Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 11 ° Regenschauer

Navigation:
Martin Hollstein steht am Scheideweg

Kanu-Rennsport Martin Hollstein steht am Scheideweg

Der 30-jährige Kanute hat alles gewonnen, war Olympiasieger, Weltmeister und Europameister. Doch seit drei Jahren läuft es nicht mehr rund beim gebürtigen Neubrandenburger, der jetzt am Potsdamer Olympiastützpunkt trainiert. Die Leidensgeschichte nahm ihren Lauf, doch ein letztes großes Ziel will Hollstein nicht aus den Augen verlieren.

Potsdam 52.3905689 13.0644729
Google Map of 52.3905689,13.0644729
Potsdam Mehr Infos
Nächster Artikel
Das Länderspiel Deutschland gegen Dänemark

Martin Hollstein (v.) holte sich 2008 den Olympiasieg, 2012 gewann er noch einmal Bronze.

Quelle: dpa

Potsdam. Er hat alles erreicht, was es im Kanu-Rennsport zu gewinnen gibt. Olympiasieger, Welt- und Europameister. Doch den Höhenflügen folgte eine Misere, die seit drei Jahren andauert. Rien ne va plus. Nichts geht mehr bei Martin Hollstein. Er durchlebt die Schattenseiten eines Sportlers. Der Neu-Potsdamer hat sich genügend Wettkampfhärte und Erfahrung angeeignet, um die Ereignisse einzuordnen, aber ein flaues Gefühl in der Magengegend bleibt. Dennoch hält der 30-Jährige unbeirrt an seinem Ziel fest: „Ich will zu Olympia 2020 nach Tokio.“

Sein Stern ging 2008 in Peking auf. Zusammen mit dem Magdeburger Andreas Ihle schnappte sich Hollstein überlegen den Olympiasieg im Zweier-Kajak über 1000 Meter. Es folgten die Titel bei der Weltmeisterschaft 2010 sowie bei den Europameisterschaften 2010 und 2011. Bei Olympia 2012 in London holten beide noch einmal Bronze.

Das Dreamteam wurde gesprengt, als Ihle 2014 mit 36 Jahren die Paddel in die Ecke stellte. Der gebürtige Neubrandenburger fand keinen neuen Ihle. Aber er wollte die Chance ergreifen, als Schlagmann in den K4 zu wechseln, der sich in London als Problemboot erwiesen hatte. Doch es kam anders. Ein Unfall 2014, bei dem sich sein Auto überschlug, endete mit dem Bruch des rechten Handgelenks noch glimpflich. Wieder genesen, zwickte es in der Schulter. Die Wassereinlagerung zwischen zwei Schultermuskelgruppen wurde operativ beseitigt. Auch das Jahr 2015 war gelaufen, und der 1,92-Meter-Hüne hatte seinen Bundeskaderstatus verloren. Der Angehörige der Bundespolizeisportschule Kienbaum, der seit 2009 eine Ausbildung zum Polizeivollzugsbeamten durchlaufen hatte, musste in die eigenen Tasche greifen. Für Extras reichten die Gelder, die er noch von der Bundespolizei und seinem Verein SC Neubrandenburg bezogen hatte, nicht. Trainingslager in Italien und Südafrika organisierte der Athlet selbst.

Olympia 2016 stand vor der Tür. „Ich hatte mich wieder in Bestform gebracht, fand aber keinen adäquaten Partner”, sagt der gelernte Fertigungsmechaniker. Rio war damit passé. Immerhin errang er mit seinem neuen Partner und Clubkameraden Paul Mittelstädt bei der EM 2016 im K2 über 500 Meter mit Rang vier einen Achtungserfolg.

Doch was nun? Sein langjähriger Trainer Jürgen Lickfett ging in Rente. Es fehlten ein Coach und eine Trainingsgruppe. Zum Jahreswechsel 2016/17 bot sich ein Wechsel nach Essen, Berlin oder Potsdam an. Die Wahl fiel auf Potsdam und Bundestrainer Arndt Hanisch, einen Mann, zu dem auch die persönliche Schiene passte. Nach fast 20 Jahren Tollensesee nun die Havelseen. Hollstein und Olympiasieger Ronny Raue (35) sind die Oldies der Trainingsgruppe. Hanisch ging akribisch zur Sache. „Du führst deine rechte Druckhand zu hoch am Kopf vorbei“, mahnte er. Nach mehreren Tagen Videoauswertung war die Schonhaltung, die Hollstein nach der Schulter-OP eingenommen hatte, korrigiert.

Das Comeback des blonden Hünen schien bevorzustehen. Dem Höhentrainingslager im Januar in St. Moritz folgte ein achtwöchiger Aufenthalt in Florida. Doch kaum wieder zu Hause, das er in Berlin mit Freundin Jenny teilt, erwischte ihn nach dem großen Trainingspensum eine Bronchitis mit hohem Fieber. Mit geschwächtem Immunsystem hatte der gebeutelte Sportler bei der ersten Qualifikation des Nationalkaders am 22. April in Brandenburg/Havel keine Chance: Rang 23 im Einer. Bei der zweiten Quali Anfang Mai sprang Rang zehn heraus. „Die Nominierungskriterien sind so hart, dass ich keine weitere Chance bekomme“, so Hollstein. „Die internationale Saison läuft ohne mich.“

Der Olympiasieger am Scheideweg. Vier bis sechs Stunden quält er sich täglich – 70 Prozent zu Wasser, 30 Prozent im Athletikraum. Die Rückkehr an die Spitze wird immer dornenreicher. „Früher tummelten sich da vier bis fünf Nationen, heute sind es dreimal mehr“, so Hollstein. Das Wassertraining ist ausgereizt, ein Leistungszuwachs lässt sich über die Athletik erreichen. „Wir müssen immer mehr Muskelgruppen ausprägen“, meint der Athlet, der unlängst zum Polizeiobermeister befördert wurde.

Die Umstände haben den Sportler Hollstein verwandelt. Sein früherer Partner Ihle war ein Ruhepol. „Wir führten eine fast eheähnliche Beziehung. Auch an schlechten Tagen wirkte er noch anspornend.“ Heute muss Blondschopf Hollstein andere motivieren. Junge Kanuten bestürmen ihn, holen sich Tipps und wollen ihre Aufregung reduzieren. Hollstein, der jetzt zum Olympiastützpunkt Potsdam gehört, aber weiterhin für den SC Neubrandenburg startet, weiß: „Ich bin kein junger Gott mehr, der jede Einheit wegsteckt. Ich muss jede Trainingsübung bewusster angehen.“

Von Detlef Braune

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Sport
MAZ Sportbuzzer
Finde Bundesliga-Wettquoten und mehr exklusiv bei SmartBets.