Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -3 ° Sprühregen

Navigation:
Physik außer Kraft gesetzt

Mein Verein Physik außer Kraft gesetzt

Der Ludwigsfelder Billardclub bewahrt eine besondere Form des Billardsports. Ohne Löcher, mit nur drei Kugeln und vor allem mit viel Leidenschaft. Karambol heißt das vom Aussterben bedrohte Spiel, was der Verein seit fast sechs Jahrzehnten liebt und lebt. Die Akteure bewegen die Spielkugeln dabei teilweise so geschickt, dass sie nicht linear, sondern im Bogen über den Tisch gleiten.

Voriger Artikel
Tennis und Sekt im Paradies
Nächster Artikel
Caputher Wasserskisportler reiten auf der Erfolgswelle

Franko Spitzenberg, Vereinspräsident des Billardclubs Ludwigsfelde, zeigt die Anfangsformation des Karambol-Billards.

Quelle: Foto: Tobias Potratz

Ludwigsfelde. Glänzende Pokale in einer gläsernen Vitrine, zwei schlichte Billardtische und an der Wand prangen Schwarz-Weiß-Bilder aus vergangenen Tagen. Auf den ersten Blick wirken die Räume des Billardclubs Ludwigsfelde zwar gemütlich, aber wenig spektakulär. Doch der erste Blick täuscht gewaltig. In den Gemäuern des Ludwigsfelder Jugendzentrums direkt am südlichen Berliner Ring, wo der BC Ludwigsfelde seine sportliche Heimat hat, lebt tatsächlich ein schon totgeglaubter Mythos weiter.

Schon der genaue zweite Blick auf die Turniertische des BC lässt die verwunderten Augenbrauen des Billard-Laien, der nur im sommerlichen Cluburlaub mal zum Queue greift, in die Höhe schnellen. „Wir spielen Karambol. Hier gibt es keine Löcher“, sagt BC-Präsident Franko Spitzenberg und zeigt auf die Tische, an denen gerade ein paar uniformierte Vereinsmitglieder Übungsformationen trainieren. Es fehlt außerdem das berühmte Plastik-Dreieck, in welchem üblicherweise die farbigen Kugeln platziert werden. Stattdessen gibt es beim über 100 Jahre alten und heutzutage nur noch wenig praktizierten Karambol insgesamt nur drei Kugeln. Was das bedeutet zeigt ein grober Blick ins Regelwerk: Ziel im Spiel ist es mit einer Kugel und einem Stoß die beiden anderen zu treffen. Dann kommt es zur erfolgreichen „Karambolage“. Der Spieler erhält einen Punkt und darf entsprechend weiterspielen. Sollte das nicht gelingen ist der Gegner an der Reihe. „Es macht Spaß die Laien, die hier reinkommen, zu verwirren“, sagt BC-Spieler Günter Böber, der gegenwärtig zu den besten Spielern des Vereins zählt.

Physikalische Gesetze werden außer Kraft gesetzt

Das aktuelle Vereinslogo zeigt jedoch, dass Karambol in der Historie des Vereins für viele Jahre nicht das einzige Spiel des BC war. Neben einer roten und zwei weißen Karambol-Kugeln auf der linken Seite sind rechts drei grüne Kegel sichtbar. „Ein großer Teil hat über Jahrzehnte auch Kegelbillard gespielt“, sagt Franko Spitzenberg. Dies sei im Gegensatz zum Karambol ein eher „lauter und lebhafter“ Sport gewesen. Dennoch gehören Kegel-Billardtische nicht mehr zum Inventar des Vereins. Dass es den aktuellen Akteuren des Vereins daher an Lebhaftigkeit fehlt, ist jedoch wegen der großen Faszination beileibe nicht zu merken. „Wir können physikalische Gesetze außer Kraft setzen“, sagt Günter Böber mit begeisterter Stimme. Im Training werden dann tatsächlich die Kugeln von den Spielern angeschnitten, so dass sie nicht linear, sondern im Bogen über den Tisch rollen. Sogar eine Hand voll Zuschauer sitzt an den Tischen und genießt die Kunststücke.

Bruch nach der Wende

Das war jedoch nicht immer so. Ein erneuter Sprung in die Vereinschroniken zeigt, dass der BC Ludwigsfelde in seiner fast 60-jährigen Geschichte eine Berg- und Talfahrt erlebt hat. In den Anfangsjahren formierte sich eine Art Werksclub. „Die Meisten waren damals im Autowerk Ludwigsfelde oder generell in der Metallbranche tätig“, sagt Spitzenberg. Damals seien viele Arbeiter nach Ludwigsfelde gezogen. Darunter seien viele Billardspieler gewesen, die damals den Verein gegründet haben, so Spitzenberg weiter. Ein Vorteil habe darin bestanden, dass alle Vereinsmitglieder ähnliche Arbeitszeiten hatten und somit auch ein geregeltes Vereinsleben möglich war. Der Verein hielt sich lange erfolgreich in der DDR-Liga, der damals zweithöchsten Spielklasse. Ein großer Bruch folgte mit der politischen Wende 1990. Viele Spieler zogen weg und kehrten dem Verein den Rücken. „In den 90er Jahren hatten wir einige Zeit nur fünf Mitglieder“, erinnert sich Spitzenberg. Mit den 2000er Jahren habe sich diese Notsituation entspannt. Aktuell spielt der BC Ludwigsfelde in der Brandenburger Freizeitliga und misst sich dort mit vier weiteren Vereinen.

Von Tobias Potratz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Mein Verein - MAZ-Serie
MAZ Sportbuzzer
Die 10 größten Landesfachverbände und ihre Präsidenten

Tischtennis, Kegeln oder Fußball - für viele beliebte Sportarten gibt es in Brandenburg eigene Verbände. Die MAZ stellt die zehn größten und ihre Präsidenten vor.

Welchem Fußball-Bundesligisten drücken Sie die Daumen?