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Zwei Seiten eines Sprungs

Grenzflüchtling Conrad Schumann Zwei Seiten eines Sprungs

Sein Sprung über den Stacheldraht machte den Grenzflüchtling Conrad Schumann weltberühmt. Aber war er, der sich 1998 das Leben nahm, auch glücklich? Eine Erinnerung und eine Spurensuche zum Tag der Deutschen Einheit.

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Ein Sprung über den Stacheldraht machte Grenzflüchtling Conrad Schumann weltberühmt.
 

Quelle: Archiv

Zschochau.  Er muss müde gewesen, wahnsinnig müde, und zugleich nervös. Seit zwei Tagen ist der junge Conrad Schumann fast pausenlos im Einsatz. Bewacht, wie Arbeiter das Pflaster aufreißen, Betonpfähle in den Boden rammen, Stacheldraht ausrollen. Stundenlang ist er auf den Beinen, mit dem Maschinengewehr über der Schulter, damit nur ja niemand noch auf die andere Seite springt. Und zugleich will er ja selbst am liebsten noch rüber. Spürt, dass ein Staat, der seine Bürger einsperrt, nicht sein Staat sein kann.

Conrad Schumann lehnt sich an eine Hauswand. Er raucht. Seine beiden Kameraden gehen ein paar Meter entfernt, die Blicke abgewandt, die Straße hinauf. Dann läuft er los.

Es ist der 15. August 1961, gegen 16 Uhr, als der 19-jährige Conrad Schumann an der Ecke Bernauer/Ruppiner Straße über den Stacheldraht in den Westen springt. Er ist der erste DDR-Grenzer, der seit Beginn des Mauerbaus zwei Tage zuvor in den anderen Teil Berlins flüchtet. Vielleicht hätte Schumann, der Schäfer aus dem sächsischen Dorf Zschochau, trotzdem ein kaum bekannter Mann bleiben können. Ein Eintrag in der Liste, mehr nicht, schließlich sollten ihm bis zum Fall der Mauer noch 3000 andere Grenzer folgen, die wie er in den Westen fliehen. In Ruhe gelassen werden: Das wäre ihm wohl ganz recht gewesen.

Schumanns Bild wird zum Symbol

Aber so kam es nicht. Denn auf der anderen Seite des Stacheldrahts standen Fotografen. Sie hielten seinen Sprung fest. So wurde sein Bild zu einem Symbol. Zu einem Zeichen, dass Menschen nicht einverstanden sind mit dem, was dort geschieht – und dass Menschen Grenzen überwinden können, dass dieses Mauer nicht allmächtig ist.

Die Geschichte eines Bildes

Der Sprung über den Stacheldraht hat nicht nur das Leben von Conrad Schumann verändert, sondern auch das des Fotografen Peter Leibing. Leibing, damals ein 20-jähriger Foto-Volontär, drückte exakt in dem Moment auf den Auslöser, als Schumann die Absperrung überwand. Es wurde das Foto seines Lebens, das Bild der deutschen Teilung – aber all das ahnte Leibing in diesem Augenblick noch nicht. Er hatte erst mal andere Sorgen: „Wir mussten erst einmal sehen, ob das Foto überhaupt etwas geworden war“, erinnerte sich der Fotograf 2001.

Das Bild wirkt wie ein zufällig entstandener Glücksschuss – tatsächlich jedoch ist es das Resultat von guter Vorbereitung, Recherche und viel Training. Die Hamburger Fotoagentur Conti-Press, für die Leibing arbeitete, schickte ihn nach den ersten Nachrichten vom Mauerbau sofort nach Berlin, der junge Fotograf fuhr zunächst zum Brandenburger Tor. Vom Pressesprecher der West-Berliner Polizei erhielt er dort den entscheidenden Tipp: „Er sagte, dass es morgen wohl in der Bernauer Straße ,interessant’ werden könnte. Also war ich am 15. August dort.“

An der Ecke Ruppiner Straße entdeckte er etwas, das ihm tatsächlich interessant schien: hinter dem Stacheldraht ein unablässig rauchender Unteroffizier mit zwei Kollegen, auf der Westseite eine Menschenmenge, die die drei beobachtete. Hier passiere heute noch etwas, prophezeiten die Wartenden. Leibing stellte das Teleobjektiv seiner Kamera – ausgerechnet einer Exakta, eines DDR-Modells – auf den Stacheldraht scharf – und wartete stundenlang. Im entscheidenden Moment war er hellwach – und vorbereitet: Von seinen Einsätzen beim Springderby in Hamburg wusste Leibing, wann er den Auslöser drücken musste, um das perfekte Sprungbild zu machen. „Es gab nur eine Chance“, sagte Leibing – und er nutzte sie.

Das Bild ging um die Welt. Finanziell hatte Leibing davon allerdings lange Zeit nichts, die Fotorechte lagen bei seiner Agentur. Er selbst wurde Fotograf beim „Hamburger Abendblatt“. Conrad Schumann traf er 1986 erstmals wieder – und von da an häufiger. „Ich habe einen Freund verloren“, schrieb er nach Schumanns Tod 1998. Er selbst starb 2008.

Im Westen wurde Conrad Schumann mit diesem Sprung zum Helden. Sein Bild ging um die Welt, in Zeitungen, als Poster, auf Häuserwänden. Sogar ein Denkmal bekam er, eine Skulptur, die dort steht, wo früher die Mauer verlief.

Das Schumann-Denkmal in Berlin

Das Schumann-Denkmal in Berlin.

Quelle: Hoensch

In seinem Heimatort dagegen gibt es kein Denkmal für Conrad Schumann. Dort tut man sich mit diesem Mann, der damals einfach über die Mauer sprang, bis heute schwer. Und vielen wäre es wohl am liebsten, man würde bitte gar nicht mehr über ihn reden, den berühmtesten Sohn ihres Ortes.

Zschochau ist ein 200-Einwohner-Dorf zwischen Leipzig und Dresden. Früher haben hier mal viel mehr Menschen gelebt, fast 700 waren es immerhin noch im Jahr der Wiedervereinigung, 1990. Aber früher gab es hier von vielem deutlich mehr. Es gab die Kaufhalle, die Handwerkerbetriebe, die Schule, die beiden Gaststätten, die Schmiede, die Brauerei und die Post. Das alles ist nun weg. Den nächsten Supermarkt gibt es im fünf Kilometer entfernten Ostrau. Fragt man Reinhard Mehnert, den Pfarrer, wie er seinen Ort in einem Wort beschreiben würde, dann sagt er: „Niedergang.“

Was war da nun geschehen?

Hier, vor dem Niedergang, ist Schumann aufgewachsen. Seine Eltern waren Schäfer, also wurde er auch Schäfer, erst mal zumindest. Später wurde ihm die Zschochauer Welt zu klein, er ging zur Bereitschaftspolizei, erst nach Dresden, dann nach Potsdam. Aber auch in Zschochau hat er etwas Wichtiges gelernt. Über Zäune springen zum Beispiel.

In Berlin, im Jahr 1961, beginnt nach Conrad Schumanns Sprung über den Stacheldraht der Kampf um die Deutungshoheit. Was war da nun geschehen? Flucht? Desertion? Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, entscheidet sich die Polizeiführung, eine andere Version zu verbreiten. Man beschließt, den Vorfall als „Verschleppung und Menschenraub“ zu werten, „um den Hass auf das West-Berliner Banditentum zu verstärken“. So steht es in seiner Stasi-Akte. Eine Lüge, die Schumann noch am Abend des 15. August entlarvt, als er, gestärkt von einem Wurstbrot, das er sich auf der Polizeiwache reichen ließ, gleich mal zum Sender Freies Berlin marschiert und die Welt wissen lässt, dass die Idee mit dem Sprung und der Flucht ganz und gar seine eigene war.

Da hatte Schumann die DDR an einem einzigen Tag schon zum zweiten Mal düpiert. So wurde er mit gerade mal 19 Jahren zur Unperson in seiner Heimat.

Ist das der Grund, warum die Menschen in Zschochau noch heute lieber schweigen, wenn man das Gespräch auf ihn bringt? Ist es die innere Abwehr gegenüber einem, der einen Weg ging, den sie selbst gern gegangen wären? Oder einfach Überdruss an einer oft erzählten Geschichte?

„Man will hier Gras über die Sache wachsen lassen“

Jedenfalls legt die Frau schnell auf, die ans Telefon geht, wenn man Claus Schumann sprechen will, den heute 79-jährigen Bruder, der noch in der ehemaligen Schäferei lebt. Sie wolle ihren Mann mit dem Thema nicht belasten. „Man will hier Gras über die Sache wachsen lassen“, sagt sie noch. „Gras“, „Sache“: Als hätte Schumann wirklich ein Verbrechen begangen.

Die nächste Station der Spurensuche: Gerda Sorge kannte Conrad Schumann schon als Kind, sie war Hausmädchen bei seinen Eltern. 85 ist sie heute. „Puren Leichtsinn“ nennt sie seinen Sprung, eine „Dummheit“, für die sie bis heute kein Verständnis aufbringt. „Schockiert“ sei das ganze Dorf damals gewesen, versichert sie.

Und so geht es weiter. Bei Christian Weimert zum Beispiel, dem 79-jährigen ehemaligen Dachdecker, der den Sprung einen „Kurzschluss“ nennt. Oder bei Reinhard Müller, 70, der versichert, Schumann habe es „mörderisch bedauert, dass er rübergemacht ist“. Was, wenn man Conrad Schumann selbst glaubt, nicht stimmt. Man kann es in dem kleinen Ort bei sehr vielen Menschen versuchen: Sehr viele hier kannten ihn persönlich. Haben ihn als Kind erlebt, haben ihn spielen gesehen, kannten seine Eltern. Aber Worte der Sympathie mit Conrad Schumann oder vielleicht des Mitgefühls hört man in Zschochau nicht.

Dabei hat Conrad Schumann im Westen keineswegs das Leben eines Helden geführt. Er zieht nach Bayern, nach Günzburg, arbeitet zunächst als Krankenpfleger, dann bei einer Weinkellerei, später bei Audi in Ingolstadt. Er heiratet, wird Vater eines Sohnes, kann sich einen VW Käfer kaufen.

War das alles nun den Preis wert?

Conrad Schumann ist angekommen in der Bundesrepublik. Aber war das alles nun den Preis wert? Die Trennung von seinen Eltern, die er viele Jahre lang nicht sehen darf? Das Gefühl, verfolgt zu werden, von denen, die ihn für einen Verbrecher hielten. Schumann betonte stets, er sei froh, in den Westen gesprungen zu sein. Ein leichtes Leben war es dennoch nicht.

Nach der Wende, als er wieder nach Zschochau durfte, ist er jedes Jahr einmal hergekommen. Aber es waren, glaubt man der Frau seines Bruders, schwierige Treffen. Das Verhältnis zu den Eltern und den Geschwistern sei nach der Wende angespannt gewesen, regelrecht „verkrampft“, sagt sie. „Er hat sich hier nicht wohlgefühlt.“ Ob das ein Grund war, warum Conrad Schumann sich am 20. Juni 1998 an seinem Wohnort im bayerischen Oberemmendorf selbst getötet hat, ist unklar. Klar ist nur, dass er seine Rolle als Held nie losgeworden war.

Als der amerikanische Präsident Ronald Reagan 1987 vor dem Brandenburger Tor „Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein!“ rief, saß Schumann auf der Tribüne. Die Mauer fiel, aber das befreite Schumann nicht von seinen Ängsten vor der Stasi, von seinem Gefühl, verfolgt zu werden, von seiner Furcht vor Rache.

„Er war genervt von der Aufmerksamkeit“, sagt Reinhard Müller noch, der 70-jährige Zschochauer. „Er wollte kein Held sein.“

Die Gründe für Conrad Schumanns Suizid sind unbekannt. Es gibt Zschochauer, die mit ihm noch zwei Tage zuvor Bier getrunken und ihm nichts angemerkt haben. Sicher ist nur, dass Conrad Schumann seinen inneren Frieden nicht gefunden hat. Oder dass er ihm irgendwann abhandenkam. Und dass die Zschochauer bis heute keinen Weg gefunden haben, über diese Geschichte zu reden.

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Von Gina Apitz und Thorsten Fuchs

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