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246 Kilometer Laufen nach dem Tod des Sohns

Extremlauf 246 Kilometer Laufen nach dem Tod des Sohns

Annett Blohm verlor ihr 2013 ihren Sohn nach einer schweren Leukämie-Krankheit. Die Potsdamerin lief 2015 den Spartathlon von Athen nach Sparta über 246 Kilometer und verarbeitete damit den Tod ihres Sohns. Über ihre Teilnahme ist nun die Dokumentation „Ultra“ entstanden, die am Freitag und Samstag in Berlin gezeigt wird.

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Die 246 Kilometer legen Annett Blohm und die übrigen Läufer des Spartathlon größtenteils auf nicht abgesperrten Straßen zurück.

Quelle: Balazs Simonyi

Potsdam. 26 Luftballons lässt Annett Blohm mit Familie und Freunden in den Himmel über Potsdam steigen. Sie sind rot und weiß und haben die Form von Herzen. Es ist der 26. Geburtstag ihres Sohnes Kevin. „Happy Birthday, Kevin“, ruft sie den Ballons hinterher. Kevin selbst ist nicht mehr dabei. Er starb am 18. Oktober 2013 mit 24 Jahren an Leukämie.

Es ist eine Szene aus dem Dokumentarfilm „Ultra“ des ungarischen Regisseurs Balasz Simonyi, Annett Blohm ist eine der fünf Protagonisten. Simonyi porträtiert in ruhigen und warmen Bildern Teilnehmer des Spartathlon, eines Ultralaufs von Athen nach Sparta, 246 Kilometer. „Er wollte nicht Läufer haben, die sich mit irgendwelchen Siegen rühmen, sondern erklären, warum man überhaupt so lange Strecken läuft“, erzählt die 48-Jährige.

2013 gewann Annett Blohm den Mauerweglauf (160 Kilometer)

2014 startete der Regisseur einen Aufruf auf Facebook, Annett Blohm schrieb eine kurze Bewerbung. „Meine Mutter ist sehr früh verstorben. Es war ihr Wunsch an uns Kinder, dass wir uns fit halten und auf uns achten. Sie ist im August 1996 gestorben – im gleichen Monat habe ich angefangen regelmäßig Sport zu machen“, erklärt die Physiotherapeutin, die auch als Heilpraktikerin praktiziert. Ihr Bruder motivierte sie zum Laufen, stetig steigerten sie die Umfänge. „Irgendwann sind uns Marathons langweilig geworden und wir haben gesehen, dass es auch noch Strecken darüber hinaus gibt“, erzählt Annett Blohm. Pro Woche läuft sie 70 bis 100 Kilometer, vor Wettkämpfen 130 Kilometer. Sie nahm am berühmten Rennsteiglauf in Thüringen (73,5 Kilometer) teil, lief den Isar-Run (325 Kilometer in fünf Tagen) und gewann 2013 den Mauerweglauf (160 Kilometer) entlang der ehemaligen Mauer.

Freitag und Samstag in Berlin im Kino

Der Dokumentarfilm „Ultra“ wird morgen (17.30 Uhr) und am Sonnabend (18.15 Uhr) im Kino Babylon (Mitte) in Berlin gezeigt.

Am zweiten Abend wird auch Annett Blohm vor Ort sein und die Fragen der Zuschauer beantworten.

Am 20. Oktober wird im Collegium Hungaricum Berlin der Film in einer speziellen 24-Stunden-Langversion gezeigt.

Sportbegeisterte können parallel dazu auf dem Laufband einen Ultra-Lauf absolvieren.

Doch den Spartathlon wollte sie eigentlich nie laufen, „für mich war klar, so etwas Beklopptes mache ich nicht“. Ein Freund schloss mit ihr eine Wette ab: Wenn er aufs Treppchen kommt, dann muss sie im nächsten Jahr mitlaufen. 2011 kam er als Dritter im Ziel in Sparta an, 2012 ging sie erstmals an den Start. „Es hatte 40 Grad, das war genial. Ich liebe es, in der Hitze zu laufen. Die Ärzte im Ziel meinten, sie hätten gar nicht gedacht, dass überhaupt jemand ankommt“, erzählt sie. Von den rund 350 Startern kamen nur 79 an – sie wurde Vierte.

Besonders akute Form der Leukämie

Doch nach ihrer Rückkehr veränderte sich ihr Leben. „Nach dem ersten Spartathlon ist Kevin an Leukämie erkrankt. Er hatte von Anfang an schlechte Prognosen. Es war eine akute Form, der Arzt meinte, so einen Patienten hatte er noch nie gehabt“, sagt Annett Blohm. Doch es fand sich ein Stammzellenspender, „das war wie ein Sechser im Lotto, da denkt man, das wird. Die ersten 100 Tage nach der Transplantation sind kritisch. Sie waren eigentlich überstanden.“

Auch deshalb ging sie mit ihrem Lebensgefährten 2013 wieder nach Griechenland. „Ich stand am Start und habe gedacht: Ich habe keine Lust, ich habe keine Kraft. Das Jahr war einfach die Hölle.“ Sie lief dann bis zu Kilometer 124, die Hälfte der Strecke. Wieder erhielt sie nach der Rückkehr eine niederschmetternde Nachricht. „Mein Sohn hatte mir nicht gesagt, dass die Leukämie zurück ist. Die Ärzte meinten, das ist ein umgekehrter Schutz, weil die Patienten ihre Angehörigen nicht belasten wollen.“ Im Film erzählt sie, wie die Ärzte sagten: „Er wird sterben. Heute, spätestens morgen.“

„Ich hatte das Gefühl, ich laufe für Kevin“

2015 ging sie zum dritten Mal an den Start, dieses Mal begleitet von den Kameras des Dokumentarfilmers. Bei Kilometer 216 stieg sie im strömenden Regen aus. „Die Füße waren doppelt so dick vom Aufweichen. Ich konnte einfach nicht mehr drauf laufen. Für mich hat es dann nicht mehr was mit Spaß zu tun“, erzählt sie. Aber: „Kevin war beim Laufen immer dabei, auf eine irgendwie angenehme Art und Weise. Ich hatte das Gefühl, ich laufe für ihn. Das ist auch Therapie. Das war es damals schon nach dem Tod meiner Mutter gewesen und das ist es jetzt wieder.“

Von Stephan Henke

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