nächste an. Der ältere Herr wünscht sich ein Tempolimit auf der Autobahn und fragt, ob Hartmann und seine Partei das Thema noch auf dem Schirm hätten. Ja, das habe man. Hartmann verabschiedet sich. „Ich bin überzeugt: Am Sonntagabend haben wir alle einen richtig guten Grund zu feiern“, ruft er den umstehenden Parteifreunden und Sympathisanten noch zu.

Die bayerischen Grünen steuern auf das beste Wahlergebnis ihrer rund 40-jährigen Geschichte zu. Wenn die Meinungsforscher richtig liegen, sind für die Öko-Partei bei den Landtagswahlen am Sonntag knapp 20 Prozent drin. Damit wären die Grünen die zweite Kraft im Freistaat. Es wäre eine Zeitenwende in München – mit Folgen auch für die politische Statik in Berlin.

Die Fehler der CSU

Im Elektroauto lässt sich Hartmann am Samstagnachmittag zum nächsten Wahlkampfauftritt fahren. Die fränkische Hügellandschaft zieht rechts und links an ihm vorbei, die Sonne scheint dem studierten Kommunikationsdesigner ins Gesicht. „Es wird das beste Ergebnis unserer Geschichte“, da ist er sich sicher. Hartmann spricht schnell, er wirkt energisch und nervös zugleich. „Die entscheidende Frage ist, ob die CSU es schafft, bei der Regierungsbildung an uns vorbeizukommen.“ Diese Frage treibt ihn jetzt, auch noch nach 200 Wahlkampfterminen in sechs Wochen, an. Hartmann und seine Ko-Spitzenkandidatin Katharina Schulze werben um jede Stimme. In den letzten Stunden vor der Wahl reisen sie kreuz und quer durch Bayern. Das Schild am Fahrbahnrand kündigt jetzt Kitzingen an.

In der Berliner Parteizentrale haben sie zuletzt oft auf Diagramme mit Pfeilen geschaut – Pfeile, die vom Balken für die CSU weg zu jenem der Grünen verweisen. Ministerpräsident Markus Söder hat mit rechtspopulistischen Äußerungen („Asyltourismus, „Staatsversagen“) so manchen liberalen Bürgerlichen verschreckt. Der von ihm befeuerte und von Parteichef Horst Seehofer in Berlin gegen die Kanzlerin ausgefochtene Asylstreit hat das Ansehen der CSU als staatstragende Partei beschädigt. So ist in der politischen Mitte eine Lücke entstanden, die den Umfragen zufolge weder SPD noch FDP füllen können. Die Grünen hingegen scheinen frühere CSU-Wähler für sich gewinnen zu können.

Was Strauß von den Grünen hielt

Lange Zeit war es allein der CSU vorbehalten, das „Bayern-Gefühl“ zu verkörpern - diese besondere Mischung aus Tradition und Fortschrittsgeist, gebündelt in dem Motto „Laptop und Lederhose“. Die Grünen machen nun den Christsozialen dieses Alleinstellungsmerkmal streitig. Hartmann gibt sich als Verteidiger der hübschen bayerischen Landschaft, wenn er vor „Flächenfraß“ und „Betonflut“ warnt. Schulze fordert im Dirndl mehr Stellen für die Polizei. In Bayern ist über den Sommer ein Wettbewerb um Heimatverbundenheit und Staatstreue entbrannt. Und ausgerechnet die Grünen – von CSU-Urgestein Franz Josef Strauß einst als „trojanische Sowjet-Kavallerie“ beschimpft – scheinen daraus als Sieger hervorzugehen.

Sie fremdeln nicht mit der Macht, sie streben sie an – und zwar an der Seite der CSU. Da sind die bayerischen Grünen recht pragmatisch. Flügelkämpfe zwischen Parteilinken und Realos sind ihnen ohnehin fremd. Die Vorstellung, Aufpasser der CSU zu sein, ein liberales Korrektiv zu konservativer Politik, behagt erstaunlich vielen Grünen im Süden.

Der Wille zur Macht soll aber ja nicht verbissen rüberkommen. Deswegen sind supergute Laune, Zuversicht und gemeinsame Auftritte mit vielen Umarmungen und Lächelselfies Kernanforderungen an die Wahlkämpfer. Demütig und bescheiden will man wirken – in maximaler Abgrenzung zu den mitunter anmaßend wirkenden Herren von der CSU. Je besser allerdings die Umfragewerte ausfallen, desto schwerer scheint dies manch einem zu fallen. Parteichef Robert Habeck – sonst die Lässigkeit in Person – rief am Freitagabend auf Twitter mit folgender Behauptung zur Wahl der Grünen auf: „Endlich gibt es wieder Demokratie in Bayern. Eine Alleinherrschaft wird beendet.“ Die CSU – ein finsteres Unterdrückerregime? Es hagelte Spott und Kritik. Habeck sah seinen Fehler ein und gab sich reumütig: „Das war im Wahlkampffieber einer zu viel. Sorry dafür!“, twitterte er am Samstagmittag.

Der Fauxpas des Parteichefs hat die Wahlkämpfer in Bayern daran erinnert, dass die Sache noch nicht gelaufen ist. Dass der Triumph bisher nur eine Prognose ist. „Die letzten Stunden könnten entscheidend sein“, sagt Hartmann und steigt aus dem Auto aus. In einem Gasthaus wird er sich gleich den Fragen der Kitzinger stellen und um ihre Stimmen werben. Der Countdown läuft.

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