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Marco Koch, der etwas andere Schwimmer

Olympia Rio Marco Koch, der etwas andere Schwimmer

Gäbe es eine Goldmedaille für den konstantesten Schwimmer, Weltmeister Marco Koch hätte sie sicher. Von Januar bis Juni 2016 schwamm er eine Weltklassezeit nach der anderen, kassierte auch mal eine Niederlage, die ihn aber nur weiter antrieb, noch härter an sich zu arbeiten. In der Nacht zu Donnerstag schwimmt er um eine Medaille.

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Marco Koch.

Quelle: dpa

Rio de Janeiro. Kreidebleich betrat er die Startbrücke. Seine Körpersprache signalisierte Verkrampfung, die Angst vor dem Versagen kletterte mit auf den Block. „Ich saß am Fernseher und dachte: Wie sieht der denn aus?“ Die Rede ist von Marco Koch und den Olympischen Spielen in London 2012, bei denen der deutsche Schwimmer im Halbfinale über 200 Meter Brust ausschied und Trainer Alexander Kreisel daheim im TV-Sessel nicht helfen konnte. Vier Jahre später ist der Coach des größten deutschen Goldkandidaten in Rio dabei. In der Nacht zu Donnerstag wollen die beiden Darmstädter ihre 14-jährige Zusammenarbeit krönen.

Gäbe es eine Goldmedaille für den konstantesten Schwimmer, Weltmeister Marco Koch hätte sie sicher. Von Januar bis Juni 2016 schwamm der Hesse eine Weltklassezeit nach der anderen, kassierte auch mal eine Niederlage, die ihn aber nur weiter antrieb, noch härter an sich zu arbeiten. Das Duo Koch/Kreisel hat alles für den Erfolg getan, ließ sich nie auseinanderdividieren – auch nicht, als der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) Koch in den Jahren 2009 bis 2012 überreden wollte, zum Stützpunkt nach Potsdam zu wechseln. Koch trainiert lieber im Darmstädter Nordbad, auch wenn das seit den Achtzigerjahren nicht mehr verbessert worden ist und sich in keiner Weise auf Weltstandard befindet. Doch der Student der Wirtschaftspsychologie braucht sein soziales Umfeld, seine Ruhe zum Regenerieren, hat mit Mama die beste Köchin. Er hasst es, mehrere Wochen am Stück im Hotelzimmer zu verbringen. Ein Wechsel ans Sportinternat in einer anderen Stadt hätte ihn womöglich zermürbt.

Weniger ist manchmal mehr, findet Trainer Kreisel. Dieser Linie ist er immer treu geblieben, auch, als Vorwürfe auftauchten, Marco Koch trainiere zu wenig. „Der Erfolg gibt uns recht“, sagt Kreisel, der schon mal das Training abbricht, wenn sein erschöpfter Athlet auch beim besten Willen nur noch 92 bis 95 Prozent zu geben vermag. „Wenn ich in dem Moment durchpeitsche, dass Marco noch zweieinhalb Kilometer mehr schwimmt, macht ihn das keine Zehntelsekunde schneller.“

In Rio entscheidet sich, welcher Weg der richtige war. Und wer wirklich bereit war, dem Olympiasieg alles andere unterzuordnen. Bei Marco Koch dauerte es bis 2014, ehe er die Ernährung ernst nahm. Bis dahin redete Kreisel wie gegen eine Wand. „Plötzlich beschäftigte er sich selbst mit dem Thema, ließ die letzten zwei Jahre viele Dinge weg, die er immer gern gegessen hat.“ Koch ist dennoch der etwas andere Schwimmer geblieben, der meist als einziger der acht Finalisten ohne Waschbrettbauch auf den Startblock klettert.

Seine Gleitfähigkeit, seine Detailversessenheit beim Erarbeiten der idealen Technik und Taktik, sein Ehrgeiz und seine Wettkampfhärte haben ihn zum Welt- und Europameister gemacht. Nun soll der letzte schwere Schritt zum Olympiagold folgen. Im Juni verbrachte er drei Nächte im Schlaflabor in Berlin. Seither weiß er, welche Tageslichtlampen er braucht, um zu den ungewöhnlichen Wettkampfzeiten in Brasilien fit zu sein. Seit Wochen trainiert Koch wie das gesamte deutsche Schwimmteam um 13 und 22 Uhr. Im Gegensatz zu London zog er erst drei Tage vor seinem Start ins Olympische Dorf, um die Spannung nicht wieder zu verlieren.

Wer mitzählen will: 13 bis 14 Züge braucht Marco Koch auf den ersten drei Bahnen, erst im Endspurt auf den letzten 50 Metern können es mehr sein. Aber es dürfen nie 13 und ein halber Zug sein. Denn dann vermasselt er unter Garantie die Wende und kann einpacken.

Eines steht fest: Der 26-Jährige hat so viel Selbstvertrauen gesammelt, dass er nicht wieder kreidebleich und wie ein Häufchen Elend zum Start schreiten wird. „Alles passt bis jetzt. Ich freue mich, dass es endlich losgeht. Ich möchte einfach ein Rennen schwimmen, mit dem ich zufrieden bin“, sagt er selbst. Wird es diesmal das ideale Rennen? Marco Koch ist bereit.

Von Frank Schober

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