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Olympia: So glanzlos senden ARD und ZDF

Sport-Berichterstattung Olympia: So glanzlos senden ARD und ZDF

Schnarchige Betulichkeit wie zu Zeiten von Schwarz-Weiß-Fernsehen und Randsport-Reporter, die sich durch machohafte Ausfälle disqualifizieren. Plus: Probleme mit der Glaubwürdigkeit. So empfindet Medienredakteur Imre Grimm die Sport-Berichterstattung von ARD und ZDF zu Olympia.

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Franziska van Almsick, Katrin Müller-Hohenstein, Carsten Sostmeier (v.l.): Das öffentlich-rechtliche Olympia-Angebot ist wenig medaillenverdächtig.

Quelle: ARD, ZDF

Potsdam. Stell dir vor, es ist Olympia, aber die Leute gucken lieber Fußball. Sportlich bedeutungslosen Sommerpausen-Testfußball. 7,22 Millionen Menschen sahen am Sonntag im ZDF das Supercup-Spiel zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund. Die Liveübertragung aus Rio de Janeiro nebenan im Ersten sahen zur gleichen Zeit 4,4 Millionen Menschen. Erst Kunstturnen, dann Golfen. Für Kunstturnen und Golfen sind das Zahlen zum Champagnersaufen. Für Olympia aber, dieses Mammut-Medienereignis, sind sie nur okay. 2,73 Millionen Menschen verfolgten bisher im Schnitt die Olympia-Tage in der ARD. 2012 waren es 3,33 Millionen.

Der Reitsport-Kommentator schmachtet wie ein verknallter Pennäler

Ein seltsames Phlegma zieht sich durch die öffentlich-rechtliche Rio-Berichterstattung, eine routinierte Glanzlosigkeit, die diese Spiele ganz gut spiegelt. Mal abgesehen von den üblichen delirierenden Randsport-Reportern, die allesamt wirken wie endlich mal wieder von der Kette gelassen und über „Klingenbeseitigungsangriffe“ (Säbelfechten) und „seitwärtstreibende Schenkelhilfen“ (Dressurreiten) jubeln. Turn-Chinesisch für Feinschmecker: „Adler mit halber Drehung in den Markelov!, dann den Tkatchev gestreckt und gegrätscht!, Ribalko!, Abgang im Doppelsalto gebückt!“ Der ARD-Reitsport-Vokalartist Carsten Sostmeier, oberster olympischer Klopferlieferant, schmachtete kurz nach seinen machohaften Ausfällen gegen Julia Krajewski („Mal sehen, was die Blondine zu sagen hat“) seine persönliche olympische Flamme Isabell Werth an wie ein verknallter Pennäler („Sie ist eine hell strahlende Kerze in dieser wunderbaren Kathedrale!“). Aber sonst? Schwarzbrotfernsehen.

ARD-Reitsport-Vokalartist Carsten Sostmeier

ARD-Reitsport-Vokalartist Carsten Sostmeier

Quelle: imago sportfotodienst

Es ist aber auch nicht einfach. Bei 306 Medaillenentscheidungen in 33 Sportarten muss ein analoger TV-Sender zwangsläufig daran scheitern, es allen recht zu machen. Tischtennis? Da jaulen die Bahnradfahrer. Frauenfußball? Interessiert die Gewichtheber nicht. 280 Stunden Live-TV, 40 Stunden Zusammenfassungen, 1000 Stunden Livestreams auf sechs Kanälen im Netz – das ist das Machbare. Das hektische Sportstätten-Zapping im Hauptprogramm führt dann aber auch mal dazu, dass es vom Hockeyspiel der deutschen Herren gegen Kanada zwar diverse Liveminuten, aber kein einziges Live-Tor gab. Ein echtes Kunststück bei einem 6:2. „Ob man nach links oder rechts geht, ist bei so einem großen Angebot nicht immer leicht zu entscheiden“, sagt ZDF-Teamchef Dieter Gruschwitz. Entscheidend seien Relevanz, deutsche Beteiligung und mutmaßliches Mehrheitsinteresse, heißt es bei der ARD. Ein Olympia-Tag ist eine programmplanerische Wette. Man kann sie auch verlieren.

Zu oft schimmert ein offenbar unzerstörbarer Machismus durch

Aber das größte Problem ist gar nicht die Sprunghaftigkeit. ARD und ZDF bilden Olympia ab, als habe sich die Medienwelt in den vergangenen 30 Jahren nicht weitergedreht. Als könne sich statt Alexander Bommes jederzeit Harry Valérien auf das Studiosofa setzen. Routinierte Betulichkeit überall, gefühltes Schwarz-Weiß-Fernsehen. Und erstaunlich häufig schimmert im Umgang mit weiblichen Sportlern ein offenbar unzerstörbarer Machismus durch („Die Frau ist eine glatte Zehn!“). Da fragt ARD-Mann Michael Antwerpes Tennis-Superstar Angélique Kerber allen Ernstes, was sie denn an ihrem Körper ändern würde. Da säuselt der Reporter beim Gewichtheben mit brechender Stimme: „Da hüpft das Herz, da jazzt die Seele! Man achte auf ihre Haarspangen!“ Und mancher Kommentator klingt persönlich beleidigt, wenn „sein“ Schützling die fest eingepreiste Medaille dann doch nicht erreicht. Enttäuschte Liebe macht halt garstig. Keine Medaille für das deutsche Canadier-Duo? „Das ist wirklich beschissen“, zürnt ZDF-Moderator Rudi Cerne.

Rudi Cerne

Rudi Cerne

Quelle: dpa

Problem Nummer zwei: die extreme Fixierung auf deutsche Sportler. Olympia als deutsche Meisterschaft. Überraschung: Viele Sportstars mit interessanten Storys besitzen gar keinen deutschen Pass. Ärgerlich, wenn anderswo Geschichte geschrieben wird, während das deutsche Fernsehen deutsches Vorrundenelend zeigt. Etwas läuft falsch, wenn nach zehn Tagen Olympia hauptsächlich über grünes Badewasser und die drollige Frage diskutiert wird, ob deutsche Sportler bei der Hymne strammzustehen und mit tränenblinden Augen zur Fahne zu blicken haben, wo sie doch schließlich von Steuergeldern profitieren.

Zwischen knallharter Anti-Doping-Investigation und Medaillenparty

„Euphorie zu verbreiten, ist nicht unsere Aufgabe“, sagt Bommes. Recht hat er. Teure Langeweile aber auch nicht. 130 Millionen Euro haben ARD und ZDF im Paket für die Winterspiele 2014 in Sotschi und die Sommerspiele in Rio bezahlt. Dazu kommen 22 Millionen Euro Produktionskosten (zwei mehr als in London 2012) – für 480 Mitarbeiter, 16 Schiffscontainer voll Technik und 100 Tonnen Luftfracht. Es ist ein schwieriger Balanceakt zwischen knallharter Anti-Doping-Investigation und schwarz-rot-goldener Medaillenparty. Man kann die stimmungsarmen, aber teuren Spiele von Rio kaum gleichzeitig zum Event hochjazzen und sie als betrügerische Farce entzaubern.

Das Glaubwürdigkeitsproblem des ZDF

Ein Glaubwürdigkeitsproblem bekam das ZDF spätestens, als Kristin Otto über Doping wetterte. Otto, die 1988 sechsmal Olympia-Gold für die DDR geholt hatte – und zwar nicht bloß dank hartem Training und gesunder Ernährung. „Eine unglaubliche Geschichte!“, schimpfte die Fachfrau für Staatsdoping über das Staatsdoping im Fall der russischen Schwimmerin Julia Jefimowa. Es war, als schimpfe Uli Hoeneß über Steuerhinterzieher.

Ab 2018 liegen die Olympia-Erstverwertungsrechte woanders

Es ist eine müde Abschiedsrunde. Ab 2018 liegen die Olympia-Erstverwertungsrechte für den deutschen Markt beim Konzern Discovery Channel. Die US-Muttergesellschaft von Eurosport sicherte sich die Rechte für 50 europäische Länder für 1,3 Milliarden Euro. Mit ARD und ZDF wird noch über Sublizenzen verhandelt. Aber es sieht nicht gut aus.

Von Imre Grimm

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