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Der Stimmungs-Berater

Über die Probleme des FC Bayern München mit der Atmosphäre im Stadion Der Stimmungs-Berater

Wolfgang Salewski schlendert vor jedem Heimspiel des FC Bayern München durch die Südkurve der Allianz Arena. Ein bisschen komisch kommt sich der 70-Jährige schon vor zwischen all den jungen Menschen mit rot-weißen Fan-Devotionalien.

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Potsdam. Doch der direkte Kontakt ist ihm wichtig. Denn Salewski arbeitet als Berater in Fanfragen für den Verein. "Die Anhänger mögen mich nicht sehr, aber sie respektieren mich", erzählte der Psychologe am Freitag bei einem internationalen Kolloquium zu aktuellen Rechtsfragen im Fußball vor etwa 60 Zuhörern an der Universität Potsdam. Die Voreingenommenheit der Anhänger verwundert nicht. Salewski ist einer der angesehensten deutschen Sicherheits- und Konfliktberater. Er stand den Bundeskanzlern Helmut Schmidt und Helmut Kohl bei, leitete die Verhandlungen in Dutzenden Geiselnahmen und Erpressungen. Sein größter Fall war die Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" nach Mogadischu im Jahr 1977. Der Münchner hat diverse Großkonzerne in Sicherheitsfragen beraten, half sogar der Bahn, den Erpresser Dagobert zu entlarven.

Schon 1974 hatte der Krisenmanager den FC Bayern in Sachen Fangewalt unterstützt. Vor zweieinhalb Jahren holte ihn der Klub zurück. Als eine Art Vermittler im Streit mit den aktiven Fans. Der war schon 2007 eskaliert, als der damalige Manager Uli Hoeneß in Sachen Stadion-Atmosphäre explodierte: "Für die Scheißstimmung seid ihr doch zuständig und nicht wir."

Um die Stimmung geht es auch aktuell. Gemessen am Spaßfußball, den die Schweinsteiger und Co. bieten, ist es oft sehr ruhig in der Arena. "Das ist eine Protesthaltung der Fans, um ihre Interessen durchzusetzen", sagte Salewski. Oft geht es um Zugangskontrollen und die Verteilung der Eintrittskarten. Bayern München hat mittlerweile gut 217.000 Mitglieder, es gibt etwa 3400 Fanclubs. Die Nachfrage ist also riesig. Ins Stadion passen aber nur 71000 Zuschauer, alle Spiele sind ausverkauft. "Wir verwalten den Mangel", bedauerte Salewski. Interessenten für Dauertickets haben kaum eine Chance. Salewski: "Die Jahreskarten werden vererbt oder gehortet." Manch einer mache ein Geschäft daraus.

Um in die Gesangsblöcke der Südkurve zu kommen ‒ in denen laut einer Analyse lediglich etwa 600 Fans für Stimmung sorgen und 600 weitere situationsbedingt einstimmen ‒, lassen sich viele Fans etwas einfallen. Sie klettern über Zäune zwischen den Blöcken, tauschen ihre Tickets oder schmuggeln sich in die entsprechenden Bereiche. Doch das ist gefährlich. Salewski: "Bei Spielen wie gegen Dortmund ist die Kurve brechend voll. Ein Glück, dass noch nichts passiert ist." Seit Beginn der Saison gibt es an den Zugängen zu den Stehplatztraversen Drehkreuze, die den Zugang kontrollieren. Prompt gab es einen Stimmungsboykott.

Der Verein sucht aber auch andere Wege. Zahlreiche Besitzer von Jahreskarten lassen ihre Tickets bei mehreren Spielen pro Jahr verfallen. Diese Kapazitäten will der Verein nutzen. Außerdem soll zwischen gesangsfreudigen Fans mit einem Sitzplatz und stehenden Anfeuerungsmuffeln vermittelt werden, dass sie ihre Karten tauschen. Allerdings bedarf es eines finanziellen Ausgleiches. Auf diesem Weg sei es möglich, den Bayern-Chor pro Partie um durchschnittlich 500 Stimmen zu erweitern, meinte Salewski. Zudem gibt es Bestrebungen, aus Sitzplätzen Stehplätze zu machen, so dass die Kapazität bis 2020 auf etwa 76.000 Plätze steigt. Stehplatzdauerkarten gibt es schon ab 140 Euro. Mit dem niedrigen Preis wolle der Verein den Stimmungsmachern danken, so Salewski. Wirklich zufrieden mit der Atmosphäre ist jedoch niemand.

Von Ronny Müller

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