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„Ich habe geheult wie ein Schuljunge“

Olympia „Ich habe geheult wie ein Schuljunge“

Er ist der besherige Held der deutschen Olympia-Mannschaft - auch wenn Andreas Toba in Rio keine Medaille gewinnen konnte, leistete er einen beeindruckenden Beitrag für das deutsche Turner-Team. Nachdem er sich beim Bodenturnen das Kreuzband riss, turnte er anschließend weiter um sein Team in das Finale zu bringen.

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Andreas Toba avancierte während der Qualifikation zum Mannschafts-Turnen bei den olympischen Spielen zum Held.

Quelle: Schueler/Eibner-Pressefoto

Rio de Janeiro. Rio de Janeiro. „Und dann wurde mir klar: Du musst! Wenn du jetzt nicht antrittst, verlieren wir zu viele Punkte“, erklärt Andreas Toba seinen inneren Monolog. Minuten vorher hatte sich der deutsche Turner nach einer Sprungfolge im Teamwettbewerb bei der Landung das Knie verdreht. Sofort scheint klar: Sein Wettkampf ist hier zu Ende. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hält er sich noch auf der Matte liegend das lädierte Knie, Betreuer eilen herbei. Schließlich humpelt Toba von der Matte, gestützt von zwei Helfern und begleitet vom Applaus des Publikums.

Doch dann kommen die Fragen: Wer turnt für den Hannoveraner am Pferd? Fabian Hambüchen („Ich habe kurz überlegt, ob ich mir da irgendwas zusammenturne“) winkt ab. Die Schulter lässt das nicht mehr zu. Es ist das dritte Gerät. Und Toba ist daran der Beste in der deutschen Mannschaft. Und so entscheidet sich der 1,72-Meter-Mann, trotz der großen Schmerzen anzutreten. Er humpelt zum Pferd, muss lange warten, weil die Kampfrichter ihn längst aus dem System genommen hatten. Vor Schmerzen setzt sich Toba vor sein Schicksalsgerät an diesem Tag. „Als Zitterpartie“ hatte er das Pferd vor ein paar Wochen noch im Gespräch mit dieser Zeitung bezeichnet. „Da kann man so leicht wegrutschen, da muss man sehr viel trainieren, um im Kopf entspannt zu sein.“

Entspannt ist der 25-Jährige nicht. Dass er einen Kreuzbandriss und einen Innenmeniskusschaden hat, wie sich später herausstellen wird, ahnt er vielleicht – „aber die Spiele sind nur alle vier Jahre“, sagt er sich. Die Mannschaft hatte ihn kurz zuvor noch aufgebaut: „Du turnst die Übung doch im Schlaf.“ Und dann geht Toba an das Pferd. Das Publikum zittert mit, schaut gebannt auf den Mann, der sein ihn quälendes Knie zu ignorieren versucht. „Ich hatte solche Schmerzen im Knie, aber der Schmerz in mir war größer“, sagt er nach dem Wettkampf.

Auch ohne Medaille der Held der Spiele

Toba turnt stark. Doch wie soll der Abgang gelingen? Wie will er die Landung stehen? Dass er Angst um sein Knie gehabt hatte, erzählt er hinterher. Aber Toba schafft es, irgendwie. Donnernder Applaus – und 14,233 Punkte für den Mann vom TK Hannover, der damit an diesem Gerät tatsächlich bester des deutschen Teams ist. Seine Mannschaft läuft zu ihm, umarmt ihn und stützt ihn anschließend auf dem Weg zum Platz.

Andreas Toba ist der erste deutsche Held dieser Spiele – ganz ohne Medaille. Der deutsche Meister im Mehrkampf ist nicht der bekannteste deutsche Turner. Fabian Hambüchen, der gestern mit einer ganz starken Leistung und 15,533 Punkten als Bester ins Reckfinale einzog, kennt jeder. Marcel Nguyen, Tobas Zimmernachbar („Ich musste im Wettkampf weinen, und auch mein Herz ist gebrochen, als ich das sah“), hat sich in London 2012 mit Doppelsilber einen Namen gemacht. Und Andreas Bretschneider kann am Reck das nach ihm benannte schwierigste Element der Welt, einen Doppelsalto mit zweifacher Schraube, turnen. Aber Toba? Er ist eben ein Teamplayer, beschreibt sich selbst als zurückhaltend.

Keine Fortsetzung für Toba

Seit gestern kennt ihn jeder. „Ich war nicht tapfer. Ich habe geheult wie ein Schuljunge“, sagt er nach dem Wettkampf, den er fortan an der Seite verbringt. Hin und wieder klatscht er, feuert Hambüchen, Bretschneider und Lukas Dauser an, die verbissen um den Einzug ins Mannschaftsfinale kämpfen. „Es war klar, dass wir uns durchkämpfen müssen, zusammenhalten“, sagt Hambüchen. „Andi hat das für das Team gemacht, und was das Team dann gerissen hat, ist phänomenal.“ Bundestrainer Andreas Hirsch sagt über Toba: „Er wollte es unbedingt.“

„Wenn wir ins Finale kommen, dann wegen ihm“, sagte Hambüchen nach dem Wettkampf, als das deutsche Team noch zittern musste, ob es für das Finale reicht. Es reichte. Knapp vor der Schweiz zogen die deutschen Turner ins Finale (heute ab 21 Uhr MESZ) ein, weil Toba an diesem Tag in der Rio Olympic Arena über sich hinauswuchs. „Ich würde gerne weitermachen, irgendwie“, sagte er. Doch am Sonntag war klar: es geht nicht.

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