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Politik „Horst Seehofer erinnert mich an Shakespeares König Lear“
Nachrichten Politik „Horst Seehofer erinnert mich an Shakespeares König Lear“
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11:08 14.07.2018
Ulrich Matthes gehört seit 2004 zum Ensemble des Deutschen Theaters in Berlin. Quelle: Thomas Koehler/photothek.net
Berlin

Es sind nur wenige Schritte in Berlin-Mitte, um vom Deutschen Theater ins Regierungsviertel zu laufen. Ulrich Matthes betritt am vergangenen Montag in sommerlicher Kleidung unser Hauptstadtbüro, das karierte Hemd zwei Knöpfe geöffnet. Auf dem Balkon mit Blick über die Stadt beginnt der preisgekrönte Schauspieler zu erzählen. Er spricht über seine Sorgen um die Demokratie, den aufkommenden Rechtspopulismus und die neue Stärke der AfD. Und über den Streit in den etablierten Parteien, für den ihm zunehmend Verständnis fehlt. Denn eigentlich, sagt Matthes, leben wir „in einem großartigen Land“.

Herr Matthes, wenn Sie den Streit der vergangenen Wochen zwischen Innenminister Seehofer und der Kanzlerin mit einem Theaterstück vergleichen sollten, welches wählen Sie aus?

Es ist vielleicht zu viel der Ehre für Horst Seehofer, aber er erinnert mich an Shakespeares König Lear. Ein alter Herrscher, der kurz vor Ende seiner Macht das Reich an seine drei Töchter verteilen will. Statt es der guten Tochter Cordelia, also Ilse Aigner, zu übergeben, entscheidet er sich für seine beiden bösen Töchter. Diese beiden, Goneril und Regan, erinnern mich an Alexander Dobrindt und Markus Söder.

In Shakespeares Stück geht die Geschichte für den alten Herrscher tragisch aus.

Stimmt. Die Starrköpfigkeit kostet Lear sein Reich, und viele andere Figuren bleiben als Verlierer zurück oder lassen ihr Leben. Der alte König verspielt sein gesamtes politisches Erbe. Shakespeare dreht sich übrigens in diesem Moment im Grab um, weil ich seine vielleicht schönste Figur ausgerechnet mit Horst Seehofer vergleiche.

Zur Person

Ulrich Matthes kam 1959 in West-Berlin zur Welt, sein Vater war der „Tagesspiegel“-Journalist Günther Matthes. Schon mit zehn Jahren übernahm er erste Rollen in Filmen und als Synchronsprecher, unter anderem in der Serie „Die Waltons“. Seine Schauspiellehrerin war Else Bongers, zu deren Schülern auch Hildegard Knef und Götz George zählten. Matthes spielte an Theatern in Krefeld, Düsseldorf und München, seit 2004 ist er festes Ensemblemitglied am Deutschen Theater in Berlin. Zu seinen bekanntesten Filmrollen zählte die des Joseph Goebbels in „Der Untergang“.

Ist das nicht ein wenig hart als Vergleich?

Überhaupt nicht. Der einst stolze König Lear endet nackt und einsam auf der Heide, der Wind bläst. Alle seine Mannen sind blind, entleibt oder dem Wahnsinn anheimgefallen. Von den Ergüssen des deutschen Innenministers distanzieren sich ja mittlerweile sogar EU-Beamte. Es ist schon weit gediehen mit den Stürmen. Seehofer ist ziemlich nackt.

„Manchmal denke ich: So kann man sich doch gar nicht unter Kontrolle haben wie Merkel“: Ulrich Matthes im Berliner RND-Büro. Quelle: Thomas Koehler/photothek.net

Gibt es auch ein Theaterstück für Angela Merkel?

Ich möchte mich in dieser Zeit nicht humoristisch über Angela Merkel äußern. Ich schätze sie sehr, und ihre Situation ist kompliziert genug. Da habe ich noch nicht einmal Lust auf meinen eigenen Spott.

Sie können Merkel eine ernsthafte Rolle geben. Die der Königin ohne Volk?

Ich glaube nicht, dass sie eine Königin ohne Volk ist. Ich beobachte vor allem bei manchen Journalisten eine Müdigkeit ihr gegenüber. Sie haben viele Jahre ihre Schreibgeräte an Merkel abgewetzt. Jetzt wollen sie etwas Neues. Diesen Überdruss gibt es natürlich auch in Teilen der Bevölkerung. Aber viele Menschen halten sie noch immer für eine gute Politikerin.

Können Sie sich erklären, warum Seehofer und Merkel so aneinandergeraten sind?

Es ist aus meiner Sicht ein Konflikt zwischen einer zutiefst liberalen Politikerin und einem Hasardeur, die sich in ihrer politischen Karriere wahrscheinlich zu oft begegnet sind. Und natürlich sind sie auch völlig unterschiedliche Charaktere. Manchmal denke ich: So kann man sich doch gar nicht unter Kontrolle haben wie Merkel. Ich hätte verstanden, wenn sie auch öffentlich mal ausgerastet wäre. Aber es geht ihr nicht um ihr Ego. Die ist da ganz pflichtbewusst und protestantisch.

Ihre Theatervorstellungen werden regelmäßig von Politikern besucht, Sie tauschen sich danach oft aus.

Oft nicht. Ab und zu.

Woher kommt die beidseitige Anziehungskraft?

Das ist ganz einfach. Neugier und Sympathie.

Reden Sie auch mit der Kanzlerin über das Theater?

Ja. Die Gespräche mit Angela Merkel sind immer besonders ausführlich. Sie nimmt sich manchmal nach der Vorstellung lange Zeit und unterhält sich mit mir eine Stunde nur über das Stück. Ich finde das echt erstaunlich, das machen bisweilen nicht mal Freunde von mir.

Ulrich Matthes und der Leiter des Berliner Büros des RedaktionsNetzwerks Deutschland, Gordon Repinski. Quelle: Thomas Koehler/photothek.net

Nehmen Sie aus diesen Gesprächen etwas für Ihre Arbeit mit?

Na klar. Wenn nach einer Aufführung des „Ödipus“ die Bundeskanzlerin mit mir eine halbe Stunde laut darüber nachdenkt, was ein Kompromiss in der Politik ist, dann ist das hoch spannend.

Haben Politiker einen besonderen Zugang zum Theater?

Ach, du lieber Himmel. Politiker sind auch nur Menschen. Sie gehen ins Theater, um sich unterhalten, ablenken und anregen zu lassen. Manchmal wollen die einfach einen netten Abend verbringen. Dann isst man halt noch eine Bulette in der Kantine. Ich will ja nichts von den Politikern. Alle Menschen wollen ständig etwas von denen. Ich will mich nur über die Welt unterhalten.

Interessieren Sie eigentlich alle Spitzenpolitiker oder geht es nach Sympathie?

Grundsätzliches Interesse habe ich an vielen Politikern, von ganz links bis ganz rechts. Für eine gemeinsame Bulette braucht es aber Sympathie.

Kommt jemand besonders häufig ins Deutsche Theater?

Ja, Wolfgang Schäuble. Er ist ein musischer Mensch. Das hat nichts mit Repräsentationspflicht zu tun. Die Kunst bedeutet ihm wirklich viel.

Mit welchem Politiker würden sie gerne einmal gemeinsam auf einer Bühne stehen?

Ich würde gerne mit Wolfgang Schäuble „Das letzte Band“ von Samuel Beckett inszenieren.

Warum?

Weil es ein besonders schönes Stück ist. Es ist ein Stück, in dem ein alter Mann mittels Kassettenaufnahmen sein Leben Revue passieren lässt. Das wäre sicher anrührend.

Sie würden Schäuble in der Rolle des „Krapp“ sehen, der sich in Erinnerungen seines Lebens treiben lässt?

Ja, Wolfgang Schäuble hat eine unglaublich eindrucksvolle Biografie. Eine Biografie, die mir Respekt abnötigt. Ich würde sogar sein Schwäbisch in Kauf nehmen. Vielleicht wäre er aufgrund seines musischen Interesses gar nicht abgeneigt.

„Gerade beim Thema Europa habe ich in all den Jahren immer auf eine flammende Rede gewartet“: Ulrich Matthes Quelle: Thomas Koehler/photothek.net

Stört es Sie eigentlich als Schauspieler, wenn Politik zu sehr inszeniert ist?

Mich ärgert, wenn einem Politiker Schauspielerei vorgeworfen wird. Damit wird der Beruf des Schauspielers verunglimpft. Denn bei einem Politiker geht es in diesem Zusammenhang meist um Lüge oder etwas Falsches. In der Schauspielerei geht es aber um eine künstlerische Annäherung an Wahrhaftigkeit, an Menschlichkeit.

Sind Sie allgemein gegen Inszenierung in der Politik?

Nein. Gesten und inszenierte Situationen gehören sogar zur Politik, gerade in unserer medialisierten Welt. Wenn dahinter echtes Engagement steht, ist die Inszenierung etwas Gutes.

Finden Sie, dass Angela Merkel ihre Politik besser präsentieren sollte?

Ja, das finde ich. Gerade beim Thema Europa habe ich in all den Jahren immer auf eine flammende Rede gewartet. Sie kam aber nicht.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Merkel hat die Begabung zu Pathos und zur großen Rede nicht, das weiß sie sicher selbst. Vielleicht würde sie sich sogar unglaubwürdig machen, wenn sie plötzlich anfangen würde, ihre Politik mit großer Geste zu verkaufen. Und trotzdem hat mir gerade das in besonderen Situationen gefehlt.

War Gerhard Schröder in seiner Art, Politik zu verkaufen, Bundeskanzlerin Angela Merkel voraus? Brauchen wir wieder mehr Auftritte in Gummistiefeln?

Bei Schröder ist es mir immer zu viel Wichtigtuerei gewesen. Da mag ich das Unprätentiöse Merkels wesentlich lieber. Sie ist politisch nicht eitel. Sie muss keine Fanfaren blasen, um sich der eigenen Bedeutung bewusst zu sein.

Trotzdem verlieren Merkel und die etablierten Parteien in Deutschland an Rückhalt. Warum?

Ich traue es mich kaum zu sagen, aber vielleicht geht es uns einfach zu gut. Natürlich gibt es Probleme, wir leben ja nicht im Garten Eden! Aber im Grunde ist Deutschland ein großartiges Land. Es gibt Pressefreiheit, eine unabhängige Justiz und brummende Wirtschaft. Das scheint selbstverständlich, ist es aber nicht. Nicht mal der Wald ist gestorben. Es gibt allen Grund zu sagen: Das etablierte Spektrum an Parteien bietet eigentlich alles an Lösungsansätzen, was wir zur Lösung unserer politischen Probleme brauchen.

Sind Sie gegen den Dialog mit AfD-Anhängern?

Die AfD ist auch ein Sammelbecken von Leuten, die von den etablierten Parteien enttäuscht sind. Um die muss man sich bemühen. Aber ab einem bestimmten Punkt ist der Umgang mit der Nazi-Vergangenheit nicht mehr verhandelbar. Ich verstehe nicht, warum selbst ernannte Konservative noch Gutes in der AfD sehen können, obwohl permanent die Grenzen des Ertragbaren überschritten werden. Die AfD ist eine reaktionäre Partei.

„Ich finde Patriotismus in Ordnung“: Ulrich Matthes. Quelle: Thomas Koehler/photothek.net

Haben Sie eine Erklärung für ihren Aufstieg?

Mein Vater, der Journalist war, sagte, dass er nach der Wiedervereinigung plötzlich Briefe bekommen hat, die offen rechtsradikal waren. Als ob mit der Wiedervereinigung der übersteigert nationale Gedanke plötzlich wieder salonfähig geworden ist. Ich finde Patriotismus in Ordnung. Aber die Idee des Nationalismus sollte angesichts unserer Geschichte tabu sein.

Sie haben im Film „Der Untergang“ Joseph Goebbels gespielt. Half Ihnen die Rolle, den Nationalsozialismus zu verstehen?

Ich habe damals unter anderem die Tagebücher von Victor Klemperer gelesen. Diese Tagebücher zeigen, wie schleichend, wie schneckenhaft die Dinge eskalieren. Es beginnt mit der Sprache. So wie heute plötzlich ein Wort wie „Asyltourismus“ benutzt wird ...

… vor allem von Markus Söder …

… ja, als wäre es ein ganz normales Wort. Aber „Asyl“ und „Tourismus“ haben gar nichts miteinander zu tun. Es ist die Sprache der Rechten, und nun ist es auch die Sprache der ersten Konservativen. Die Lehre aus dem Dritten Reich ist aber, bei den ersten Angriffen der Antidemokraten wachsam zu sein.

Was fürchten Sie?

Ich möchte nicht wissen, was ein möglicher AfD-Ministerpräsident in Sachsen mit den Theatern vor Ort machen würde. Weniger ausländische Aufführungen? Mehr deutsche Klassiker? Das sind alles vermeintlich kleine Puzzleteile. Ich halte sie für beängstigend.

Tun wir als Gesellschaft genug, um diese Entwicklungen zu verhindern?

Ich würde mich freuen, wenn jemand wie Helene Fischer mal auf ihrem Konzert sagen würde: Ich finde die AfD doof. Die hat einen so großen Einfluss auf so viele Menschen. Das würde sicher auch etwas bewirken. Künstler, denen Massen folgen, müssen ihre gesellschaftliche Verantwortung mehr annehmen. Bei mir bringt das nicht so viel, ich gelte wahrscheinlich eh als links-versifft.

Auch Fakten werden mittlerweile inszeniert.

Ich hätte nie gedacht, dass der Satz „Eine Tatsache ist eine Tatsache ist eine Tatsache“ irgendwann keinen Bestand mehr haben würde. Inzwischen ist es aber so weit. Zwei plus zwei ist vier – das wird mittlerweile von manchem infrage stellt, nur weil man die Quelle nicht mag. Ich weiß teilweise nicht mehr, wie ich dem begegnen soll. Vor 30 Jahren dachte ich, 2018 würde das Jahr sein, in dem ich mit meinem Fahrrad durch die Luft fliegen kann. Stattdessen fliegen Fahrräder immer noch nicht, aber Tatsachen werden angezweifelt. Tatsachen! Irre.

Müssten sich die Parteien konsequenter reformieren, um auf die Herausforderungen Antworten geben zu können?

Ich möchte hier mal ein Loblied auf die Parteien singen. Obwohl ich in keiner Mitglied bin. Ich finde das deutsche Parteiensystem großartig. Und trotzdem wäre es gut, wenn die Parteien offener für Quereinsteiger wären.

Erneuert sich die SPD aus Ihrer Sicht?

Tja. Ich habe die SPD viele Jahre gewählt, aber der Zustand der Partei ist zum Verzweifeln. Es gibt für mich momentan keine Person und keinen Inhalt, weswegen ich sie wählen würde. Damit sind die zwei Gründe, eine Partei zu wählen, futsch.

Früher hatte die SPD gerade unter Intellektuellen viele Unterstützer. Warum ist das nicht mehr so?

Das hatte viel mit Willy Brandt zu tun. Danach kam kein überzeugender Charismatiker mehr. Und natürlich gab es in den Siebzigern im linksliberalen Spektrum nur die SPD.

Braucht es einen deutschen Emmanuel Macron?

Wer könnte das sein? Jens Spahn sicher nicht. Robert Habeck? Finde ich gut, aber er ist vielleicht zu nachdenklich.

Er rennt keine Türen ein?

Nee. Er rüttelt auch nicht am Zaun des Kanzleramts. Vielleicht brauchen wir aber mal wieder einen nachdenklichen Rüttler.

Von Gordon Repinski

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