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Terror: „Man muss die Symbole deuten können“

Nach IS-Axt-Attacke in Würzburg Terror: „Man muss die Symbole deuten können“

Radikalisieren sich labile Menschen heute schneller? Welche Rollen spielen die sozialen Medien für Islamisten? Wie verhindert man Terror und Amokläufe? Der Gewaltforscher Andreas Zick fordert Sensibilität und frühe Interventionen in Schulen und Betrieben.

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Ein IS-Anhänger hat mehrere Menschen in Würzburg verletzt.

Quelle: dpa

Bielefeld. Andreas Zick ist Konflikt- und Gewaltforscher an der Universität Bielefeld. Wir haben nach dem IS-Angriff in Würzburg mit ihm gesprochen.

Herr Professor Zick, radikalisieren sich labile Menschen heute schneller als jemals?

Andreas Zick: Studien haben schon 2014 gezeigt, dass sich mehr als 50 Prozent der Täter binnen weniger Monate radikalisieren. Extremisten und Terroristen rekrutieren professionell und suchen labile Menschen auf. Das ist leicht, wenn anfällige Menschen im Netz erkennbar sind. Jugendliche werden auch oft durch scheinbar harmlose Musikangebote oder coole Websites geradezu abgeholt.

Welche Rolle spielen die sozialen Netzwerke für die Islamisten?

Zick: Sie sind das wichtigste Werkzeug: Informationsplattform, Re­krutierungs- und Mobilisierungshilfe. Und sie bieten für viele Menschen eine Sinn- und Erlebniswelt. Junge Menschen machen dabei kaum noch Unterschiede zwischen der digitalen und analogen Welt. Radikal ist man im Netz. Das Netz ist die Gruppe und schafft Identität.

Wie wäre die Radikalisierung aufzuhalten?

Zick: Der beste Weg, die Hinwendung zur Gewalt zu stoppen, besteht in der frühen Primärprävention. Die setzt dann ein, wenn Menschen die Ideologien, die Gewalt rechtfertigen, gut finden oder sich in Szenen bewegen, die extremistisch sind. In Schulen und an Ausbildungsstätten kann man viel machen. Nur muss man den Schulen und Betrieben dabei helfen, weil das eine schwierige und zusätzliche Arbeit ist. Zweitens muss man das Umfeld, die Familien und Freunde stärken. Drittens ist die Prävention in Gefängnissen, die Arbeit mit bereits radikalisierten Menschen, dringend geboten.

Andreas Zick

Andreas Zick.

Quelle: Pressestelle Universität Bielefeld


Welche Bedeutung hat es, dass der Täter von Würzburg eine handgemalte IS-Flagge in seinem Zimmer hatte?

Zick: Für die Prävention braucht man Gespür. Man muss die Symbole auch deuten können. Wenn Taten passieren, dann stellt sich oft heraus, dass die Täter vorher im sozialen Netzwerk etwas haben durchsickern lassen. Das ist ähnlich wie beim Schulamok. Wenn das der Fall ist, kann man was tun. Zum Beispiel beim Beratungstelefon des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge anrufen, das läuft gut. Solch ein Angebot muss eigentlich in jeder Unterkunft hängen und bekannt sein.

Lohnt es sich eigentlich noch, zwischen Terroranschlag und Amoklauf zu unterscheiden?

Zick: Parallelen sollten uns wenig überraschen. Islamische Terrorgruppen greifen Amokkulturen im Westen auf und appellieren an sie. Die Unterscheidung macht aber für die Prävention Sinn. Wir müssen sensibel einstufen können, ob es sich um eine extremistische Ideologie handelt oder um Lebenskrisen. Lehrer und Psychologen müssen bei jungen Menschen Amokdrohungen von anderen Phänomenen abgrenzen. Ein vorschneller Terrorverdacht kann seinerseits radikalisierend wirken.

Sind Attacken wie die von Orlando, Nizza und Würzburg Teil einer IS-Strategie? Oder übernimmt der IS schlicht für alles die Verantwortung, was die Gesellschaft verunsichert und verängstigt?

Zick: Es ist beides. Der sogenannte Islamische Staat hat nicht über alles Kontrolle, zumal er militärisch immer mehr in die Enge gerät und ihm auch Kommunikationswege verloren gehen. Der IS ruft zunehmend in Europa zu Taten auf und setzt Aktionen in Gang, die er gar nicht zu kontrollieren braucht. Das ist die neue Gefahr. Wir müssen uns also mehr denn je anstrengen, anfällige Menschen wieder einzufangen.

Von Jan Sternberg

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