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Doping in der DDR – ein Opfer erzählt

Dana Boldt im MAZ-Interview Doping in der DDR – ein Opfer erzählt

Im Alter von 8 Jahren kommt Dana Boldt an die Sportschule in Frankfurt, gewinnt vier Jahre später den DDR-Meistertitel im Pferdsprung. Später stellt sich heraus, dass die heute 44-Jährige von ihrem Trainer gedopt wurde. Im MAZ-Interview spricht sie über ihren Gang an die Öffentlichkeit, Folgeerscheinungen der Medikamente und die Angst vor ihrem Trainer.

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Talent auch auf dem Schwebebalken: Dana Boldt.

Quelle: privat

Frankfurt/Oder. Mit 12 Jahren gewinnt Dana Boldt vom ASK Frankfurt/Oder den DDR-Meistertitel im Pferdsprung. Später stellt sich heraus, dass sie Opfer des DDR-Doping-Systems wurde. Im Interview spricht die 44-Jährige über Angst im Training, Haarausfall mit 15 und den Schritt an die Öffentlichkeit.

Sie waren eine erfolgreiche Nachwuchsturnerin. Wie kam es dazu, dass Sie bereits mit 15 Jahren aufgehört haben?

Ich hatte eine Operation am Ellenbogen, mir wurden eine Platte und ein langer Nagel eingesetzt. Die Heilung hat sich fast eineinhalb Jahre hingezogen, so dass ich nicht voll belastbar war. Dann fing es an mit Haarausfall bis zur kompletten Glatze. Da stand für mich der Entschluss aufzuhören. Nicht seitens des Sportclubs. Also ich hätte von ihrer Seite auch mit Glatze weiterturnen können.

Haben Sie den Haarausfall auf den Sport zurückgeführt?

Ich hatte mit dem Haarausfall genug zu tun. Wir waren letztlich Kinder und konnten, was das Medikamentöse anging, überhaupt nicht einordnen.

Podiumsgespräch mit Dana Boldt in Cottbus

Dana Boldt, die nach ihrer Sportschul-Zeit eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester machte, als Techno-DJ arbeitete und heute eine kleine Web-Agentur betreibt, nimmt am Montag (18 Uhr) in der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus an einem Podiumsgespräch teil.

Auf dem Podium sitzt auch Ines Geipel, die in einem Vortrag das Dopingsystem der DDR und seine Folgen für die Sportler erklärt.

Ines Geipel erklärt zudem die Antragstellung auf Hilfeleistungen aus dem neuen Fonds der Bundesregierung.

Nach 2002 und 2006 stellt die Bundesregierung erneut eine finanzielle Hilfe für DDR-Doping-Opfer bereit.

Ulrike Poppe, Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, moderiert.

Wie häufig haben Sie Medikamente bekommen?

Es gab einmal am Tag immer ein Becherchen, in dem Wasser und ein Pulver drin war. Die standen im Kühlschrank. Dann haben wir ab und zu auch zwei Tabletten bekommen, blaue und rote. Wie die hießen, wurde uns natürlich nicht gesagt.

Wissen Sie heute, was das war?

Die blauen waren sehr wahrscheinlich Hormontabletten. Im Zuge meines Haarausfalls bin ich in Bad Saarow ins Militärkrankenhaus gekommen. Eine Ärztin dort wurde skeptisch. Sie hatte im Rahmen ihrer damaligen Möglichkeiten Tests gemacht, bei denen festgestellt wurde, dass der Testosteronspiegel und weitere Hormonwerte deutlich erhöht waren.

Wann haben Sie die ersten Tabletten bekommen?

Ungefähr mit 10 Jahren.

War das unter den Kindern Thema?

Wir haben uns damit arrangiert, so wie für Kinder eben auch andere Dinge völlig normal sind. Wir haben die einfach genommen. Die Angst vor dem Trainer regierte über alles. Nicht nur weil er uns Tabletten gegeben hat. Es war eh die Devise: Eher zugedröhnt auf dem Balken stehen als krankgeschrieben im Bett. Wir hatten als Kinder jeder unsere Apotheke. Auf diesem Wege wurde über Tabletten gesprochen, aber nicht über die vom Trainer.

Und mit Ihren Eltern?

Ich war im Internat. Wenn ich alle vier Wochen mal nach Hause kam, habe ich nicht darüber erzählt, dass ich Tabletten bekommen habe. Für uns war es nicht wichtig. Und selbst wenn wir was erzählt hätten, wären meine Eltern die letzten gewesen, die mich deswegen runtergenommen hätten. Sie haben mich auch nicht runtergenommen, weil ich geschlagen wurde. Ich weiß nicht, ob es in anderen Familien thematisiert wurde. Und selbst wenn, was wäre dann passiert? Dann wäre vielleicht Mama oder Papa zum Cheftrainer gegangen und hätte ein Gespräch gehabt und das wäre es gewesen.

Von sich aus aufhören ging nicht?

Meine Eltern hätten das nie zugelassen. Ich hätte nur aufhören können, wenn ich die Leistung nicht gebracht hätte. Wir haben uns so oft gewünscht, dass wir uns so schlimm verletzten, dass wir aufhören müssen. Das muss man sich mal vorstellen, wenn sich ein Kind das wünscht, nur um von der Sportschule zu kommen.

Haben Sie Folgeerscheinungen?

Ich habe eine Herzschwäche und starke Herzrhythmusstörungen. Mein Arzt sagt, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass dies Folgeerscheinungen des Dopings sind. Doping macht sicherlich körperlich krank. Aber das Doping bestimmte nicht meinen Lebensweg. Das machten die Jahre auf der Sportschule und dieses Leben, das wir dort geführt haben. Das hat uns letztlich geprägt. Der ähnelt sich bei ganz vielen Sportlern von früher.

Was hat Sie dort geprägt?

Die permanente Angst. Nicht Respekt vor jemandem, sondern Angst. Jeden Tag war Wiegen. Mir wurde ständig vorgeworfen, ich hätte Übergewicht. Der Trainer hat mich im Genick gepackt und aus der Halle geschmissen. Das sind Dinge, die lösen in einem Kind etwas aus. Ich will jetzt gar nicht alles, was mir passiert ist, darauf schieben. Aber sie erklären einige Dinge.

Welche?

Anfang der 1990er musste ich einen Tabletten- und Alkoholentzug machen, der Konsum war Gang und Gäbe. Bis vor drei, vier Jahren hatte ich eine Essstörung. Auch mit Depressionen habe ich zu tun.

Haben Sie Unterlagen aus dieser Zeit?

Meine Mutter hat es ein paar Jahre nach der Wende geschafft, unter abenteuerlichen Umständen meine Gesundheitsakte zu kopieren. Da war alles Wichtige rausgestrichen.

Warum haben Sie sich entschlossen, jetzt an die Öffentlichkeit zu gehen?

Alleine hätte ich das nicht gemacht. Meine Freundin hat mich dazu gebracht. Ich merke, dass mir das sehr, sehr wichtig ist. Ich hätte nicht gedacht, dass es noch so viele Dinge hervorruft. Die momentane Lebenssituation könnte rosiger sein. Vielleicht schaffe ich durch die Aufarbeitung, für mich selbst andere Optionen zu öffnen und zufriedener zu leben. Dafür muss man gelöst sein, das erhoffe ich mir dadurch.

Von Stephan Henke

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