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Trauer, Bestürzung und viele offene Fragen

Attentat in Nizza Trauer, Bestürzung und viele offene Fragen

Nach dem Attentat in Nizza herrscht immer noch Trauer und Bestürzung, aber auch viele Fragen sind weiter offen. Der Täter, ein 31-jährige Tunesier war der Polizei bekannt – aber als gewalttätiger Kleinkrimineller, nicht als Islamist. Und warum konnte der Lkw ungehindert in die Menschen rasen?

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An einem Absperrband hängt die Tricolore mit einem Trauerflor. Menschen stehen fassungslos davor. Reden will an diesem Ort eigentlich keiner. Zwei junge Männer legen wortlos einen Strauß weißer Lilien eingangs der Rue du Congres in Nizza nieder. Es herrscht eine beklemmende Schwere. Und Schweigen, bis auf die TV-Reporter, die ihren Job erledigen - im Hintergrund wird gerade der weiße Lkw an einen mächtigen gelben Abschleppwagen montiert. Der Lkw, mit dem ein 31 Jahre alter Tunesier ein Blutbad angerichtet und 84 feiernde Menschen auf der Proménade des Anglais in den Tod gerissen hat.

Es herrscht umso mehr Fassungslosigkeit, je näher der Ort dieses schrecklichen Geschehens rückt. Weitläufig ist die Promenade abgesperrt. An den Zugangswegen und -straßen sind Barrikaden aufgebaut. Nur wer in einem Hotel direkt am Ufer der Côte d'Azur gebucht hat, wird von den Polizisten durchgewunken. Während sich die Touristen und Einheimischen in Cannes und den Nachbarorten von der Sonne verwöhnen lassen und ins azurblaue Wasser steigen, bleibt der Strand von Nizza entlang der Promenade leer.

"Es war wie ein Schlachtfeld", erinnert sich Hamish Ky. Der 28-Jährige stammt aus Neuseeland. Dass ein Lkw für die Tat genutzt wurde, "macht einem Sorgen für die Zukunft", sagt er. Er besucht derzeit seine französische Freundin, die in einem Lokal in einer der Zugangsstraßen zu der Strandpromenade arbeitet. An diesem Freitag ist der Laden am späten Nachmittag praktisch menschenleer.

"Die Stimmung vor Ort ist bedrückend", sagt eine Touristin aus Berlin. Aber sie hat überlebt - drei Berliner haben dagegen ihr Leben verloren. "Wir müssen leider auch davon ausgehen, dass Berliner unter den Opfern sind", sagte Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) am frühen Freitagabend am Brandenburger Tor. Bislang gelten zwei Schülerinnen und eine Lehrerin aus Berlin als vermisst.

Eine weitere Schülerin liegt verletzt im Krankenhaus. Meldungen über den Tod der Berliner wurden aber weder vom Senat, noch von der Schulverwaltung oder dem Auswärtigen Amt (AA) bestätigt. Das AA ging jedoch davon aus, dass sich Deutsche unter den Todesopfern befinden.

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WAS WIR WISSEN:

  • Gegen 23 Uhr am Donnerstagabend rast ein Mann mit einem Lastwagen in eine feiernde Menschenmenge auf der Flaniermeile Promenade des Anglais. Er kommt etwa zwei Kilometer weit. Die Straße war für Feierlichkeiten zum französischen Nationalfeiertag gesperrt.
  • Am Steuer des Lastwagens sitzt ein 31 Jahre alter Franzose tunesischer Herkunft, gemeldet in Nizza. Das berichten französische Medien unter Berufung auf Polizeikreise.
  • Die Polizei tötet den Fahrer. Auf Bildern sind Einschusslöcher in der Windschutzscheibe zu sehen, auf Videoaufnahmen Schüsse zu hören.
  • Mindestens 84 Menschen werden getötet, darunter Kinder. Nach Angaben der französischer Gesundheitsbehörden schweben noch 48 in aktuter Lebensgefahr.
  • Es gibt keine Geiselnahme. Entsprechenden Medienberichten widerspricht das französische Innenministerium.
  • Frankreichs Präsident François Hollande will den Ausnahmezustand in Frankreich, der am 26. Juli hätte enden sollen, um drei Monate verlängern. Kabinett und Parlament sollen kommende Woche darüber beraten. Um nach dem Anschlag von Nizza die Polizei zu entlasten, setzt Frankreich auf Reservisten der Gendarmerie. - Hollande ordnet eine dreitägige Staatstrauer an.
  • Hollande spricht vom "terroristischen Charakter" der Tat, Innenminister Bernard Cazeneuve nennt den Fahrer des Lastwagens einen Terroristen.

WAS WIR NICHT WISSEN:

  • Bis Freitagabend war nichts über den Hintergrund der Tat bekannt. Präsident Hollande sagte, das ganze Land sei vom islamistischen Terror bedroht. Ob der Täter einen islamistischen Hintergrund hat, ist aber unklar.
  • Offen ist auch, ob es sich um einen Einzeltäter handelt. Im Lastwagen war der Mann alleine, über Hintermänner war zunächst nichts bekannt. Hollande sagte, es gebe bisher keine Hinweise auf Komplizen.
  • Unklar ist desweiteren, wie der Lastwagen ungehindert in die Fußgängerzone fahren konnte. Frankreich befindet sich seit den Pariser Terror-Anschlägen vom 13. November im Ausnahmezustand. Die Straße in der Nähe der Promenade des Anglais war nicht für den Verkehr gesperrt.
  • Auf der Strandpromenade befanden sich zum Zeitpunkt des Feuerwerks rund 30 000 Menschen. Offensichtlich gab es während der Feierlichkeiten keine erhöhten Sicherheitsvorkehrungen.

Wer ist der Täter?

Besonders einheitlich ist das Bild nicht. „Er hat nie mit uns geredet. Er hat mir und meinen Kindern Angst gemacht“, sagte die 40-jährige Jasmine Reportern der Zeitung „Le Figaro“ über ihren Nachbarn. Einer anderen Bewohnerin des Hauses im Osten von Nizza erschien er freundlich, aber auch eigenartig. In den Grundzügen sind sich die Nachbarn jedoch einig: Mohamed Lahouaiej-Bouhlel war ein stiller Einzelgänger, der nach außen nicht religiös wirkte.

Am späten Donnerstag wurde der Mann, der neben ihnen wohnte, zu einem der grausamsten Attentäter in der Geschichte Frankreichs. Es ist aber ein eher blasses Bild, das die Behörden und die französischen Medien am Freitag von ihm zeichneten. Demnach stammt der 31-jährige Lahouaiej-Bouhlel aus Tunesien und war tunesischer Staatsbürger. Er hatte Kinder, seine Ex-Frau wurde am Freitag in Untersuchungshaft genommen. In Nizza betrieb er einen kleinen Lieferservice und besaß dazu einen Transporter. Den weißen 19-Tonner, mit dem er auf der Promenade die Menschen tötete, hatte er vor wenigen Tagen in der Nähe von Nizza gemietet.

Der Polizei war Lahouaiej-Bouhlel durchaus bekannt – allerdings nicht als Islamist, sondern als Kleinkrimineller mit einem Hang zur Gewalt. Laut dem Pariser Staatsanwalt François Molins ist er im März zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Nach einem Verkehrsunfall soll er seinen Kontrahenten mit einer Holzpalette verprügelt haben. Von einer islamistischen Radikalisierung haben die Behörden jedoch nichts bemerkt, in der französischen Gefährderkartei „Fiche S“ taucht sein Name nicht auf.

Während seiner Amokfahrt schoss Lahouaiej-Bouhlel auf Polizisten und Passanten. Im Führerhaus wurden später auch eine defekte Handgranate und Waffenattrappen gefunden. Unklar ist, ob Lahouaiej-Bouhlel gänzlich allein handelte – oder ob es Verbindungen etwa zum IS gibt. Ein Bekennerschreiben existiert bislang nicht, auch haben die Behörden bei der Durchsuchung seiner Wohnung keine IS-Flaggen oder andere Symbole gefunden. „Die Art des Vorgehens entspricht aber weitestgehend den Mordaufrufen terroristischer Organisationen in Zeitschriften und Videos“, erklärte Molins.

Gelegenheit zur Radikalisierung bietet Nizza zuhauf. Die Touristenhochburg mit ihren vielen Maghreb-Einwanderern gilt seit Längerem als Dschihadistenhort. Die Behörden wissen von mehr als 50 Personen, die nach Syrien, in den Irak oder Libyen ausgereist sind. Bereits vor Jahren hat die Polizei Attentatspläne auf Massenansammlungen in Nizza aufgedeckt und offenbar nur knapp verhindern können. Im Februar hatte ein Mann Soldaten vor einem jüdischen Zentrum mit einem Messer angegriffen.

Von Thorsten Fuchs und Birgit Holzer

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