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Usedom: Die Insel ganz rechts

Urlaubsinsel an der Ostsee Usedom: Die Insel ganz rechts

AfD plus NPD: Auf Usedom ergibt diese Addition hier und da mehr als 50 Prozent. Der Fremdenverkehr blüht. Dennoch gibt es hier trübe minderheitsfeindliche Traditionen. Was ist da los auf der beliebten Urlauberinsel?

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Die Idylle auf Usedom, wie hier in Heringsdorf, ist getrübt.

Quelle: dpa-tmn

Usedom. „Und hier eine aktuelle Reisewarnung zur Ferieninsel Usedom“, höhnte Gereon Asmuth, Journalist bei der linksalternativen Tageszeitung „taz“, dieser Tage auf Twitter – und verschickte eine in der Tat beklemmende Liste der jüngsten Wahlergebnisse auf Deutschlands östlichster Ostseeinsel.

In Peenemünde etwa addieren sich AfD und NPD auf stolze 52,4 Prozent. All die anderen Parteien, von denen etwa in der „Tagesschau“ oft die Rede ist, mit so bekannten Namen wie CDU, SPD, Linkspartei oder Grüne, bleiben hier zusammengerechnet in der Minderheit.

Quer durch Deutschland ziehen Ostseefans inzwischen die Stirn kraus: Was ist da los auf Usedom?

Hinter der Kulisse läuft schon lange etwas schief

Die Insel selbst zeigt sich auch in der Woche nach der Landtagswahl von ihrer schönsten Seite. Die weißen Strände, die dunklen Buchenwälder liegen da wie eh und je und lassen sich von der Septembersonne bescheinen, die noch einmal richtig aufgedreht hat. Senioren ersetzen inzwischen die jungen Familien, voll bleibt es dennoch. Sächsische Rentnerpaare schmiegen sich in der Abenddämmerung auf der Seebrücke von Bansin aneinander. Stille Dörfer bieten dem Badegast ein Bild der Harmonie.

Doch hinter dieser wunderschönen Kulisse läuft etwas gewaltig schief, und nicht erst seit gestern.

Schon Kurt Tucholsky liebte Usedom. Aber auch ihm gefiel dort die Stimmung nicht. Unter seinem Alias Peter Panter schrieb er 1922 messerscharf über Zinnowitz: „Ein herzerfrischender antisemitischer Wind pfeift brausend über den judenreinen Strand des anmutigen Badeörtchens.“

Wo sich der „Inselfilz“ breitgemacht hat

Heute fragt man sich: Wo ist das Problem? Der Tourismus boomt wie nie, lange Staus künden vom ununterbrochenen Andrang, Hotels und Restaurants müssen auf Saisonkräfte aus dem benachbarten Polen zurückgreifen. Woher kommt, wenn sich doch die Kassen füllen, noch immer so viel Missmut?

„Die Rechten hatten richtig viel Zeit, ihre Strukturen aufzubauen“, sagt Bernd Maier

„Die Rechten hatten richtig viel Zeit, ihre Strukturen aufzubauen“, sagt Bernd Maier. Er ist Bürgermeister in Mellenthin.

Quelle: Jan Sternberg

Kenner der Insel, auch solche, die hier schon lange leben, deuten auf eine unselige Mixtur aus trüben Traditionen, einer Unklarheit über die eigene Identität und aktuellem Frust über „die da oben“.

Manche deuten auf den „Inselfilz“, der sich breitgemacht habe. Andere reden leise von gefestigten rechtsextremen Strukturen. Doch auch die, die hier eine Gefahr sehen, wollen darüber ungern reden. Man will, das ist der gemeinsame Nenner, nicht die Touristen verunsichern.

Zwischen Bauchschmerzen und Entschlossenheit

Einer der wenigen, die sich offen äußern, ist Bernd Meier. Nach einem bewegten Leben ist der 63-Jährige vor 15 Jahren auf die Insel gekommen, hat sich mit seiner Frau ein Landidyll in einem kleinen Hof im Dorf Morgenitz geschaffen. Er wurde ehrenamtlicher Bürgermeister der Gemeinde Mellenthin. „Usedom ist eine lebenswerte Gegend“, schwärmt er. „Dass es eine rechte Hochburg ist, macht mir zwar Bauchschmerzen, aber es gibt mir auch eine Aufgabe: dagegen anzutreten.“

Die jüngsten Wahlergebnisse der AfD und NPD auf Usedom

Die jüngsten Wahlergebnisse der AfD und NPD auf Usedom.

Quelle: RND

Meier kommt aus Berlin-Pankow, was man immer noch hört. Mit 23 machte er rüber, wohnte erst in West-Berlin, dann in Hessen. Er kennt sich inzwischen sehr gut aus auf der Insel. Er kennt die Netzwerke der Rechtsextremen, die Kameradschaftsszene, den harten Kern. „Sie hatten richtig viel Zeit, ihre Strukturen aufzubauen“, sagt er. Bei der Landtagswahl 2011 hatten die Neonazis noch 22,7 Prozent der Stimmen in Usedom-Stadt bekommen, in Bansin-Dorf sogar 24,9. „Danach ist nichts wirklich passiert, um die Ursachen zu ergründen und sie zu beseitigen“, kritisiert Meier. Auch der AfD wurde es leicht gemacht. Die Menschen fühlten sich hier am Rand der Republik einfach abgehängt. „Aus Schwerin und Berlin hat sich hier kaum jemand blicken lassen. Die Regierenden haben es versäumt, ihre Politik zu erklären. Nun haben sie einen Schuss vor den Bug bekommen. Hoffentlich wirkt er.“

„Usedom blutet aus und vergreist“

Darauf hofft auch Eddy Stoll. „Usedom blutet aus und vergreist“, sagt der Fischer und Hotelier in Bansin. Der 52-Jährige sitzt auf der Terrasse vor seinem Hotel „Dünenschloss“ direkt an der Seebrücke. „Fischer Eddy“ ist ein Insel-Original, ein Koloss ohne Berührungsängste. Er winkt die Kellnerin heran. „Kawa, jeszcze raz, prosze“, sagt er zögernd, und „dzieki“, als der Kaffee kommt. Er hat sich Polnisch angeeignet und muss in der Übung bleiben. Nicht nur seine Mitarbeiter kommen aus dem fünf Kilometer nahen Nachbarland. Sein neues Boot, die „Carmen Calypso“, liegt jetzt drüben im Hafen von Swinemünde.

Rückzug des Staates

Rückzug des Staates: Insulaner protestieren gegen die Schließung der Kinderstation in Wolgast.

Quelle: dpa-Zentralbild

Sein Hotel „Dünenschloss“ liegt zwar in erster Reihe, hat aber keinen Wellnessbereich. So kriegt man keine Gäste im Winter. Also schließt das Hotel für drei Monate. Also bietet Eddy keine Jahresverträge. Wer auf Usedom aufwächst, im Gastgewerbe lernt und Karriere machen will, verlässt meist die Insel. Das schmerzt inzwischen auch die Hoteliers. „Ich finde keine deutschen Angestellten. Ich finde noch nicht mal in Polen gelernte Kellner“, klagt Eddy Stoll. An der Bezahlung liege das nicht. „Ich zahle hohe Löhne, auch für ungelernte Kräfte.“ So bleibt sogar mitten im Boom ein Stück Frust.

Usedom, die vergessene Insel in der Politik

Auch Eddy Stoll spricht von einer „Denkzettelwahl“. Verteufeln will er die AfD-Wähler nicht. Dafür kennt er zu viele von ihnen. Sein Erklärungsmuster gleicht dem von vielen anderen auf den Insel. Es geht so: Schwerin ist weit, Usedom wird vergessen, und die Politiker machen sich nicht einmal die Mühe, ihre „Grausamkeiten“ zu erklären, die vor allem in einem Rückzug des Staates bestehen. Es ist weniger Polizei unterwegs. Die Leute fühlen sich allein gelassen. Und dann ist da die Sache mit dem Krankenhaus in Wolgast. Die frühere Kreisstadt liegt gleich hinter der Brücke Richtung Greifswald. Die Stadt ist auch nach zwei Kreisreformen der Fixpunkt für die Usedomer geblieben. Nun wurden im örtlichen Krankenhaus die Geburtsstation und die Kinderstation geschlossen. Eine Bürgerinitiative kämpfte, sammelte 19 000 Unterschriften. Ein Riesenerfolg in der dünn besiedelten Region. Die Schließung kam dennoch – aber ein Verantwortlicher aus Schwerin, der die Gründe erklärte, kam lange nicht.

Lars Bergemann stand an vorderster Front. Der 43-jährige Linken-Politiker kommt aus Wolgast, für ihn war der Protest eine Herzenssache. Es hätte auch sein Weg zu einem Mandat in Schwerin sein können. Bergemann war ein agiler, ehrgeiziger Direktkandidat. Nun sinkt er in die Kissen eines Café­sessels auf dem Wolgaster Marktplatz und ärgert sich. „Ich habe mir hier vor Ort den Arsch aufgerissen, mich andauernd engagiert. Es ist einfach traurig, so abgestraft zu werden.“ Bergemann hat halb so viele Erststimmen bekommen wie der AfD-Kandidat aus Greifswald, der ein einziges Mal in Wolgast und auf Usedom vorbeischaute.

Wen interessiert schon die Kleidung der Neonaziszene?

„Die Leute brauchten ein Ventil“, glaubt Bergemann. „Vielleicht haben sie mir nicht zugetraut, genug Wirkung zu entfalten in Schwerin.“ Stimmen für die AfD sind ein lauterer Protest als die Unterstützung eines aufrechten Kandidaten der Linken. Dass Bergemanns Gegenkandidat von der AfD ein rechtes Schmuddelimage hat, dass er in der Kleidung der Neonaziszene zu sehen war, interessierte keinen.

Wenn es um kommunale Belange geht, will Bergemann künftig auch mit örtlichen AfD-Leuten reden. „Ich will damit nicht die AfD hoffähig machen“, sagt Bergemann, „aber ich muss die Fakten zur Kenntnis nehmen.“ Man müsse jetzt „neue Wege suchen, auch wenn sie Bauchschmerzen bereiten“. So spricht jetzt ein Linker im AfD-Land. Könnte die Zerklüftung noch tiefer gehen?

Politische Zersplitterung währt schon lange

Schon im Jahr 1990 stieß die aus Usedom stammende Publizistin Carola Stern auf ihrer Insel auf eine verwirrende Haltlosigkeit und politische Zersplitterung. „In zwei aufeinanderfolgenden Diktaturen entstand auf dieser Insel ein Spektrum politischer Überzeugungen, das es so weit gefächert in Westdeutschland kaum gibt.“ In Ahlbeck traf sie damals „Antisemiten, Wendehälse, viele Kohl-Anhänger, ein Dutzend SPD-Mitglieder und Leute mit kaum zu zähmendem Polenhass“. Ihr wurde zugeflüstert, wie schwer es falle, Vertrauen zu Lothar de Maizière zu haben; der sei doch im Fernsehen mit einem Judenkäppchen aufgetreten und womöglich selbst Jude.

94 Jahre später weist in Heringsdorf ein Strandkorbvermieter, der auch für die AfD im Gemeinderat sitzt, einer muslimischen Familie höflich den Weg an eine ruhigere Stelle des Strandes: „Ich hab gesagt: Gehen Sie mal dahin, wo nicht so viele Hotels sind. Inmitten der Leute hier hätte sich vielleicht der eine oder andere gestört gefühlt.“

Von Jan Sternberg

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