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Happy-Medal-Party

Olympia Rio 2016 Happy-Medal-Party

Nach den ersten Medaillen bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro ist die Erleichterung im deutschen Lager groß. Das muss gefeiert werden mit einer Happy-Medal-Party in Schwarz-Rot-Gold. Doch die Feier fällt eher besinnlich aus.

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Reiter Michael Jung holt zwei Medaillen für Deutschland.

Quelle: dpa

Rio de Janeiro. Der DJ fährt die Lounge-Musik hoch, wirft die Nebelmaschine an. Die Schiebetür öffnet sich. „Meine Damen und Herren, begrüßen sie mit mir die deutschen Vielseitigkeitsreiter“, fordert Moderatorin Anett Sattler. Unter großem Gejohle und Geklatsche „reitet“ die Equipe um den Gold-„Jung“, Michael Jung, über einen Steg zwischen zwei Pools auf die große Terrassenbühne. Startschuss zur ersten Happy-Medal-Party Schwarz-Rot-Gold.

Einer fehlt. Sam. „Ich kenne Sam schon sehr lange, bin ihm unheimlich dankbar. Er ist großartig.“ Jung schwärmt von ihm wie von einem großen Bruder. Er hätte ihn sicher gern mitgenommen. Doch sein Pferd hat auf der Bühne keinen Platz. So erzählt er die Geschichte, dass er auf Takinou hätte reiten sollen, dass sich sein Toppferd kurz vor Olympia aber einen Zeckenbiss eingefangen hatte. Und so kam Sam zum Einsatz, sein Gold-Pferd von 2012. „Es ist ungewöhnlich, zweimal mit dem gleichen Pferd Olympiasieger zu werden“, erklärt Jung. Und Sam? Freut sich jetzt auf seiner Koppel im Schwarzwald, er mag das Rio-Gras nicht so gerne.

Die Feiermeute rings um Jung auch nicht. Dafür Fisch, Steaks, Würste, die vor der Bühne auf zwei Grills brutzeln. Auch das brasilianische Nationalgericht Feijoada, Bohnen mit Fleisch, Reis und Farofa, geröstetem Maniokmehl, wird auf die Teller geschaufelt. Im Nobelvorort Barra da Tijuca, zwischen dem in dunkle Nacht getauchten Strand und der Lagune Parque Natural Municipal, wollen es die Athleten in den Olympia-Tagen im deutschen Beach-Haus so richtig krachen lassen. Was in London 2012 ein enger, hölzerner Museumsanbau in den Docklands war, ist in Rio ein schicker Strohdach-Bungalow über drei Ebenen, Pool, zwei Terrassen und Garten – alles in rot-schummriges Licht getaucht. Doch wer hinein will, muss auf der Gästeliste stehen – und brasilianisch warten. Lange Schlangen vor der Sicherheitsschleuse.

Gold und Silber um den Hals, schiebt sich Jung durch die Menschen. Er flaniert vorbei am Biertresen (nur deutsche Sorten), Caipirinha- und Kaffeestand. Selfie hier, Schnack da. Doch die Medaillenparty ist eher eine Chill-out-Fete. Schlipsträger plaudern in kleiner Runde. Funktionäre im Trainingsanzug, wie DOSB-Boss Alfons Hörmann und Chef de Mission Michael Vesper, sind erleichtert, dass sie endlich keine Fragen mehr nach der ersten Medaille beantworten müssen. Ex-Athleten wie Kanu-Legende Andreas Dittmer und Judo-Olympiasieger Ole Bischoff sind in ihre Kreise abgetaucht, während medaillenlose Athleten wie Sideris Tasiadis, Fünfter im Kanu-Slalom, ihren Frust leise ertränken.

Franziska van Almsick, Schwimmstar a. D., ist auch da. Sie hat sich Jung am Eingang geschnappt. „Hast du Olympia schon genossen, was hast du noch vor, wo willst du hin?“ Die Fragen der ARD-Plaudertasche fallen auf den nur 1,70 Meter großen Jung herab. Er verrät, dass er die Christo-Statue besucht hat („tolle Aussicht“), es aber in zwei Tagen schon zurückgeht. „Die anderen Pferde warten noch.“ Zuvor will er aber mit seiner Familie ein, zwei Wettkämpfe besuchen. „Schwimmen“, empfiehlt van Almsick. „Es ist spät, zwischen 22 und 0 Uhr, da hat man gegessen, gute Laune, also keine Ausreden.“ Tolle Idee, meint Jung und galoppiert weiter. Dass kurz danach Silber-Schützin Monika Karsch (33) gefeiert wird, die Regensburgerin erzählt, wie sie der griechischen Olympiasiegerin Anna Korakaki um den Hals gefallen ist, „weil ja sonst keiner da war“, bekommt er gerade eben noch mit. Dass die deutschen Turnerinnen Platz sechs, ihren größten Erfolg seit der Wende, kichernd bejubeln und als „Hero de Janeiro“ des Tages ausgezeichnet werden, schon nicht mehr. Jung ist weg.

Die erste Happy-Medal-Party, sie war eine in Light-Version. Jetzt heißt es Warten auf den Ruder-Achter, der 2012 nach seinem Olympiasieg das Deutsche Haus ins Wanken brachte. Und spätestens wenn die Hockey-Jungs nach ihrem letzten Spiel einziehen, wird es die ersten Arschbomben in den Pool geben ...

Von Jens Kürbis

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