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Kalter Krieg am Beckenrand

Buhrufe und Verbalattacken Kalter Krieg am Beckenrand

Pfiffe, Buhrufe, Beschimpfungen. Um kurz vor Mitternacht fegte ein Sturm der Entrüstung durch das Aquatics Stadium. Zu einem Zeitpunkt, als längst nicht mehr geschwommen wurde, schlugen die Wellen in Rios größter „Badewanne“ hoch. Im Fokus: Julia Jefimowa, die für Russland eine Silbermedaille holte.

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Silbermedaille für Julia Jefimowa

Quelle: dpa

Rio de Janeiro. Pfiffe, Buhrufe, Beschimpfungen. Um kurz vor Mitternacht fegte ein Sturm der Entrüstung durch das Aquatics Stadium. Zu einem Zeitpunkt, als längst nicht mehr geschwommen wurde, schlugen die Wellen in Rios größter „Badewanne“ hoch. Im Fokus: Julia Jefimowa. Als der Russin nach dem Finale über 100 Meter Brust Silber umgehängt wurde, traf sie der Bannstrahl. Und nicht nur der der Zuschauer. Olympiasiegerin Lilly King (USA) verweigerte ihr den Handschlag. Auch Kings Landsfrau Katie Meili, die Bronze gewann, ignorierte sie.

Zickenkrieg im Schwimmen? Weitaus mehr. Die 24-jährige Jefimowa ist ob ihrer Dopingvergangenheit die „persona non grata“ der Spiele. Alle Russen wurden bisher von den 15 000 im Schwimmstadion mit Pfiffen empfangen, doch Jefimowa schlägt offene Feindseligkeit entgegen. Als die Russin nach ihrem Halbfinalsieg den Finger reckte, als Zeichen, dass sie die Nummer eins sei, beobachtete King die Szene in den Katakomben und zeigte an: „No, no!“ Später sagte sie, dass „ich kein Fan davon bin, mit dem Finger anzuzeigen, man sei die Nummer eins, nachdem man als Dopingsünder überführt worden ist”. Abgerechnet werde im Wasser, fügte sie hinzu. Eiszeit im Becken. Und es wurde noch kälter. Nach dem Olympiasieg spritzte King zweimal Wasser in Jefimowas Bahn. Die Russin wurde auch am Beckenrand gemieden wie eine Pestkranke.

Jefimowa, die pikanterweise in Kalifornien lebt und trainiert, hatte bis dato alle Anfeindungen weggelächelt. Doch jetzt war der Druck zu groß. In der Mixed Zone brach sie vor russischen Journalisten in Tränen aus. „Ich habe immer geglaubt, dass der Kalte Krieg vorbei ist“, erklärte sie. Bei der Pressekonferenz saßen King und Jefimowa am Ende des Tisches, in der Mitte, eigentlich für den Olympiasieger reserviert, Meili. Zu den Buhrufen befragt, erklärte die weinende Jefimowa: „Ich bin nur froh, dass ich hier bin.“ Sie appellierte an die Menschen, sie zu verstehen. Als sie vom Englischen ins Russische wechselte, schob der Übersetzer King ein paar Kopfhörer zu, um die Übersetzung zu hören. King lehnte mit versteinerter Miene ab und erklärte: „Ich habe gesagt, was alle denken. Ich bin froh, dass ich den Mumm hatte, es auch auszusprechen.“

Die Zweifel an Jefimowa kommen nicht von ungefähr. Die schöne Russin wurde zweimal überführt. Im Oktober 2013 wurde sie positiv auf das anabole Steroid DHEA getestet. Der Weltverband Fina sperrte sie nur 16 Monate – mildernde Umstände. Im Juni 2015 durfte sie so bei der WM im russischen Kasan starten, holte Gold und Silber. Ihre Sperre verglich sie dabei immer mit zu schnellem Fahren im Autoverkehr. „Wenn Sie einen Führerschein haben, fahren Sie irgendwann auch mal zu schnell, dann bekommen Sie ein Ticket.“

Doch es blieb nicht das Einzige. Im März 2016 stand sie sogar vor einem, um im Bild zu bleiben, lebenslangen Führerscheinentzug. Sie war mehrfach auf Meldonium getestest worden. Weil aber unklar ist, wie lange der Körper brauche, um das seit Jahresbeginn verbotene Mittel abzubauen, hob die Fina die Sperre auf.

Superstar Michael Phelps ist sauer: „Es zerstört alles, wofür der Sport steht – und das macht mich wütend.“ Doping sei kein russisches Problem, sagte Frank Embacher, Trainer von Paul Biedermann. Mit Recht. Der Franzose Camille Lacourt attackierte Olympiasieger Sun Yang, 2014 überführt und für drei Monate gesperrt: „Der pinkelt lila.“ Und: Wenn er sich das Podest über 200 Meter Freistil ansehe, müsse er sich übergeben. Der Australier Mack Horton war zuvor schon mit Chinas Schwimmstar aneinandergeraten, als der ihn im Aufwärmbecken attackierte. „Ich habe ihn ignoriert“, sagte Horton, „ich habe keine Zeit und keinen Respekt vor Dopingbetrügern.“

Biedermann-Coach Embacher ist sich sicher: „Ganz wird man das Problem wohl nie lösen. Aber nach Olympia ist ein neuer, härterer Weg nötig.“ Der Hallenser fand die alte Regelung gut: Wer bei Olympischen Spielen erwischt wurde, darf bei den nächsten Spielen nicht starten.

Von Jens Kürbis

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