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Was Bundeskanzlerin Merkel nicht versteht

Wahl in Mecklenburg-Vorpommern Was Bundeskanzlerin Merkel nicht versteht

Positive und negative Emotion: Mit beidem hat die Kanzlerin Mühe, beim Senden und Empfangen. Dabei sind Veränderungen von Stimmungen wichtiger geworden als die Veränderungen von Realitäten. Ein Kommentar zur Wahl in Mecklenburg-Vorpommern.

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Die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern war ein Denkzettel für Angela Merkel.

Quelle: AFP

Berlin. Die Kanzlerin verstand die Welt nicht mehr. 200 000 Deutsche versammelten sich im Juli 2008 rund um die Siegessäule in Berlin und lauschten einem Senator aus Illinois, der Präsident der USA werden wollte, einem gewissen Barack Obama. Viele Zuhörer fanden etwas, das sie gefühlsmäßig über den Tag hinaus trug: Obama verknüpfte, Simsalabim, Weltoffenheit, soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz zu einem großen funkelnden Ganzen.

Merkel konnte nicht wechseln. Sie fragte ihre Mitarbeiter: Woher kommt diese Anziehungskraft? Wieso lassen sich die Deutschen so sehr bewegen durch bloße Worte und Posen? Bei aller Liebe zu Obama fand die evangelische Frau aus der Uckermark dessen Rede letztlich zum Schütteln: Pathos pur.

Damals ging es um positive, heute geht es um negative Emotionen. Mit beidem hat die Kanzlerin Mühe, beim Senden wie beim Empfangen.

Was soll der Unfug?

Am Wahltag in Mecklenburg-Vorpommern war Merkel weit weg, beim G-20-Gipfel in China. Aus der Distanz las sich das Landtagswahlergebnis umso kurioser. Was soll der Unfug? Warum in aller Welt ist plötzlich die AfD in dem Land, in dem Merkel einst politisch gestartet ist, stärker als die CDU? Haben nicht ihre Partei und die SPD alles getan, damit Mecklenburg nach vorn kommt? Das Land siedelt neue Betriebe an. Es macht keine neuen Schulden. Der Tourismus blüht wie nie. Sogar der schwächelnde Schiffbau wurde stabilisiert. Und jetzt folgt dieses Votum, das ja mehr ist als ein Denkzettel. Es ist ein Tritt, ein Misstrauensvotum.

Merkel beeilte sich zuletzt, ihre Flüchtlingspolitik von vor einem Jahr zu erklären. Das war nicht nur zu spät. Es ist mittlerweile sogar das falsche Thema. Zwar singen die Medien im Chor, jetzt bekomme Merkel die Quittung für die Grenzöffnung. Doch in Wahrheit ist diese Erklärung allzu eindimensional.

Die Furcht der Menschen

Es geht um mehr: eine von Fakten abgelöste tiefe Furcht vieler Menschen vor den kommenden Dingen. Veränderungen von Stimmungen, das hat Merkel nicht verstanden, sind wichtiger geworden als Veränderungen von Realitäten. Es droht, nicht nur in Deutschland, ein emotionaler Fadenabriss zwischen demokratisch Regierenden und demokratisch Regierten. Dieses globale Phänomen auf Merkel zu verengen und die Syrer ist verkehrt. Frankreich hat keine Million Flüchtlinge ins Land gelassen, dort ist die Stimmung noch schlechter. Gleiches gilt in den USA. Donald Trump wird getragen von einer generellen Aufwallung gegen Weltoffenheit und Freihandel. Ökonomen sehen sich erinnert ans Vorkriegsjahr 1913: Es gebe weltweit den Trend, die Schotten dicht zu machen.

Das „Gefühl der Welt“ (Heinz Bude) verdüstert sich. Moderne Politik muss, jenseits aller Klempnerei an den Fakten, erst mal dieses Gefühl wieder aufhellen. Wer setzt künftig in Berlin positive Emotionen gegen die negativen?

Von Matthias Koch

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