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„Ich dachte, sie ist tot“

Olympia Rio „Ich dachte, sie ist tot“

Annemiek van Vleuten wollte sich die Goldmedaille im Straßenrennen holen, doch dazu kam es nicht. Stattdessen stürzte sie so dramatisch, dass die Bildregie darauf verzichtete, die Szene in der Wiederholung zu zeigen. Ihr Sturz hat eine Sicherheitsdebatte um das Straßenrennen ausgelöst.

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Annemiek van Vleuten

Quelle: dpa

Rio de Janeiro. Die Entwarnung kam um kurz vor 23 Uhr Ortszeit und war 137 Zeichen lang. Sie liege im Krankenhaus mit ein paar Verletzungen und Brüchen, aber alles werde gut, schrieb die niederländische Radfahrerin Annemiek van Vleuten bei Twitter. In erster Linie sei sie enttäuscht darüber, dass sie sich nicht habe belohnen können für das beste Rennen ihrer Karriere. Sie konnte also schon wieder an den Sport denken, an den Kampf um Medaillen, ans Gewinnen und Verlieren. Das war eine gute Nachricht am Ende eines dramatischen Tages.

Man hatte ja mit dem Schlimmsten rechnen müssen, als man die Szene sah, die sich rund zehn Kilometer vor dem Ziel des olympischen Straßenrennens der Frauen in Rio de Janeiro zugetragen hatte. Van Vleuten, die zu diesem Zeitpunkt als Führende der Goldmedaille entgegen radelte, rutschte bei der Abfahrt von der Vista Chinesa mit dem Hinterrad weg, krachte gegen den sehr hohen Bordstein und überschlug sich. Regungslos blieb sie liegen. Der Sturz sah so schlimm aus, dass die Bildregie darauf verzichtete, die Szene in der Wiederholung zu zeigen. Die Zuschauer in der Zielzone an der Strandpromenade von Copacabana bekamen von dem Unfall nicht viel mit. Er wurde nicht weiter thematisiert vom Ansager am Streckenrand, der das Rennen für das Publikum vor Ort kommentierte.

Die anderen Fahrerinnen dagegen waren erschüttert. „Ich dachte, sie ist tot“, sagte ihre niederländische Teamkollegin Anna van der Breggen über den Moment, in dem sie an der gestürzten van Vleuten vorbeikam. Doch sie wusste, dass sie ihr nicht helfen konnte in diesem Augenblick. Also hätte sie beschlossen, dass sie das Rennen jetzt zu Ende fahren würde, für die Kameradin, sagte van der Breggen.

Sie tat das ziemlich erfolgreich, gewann den Wettbewerb und feierte damit den größten Erfolg ihrer Laufbahn. Wobei: feiern ist der falsche Ausdruck. Wegen van Vleutens Sturz konnte sie sich nicht so recht über ihr Olympiagold freuen. „Das war der wichtigste Tag meiner Karriere, aber wenn man so etwas sieht, zählt das alles nicht mehr“, sagte van der Breggen.

Auch wenn sich schnell abzeichnete, dass die schlimmsten Befürchtungen nicht eintrafen. Kurz nach Ende des Rennens teilte ein Sprecher des niederländischen Verbandes mit, dass van Vleuten bei Bewusstsein sei und ins Krankenhaus gebracht werde. Später kam die Diagnose: schwere Gehirnerschütterung, drei leichte Brüche an den Lendenwirbeln. Van Vleuten hatte Glück im Unglück gehabt.

Dennoch hinterlassen die Straßenrennen in Rio einen bitteren Geschmack. Der Sturz der Niederländerin war ja weder ein Einzelfall gewesen noch das Resultat eines schwerwiegenden Fahrfehlers. Und auch beim Rennen der Männer am Tag zuvor war es chaotisch zugegangen. Der Wettbewerb war geprägt von Stürzen, von denen zwar keiner so schwer war wie der von van Vleuten, doch Knochenbrüche hatte es auch da gegeben. Und auch da hatte es den Führenden erwischt, nämlich den Italiener Vincenzo Nibali, ebenfalls bei der Abfahrt von der Vista Chinesa. Der Radsport ist ein riskanter Sport, und wer bei Olympia die Chance auf eine Goldmedaille hat, fährt vermutlich mit einem zusätzlichen Schuss Risiko. Wäre es nicht gerade deshalb die Verantwortung der Streckendesigner in Rio gewesen, den Kurs zu entschärfen?

Es bleibt der Eindruck, dass die Fahrer vorsätzlich ins Unglück geschickt wurden. Am deutlichsten formulierte diese These der frühere britische Olympiasieger Chris Boardman, der bei diesen Spielen als Fachmann für die BBC arbeitet. Er sei „wirklich sehr wütend“, versicherte er. Als er bei der Besichtigung der Strecke die Randsteine gesehen habe, sei ihm klar gewesen, dass man nach einem Sturz nicht einfach wieder aufstehe. „Die Leute, die für den Kurs verantwortlich waren, haben es auch gesehen, aber nichts unternommen. Das war gemeingefährlich“, sagte Boardman. Es klang wie eine Anklage.

Von Hendrik Buchheister

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