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Christoph Harting, der Introvertierte

Diskus-Gold bei Olympia Christoph Harting, der Introvertierte

Robert Hartings kleiner Bruder Christoph hat sensationell das Diskus-Gold bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro gewonnen. "Ich bin zur Legende geworden", meint der ewige Zweite, der nun aus dem Schatten seines Bruders getreten ist und als introvertierter anders reagierte, als andere. Doch darf man das?

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Christoph Harting hat für Wirbel mit seinem Auftritt nach dem sensationellen Gold-Sieg gesorgt.

Quelle: dpa

Rio de Janeiro. Verrückte Typen, diese Diskus-Brüder Robert (31) und Christoph (25) Harting. Doch fragt man Trainer und Athleten der Leichtathletik-Nationalmannschaft nach dem kleinen Harting, kommt meist die Antwort: „Der hat einen an der Klatsche.“ Vielleicht muss man durchgeknallt sein, um zu solchen Leistungen fähig zu sein, um auf der olympischen Bühne im letzten Versuch alles aus sich herauszuholen, um Olympiasieger zu werden. Vier Jahre nach dem „großen Harting“ kletterte am Sonnabend sein jüngerer Bruder Christoph auf den Olymp (das erste Mal, dass Brüder in derselben Disziplin Gold geholt haben!) und meinte: „Ich bin zur Legende geworden.“

Doch ehe er am Abend zu einem solchen Satz sowie einer Entschuldigung in der Lage war, provozierte der Champion: Er verweigerte ZDF-Mann Norbert König Siegerinterview und Handschlag, tänzelte und grinste bei der Nationalhymne, gab schließlich eine skurrile Erklärung ab.

Christoph Harting, der Introvertierte

„Ich begrüße Sie zur Pressekonferenz, die relativ schweigend verlaufen wird“, lauteten seine ersten Worte in der Öffentlichkeit seit einem knappen Jahr. „Ich bin kein Medienhengst, genieße den Wettkampf und die Bühne dort, alles andere überlasse ich den anderen, die mehr sagen wollen.“ Er liebe den Rhythmus, schätze gute Musik über alles. „Es ist schwer, zur Nationalhymne zu tanzen, habe ich festgestellt.“ Am Abend sagte er in der ARD: „Stillstehen ist nicht so meins, deswegen ist das vielleicht falsch angekommen.“

Olympia-Sieger Christoph Harting

Olympia: Was meinen Sie zu Hartings Verhalten nach dem Sieg?

Wie ihn die Konkurrenzsituation zum Bruder beschäftigt, verdeutlichen seine Worte: „Extrovertierte Menschen legen Wert darauf, dass sie genau darauf achten, wie sie von außen wahrgenommen werden. Als introvertierte Person fühle ich mich hier völlig fehl am Platz. Ich muss vor keinem von Ihnen versuchen, besonders gut dazustehen.“ Dazu passt ein Blick auf Ende Juli: Während Christoph schwieg, gab Robert eine 45-minütige Pressekonferenz und anschließend sechs Stunden lang Einzelinterviews.

"Geisteskrank? Das bin irgendwie ganz ich"

Wie Christoph Harting tickt, zeigt eine Story in der „B.Z.“ aus dem Vorjahr, in der er seine Tätowierung zum Thema Schmerz, Glaube, Hass und Liebe erklärt. Sein Tattoo sei der Spiegel der Seele. 16 englische Worte habe er sich stechen lassen: Geisteskrankheit, Schmerz, Wahrheit, Leben, Familie, Glaube, Lüge, Freiheit, Toleranz, Glück, Leichtathletik, Hass, Stolz, Liebe, Freundschaft und Einsamkeit. Lachend meinte er: „Geisteskrank? Ja, das bin irgendwie ganz ich.“ Sein Vorbild sei Handballer Stefan Kretzschmar. „Ich will auch mein Leben auf der Haut tragen. Platz genug habe ich ja“, meinte er in Anspielung auf seine 2,07 Meter.

"Vom Getto auf den Olymp"

Robert Harting verwendet die Standardfloskel: „Wir lieben unsere Eltern, deshalb rede ich in der Öffentlichkeit nicht über meinen Bruder.“ Vor einem Jahr sagte er: „Es ist nicht sein Job, den Namen Harting zu repräsentieren.“ Zwischen beiden steht als Puffer Trainer Torsten Schmidt. Der Coach glaubt: „Robert wird den Staffelstab nicht einfach abgeben, sondern neuen Ehrgeiz entwickeln.“ So unterschiedlich beide sein mögen, es gibt Gemeinsamkeiten.

Christoph und Robert Harting in Rio.

Quelle: afp

Als Robert 2007 seine erste WM-Medaille holte, lauteten die Schlagzeilen: „Vom Disco-Schläger zum Diskus-Schlager.“ Nun hieß es über Christoph: „Vom Getto auf den Olymp.“ Als Getto hatte er die Plattenbausiedlung in Cottbus bezeichnet, in der er aufwuchs. Auch Sieger-Gen und Killerinstinkt zeichnen beide aus. Im Juni in Kassel stellte Robert das DM-Finale im letzten Wurf mit einer 68er-Weite auf den Kopf. In Rio warf Christoph im sechsten Durchgang Bestleistung (68,37). Mal wieder hatte Piotr Malachowski das Nachsehen. Träumt der Pole nachts von den Brüdern, die ihm immer wieder das Gold wegschnappen? Gelassen antwortete der 33-Jährige: „Jeder hat doch im Leben einen Harting – ich habe halt zwei.“

Verhalten ist eines Olympiasiegers unwürdig

Kommentar von Frank Schober

Christoph Hartings Verhalten nach seinem Olympiasieg wird zu Recht kritisiert. Doch der Berliner hat sich keineswegs von A bis Z danebenbenommen, er erwies sich vielmehr als gespaltene Persönlichkeit. Im Wettkampf wirkte er konzentriert, um im entscheidenden Moment zu explodieren. Wie er im letzten Versuch seinen Siegeswillen demonstrierte und über seine Leistungsgrenze ging, davon können sich viele deutsche Athleten eine Scheibe abschneiden. Auch nach dem Superwurf verhielt er sich vorbildlich: Er animierte das Publikum, für Piotr Malachowski zu klatschen. Nach dem Duell fiel er seinem Rivalen um den Hals, ging mit dem Polen auf die Ehrenrunde. Große olympische Momente!

Doch das alles riss er mit dem Allerwertesten wieder ein. Sein Fehlverhalten bei der Siegerehrung und gegenüber den Medien bleiben in Erinnerung. Er verkörperte den unreifen Jungen, der für die olympische Bühne zu grün ist hinter den Ohren. Ob die Nationalhymne tanzbar ist, muss er nicht auf dem Siegerpodest vor einem Millionenpublikum testen. In die Olympiakämpfer wurde über Jahre viel Geld investiert. Da kann die Gesellschaft von einem Christoph Harting erwarten, dass er mehr als Gold zurückgibt, sondern eine Vorbildrolle für die Jugend einnimmt. In dem Punkt erwies er sich als eines Olympiasiegers unwürdig.

Von Frank Schober

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