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„Leistungssportler stehen immens unter Druck“

Mentaltraining im Leistungssport „Leistungssportler stehen immens unter Druck“

Die Mentaltrainerin Katja Seyffardt arbeitet in Wustermark (Havelland) und betreut Spitzensportler wie die Olympia-Starter Hagen Pohle und Christopher Linke (Gehen). Im Interview mit der MAZ spricht die 46-Jährige über Leistungsdruck bei Spitzensportlern, Drohungen gegen Schiedsrichter und Atemübungen, die in Drucksituationen für Entspannung sorgen.

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Katja Seyffardt arbeitet in Wustermark.

Quelle: DPA

Wustermark. Katja Seyffardt arbeitet als Mentaltrainerin in Wustermark und half Spitzensportlern wie den Gehern Christopher Linke und Hagen Pohle bei ihrer Olympia-Vorbereitung für Rio 2016. Im Interview spricht die 46-Jährige über Motivation, eine richtige Zielsetzung und Konzentrationsübungen über Kopfhörer.

Der Fußballtrainer Christoph Daum hat einmal etwas verquer behauptet: „Wenn der Kopf richtig funktioniert, dann ist er das dritte Bein.“ Wie würden Sie die Bedeutung des Mentalen für den Sport beschreiben?

Katja Seyffardt: Der Kopf ist entscheidend. Ich würde sagen, er macht 50 Prozent der Leistung aus. Wenn die physischen Grundlagen da sind, dann ist der mentale Aspekt sehr wichtig. Leistungssportler stehen immens unter Druck. Sie müssen zu bestimmten Zeiten maximale Leistung abrufen – und das über viele Jahre.

Wie helfen Sie als Mentaltrainerin?

Seyffardt: Es ist immens wichtig, dass Sportler mentale Techniken als Werkzeug an die Hand bekommen, damit sie lernen, wie sie sich besser fokussieren können. Wenn im Stadion beispielsweise 80 000 Menschen brüllen, das macht ja etwas mit einem. Die Frage ist, wie kann der Sportler in solchen Fällen bei sich bleiben, sich auf seine Aufgabe konzentrieren und nicht etwa auf den Sound des Stadions hören und sich von der Masse ablenken lassen.

Katja Seyffardt: Fallschirmspringerin aus Hamburg

Die gebürtige Hamburgerin Katja Seyffardt ist leidenschaftliche Fallschirmspringerin.

Die 46-Jährige hat in ihrer Laufbahn mehr als 1400 Sprünge absolviert. In Brandenburg springt sie in Fehrbellin und Gransee.

Außerdem ist Katja Seyffardt ausgebildete Tauchlehrer-Assistentin.

Die Mentaltrainerin hat eine langjährige Auslandserfahrung und lebte in Mittel- und Südamerika, Ägypten, Russland und den USA und spricht außerdem fließend Englisch und Russisch.

Vor drei Jahren zog sie nach Wustermark (Havelland), von wo aus sie Mentaltrainings, Workshops und Vorträge anbietet.

Wie sehen solche Techniken aus?

Seyffardt: Jeder ist da individuell, jeder spricht auf unterschiedliche Dinge an. Der eine ist mehr visuell, der andere auditiv, der andere fühlt lieber. Da gibt es unterschiedlichste Entspannungs- und Konzentrationstechniken, bei denen man sich auf das Ein- oder Ausatmen konzentriert. Das kann man auch mit aufgenommenen Mp3s machen und diese dann über Kopfhörer abspielen. Oder es gibt die Progressive Muskelrelaxation. Dabei spannt man bestimmte Muskelgruppen, angefangen vom Kopf über den Bauch bis zu den Füßen, an. Dadurch erreicht man eine Tiefenentspannung. Klar ist aber: Es bringt nichts, drei Wochen vor einem großen Wettkampf damit anzufangen, das wäre unprofessionell. Es ist wie mit dem physischen Training, es muss regelmäßig angewendet und trainiert werden.

Wie unterscheidet sich das in den verschiedenen Sportarten?

Seyffardt: Geher wie Christopher Linke oder Hagen Pohle haben über eine Strecke von 50 Kilometer ganz andere Herausforderungen als beispielsweise der Speerwerfer Bernhard Seifert, der nach einem Wurf eine Konzentrationsübung macht. Die Geher müssen einen Fokus setzen, gerade wenn es hart wird. Wir würden unsere brennenden Beine wahrnehmen und sagen, ich kann nicht mehr. Professionelle Sportler müssen die Fähigkeit besitzen, über Schmerzen hinwegzusehen und den Fokus auf etwas anderes zu legen, sich beispielsweise auf das klopfende Herz zu konzentrieren oder eine Visualisierung abspielen oder sich innerlich mit Worten zu motivieren.

Wie hört sich eine innere Ansprache an?

Seyffardt: Man redet am Tag 50 000 Mal mit sich selbst, das ist wissenschaftlich erwiesen. Dessen muss man sich erst einmal bewusst werden. Da ist es wichtig, wie der Sportler mit sich selbst redet und motiviert. Ist er streng und gebieterisch, weil er gerade eine Sequenz schlecht bewältigt hat? Oder kann er das Negative sofort ablegen, umdrehen und den Fokus auf die nächste Sequenz legen und sich innerlich durch Worte motivieren? Diese Routinen sind unglaublich wichtig, sie geben dem Sportler Sicherheit, gerade wenn man Versagensängste hat.

2004 holte Jürgen Klinsmann einen Sportpsychologen für die Fußball-Nationalmannschaft, die Skepsis war groß. Hat sich das inzwischen geändert?

Seyffardt: In Amerika und England ist die Sportpsychologie ein supergroßes Thema. Die haben dort auch ein ganz anderes Feeling für den Sport, das fängt dort ja schon viel früher und unglaublich professionell in der Highschool an. Seit aber die Nationalelf einen Sportpsychologen hat, haben auch andere Clubs ein Ohr dafür und ziehen nach. Leider gibt es aber sehr viele Randsportarten, die finanziell nicht so gut ausgestattet sind, und die sich eine Betreuung nicht leisten können.

Sie arbeiten auch mit den Brandenburger Fußball-Schiedsrichtern. Welche Tipps geben Sie ihnen?

Seyffardt: Schiedsrichter sind oft Beleidigungen, Anfeindungen oder sogar körperlicher Gewalt ausgesetzt, gerade im Amateursport. Da muss man als Person gefestigt und selbstbewusst sein und auch nicht über eine Entscheidung nachdenken, wenn sie gefällt ist und nicht einknicken. Eine Arbeit an den persönlichen Stärken kann hier sehr hilfreich sein, das Selbstbewusstsein zu stärken.

Ist ein Motivationstraining auch für Hobbysportler sinnvoll?

Seyffardt: Sobald man eine Leistung für sich erzielen will, ist das ein Thema, egal ob man beispielsweise einen Marathon gewinnen will, oder einfach nur ankommen. Außerdem gibt es immer mehr hochambitionierte Hobbysportler, die viel in ihren Sport und ihr Weiterkommen investieren. Auch in diesem Bereich habe ich schon Klienten betreut. Sobald es über den Freizeitgedanken hinausgeht, ist Mentaltraining auf jeden Fall sinnvoll. Außerdem unterstützt das Mentaltraining auch bei Verletzungen sehr stark die Heilung.


Interview: Stephan Henke

Von Stephan Henke

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