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Rudern mit Olympiasieger Hans Gruhne

MAZ macht mit Rudern mit Olympiasieger Hans Gruhne

In der MAZ-Serie „MAZ macht mit“ wagte sich diesmal MAZ-Redakteur Peter Stein ins wacklige Boot. Von Ruder-Olympiasieger Hans Gruhne wurde er ins Einmaleins des Skullens eingewiesen.

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Ruder-Olympiasieger Hans Gruhne (r.) und MAZ-Redakteur Peter Stein.

Quelle: foto: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Da habe ich mich ja auf eine wackelige Angelegenheit eingelassen. Zwar kann ich als Hobbypaddler auf gewisse Vorkenntnisse im Boot verweisen, aber nun probiere ich mich erstmals als Rückwärtsfahrer. Ich möchte in ein Ruderboot steigen, aber weder in einen Kahn, noch in ein Gigruderboot für die Wanderruderer, sondern in ein richtiges Rennboot, genauer in einen Doppelzweier. Mein Partner und Trainer ist kein Geringerer als Olympiasieger und Weltmeister Hans Gruhne. Sicher ist sicher, mit Hans zum Glück im Boot.

Gruhne ist die Ruhe selbst und ein überaus geduldiger Trainer. Das gibt auch dem Quereinsteiger Vertrauen. Denn das gelbe Schmuckstück – in dem Gruhne einst U23-Weltmeister wurde – ist nur hüftbreit, aber zehn Meter lang. Zunächst muss der Rollsitz, der auf zwei Schienen läuft, eingestellt werden. Das Boot befindet sich in der sogenannten Grundstellung seitlich am Steg. Dabei liegen die Ruderblätter auf dem Wasser, die Skulls befinden sich rechts und links im 90 Grad Winkel zum Boot. Ein Bein wird auf die Trittfläche gestellt. „Niemals in den Ruderkasten treten, dann ist man gleich durch“, sagt Gruhne mit einem Schmunzeln. Ich bin nicht zum Wassertreten gekommen. Eine Hand fasst beide Skulls, die andere das Boot. Ich sitze, während er das Boot noch festhält. Am Stemmbrett sind zwei Schuhe befestigt. In Socken gleiten meine Füße hinein, mit jeweils drei Klettverschlüssen werden die Füße fest fixiert. Drumherum liegen eine Art Schnürsenkel. Gruhne erklärt den Sinn: „Im Notfall lassen sich die Schuhe so mit einem Ruck öffnen.“ Der Notfall heißt kentern. Die Beine einmal gestreckt und einmal angewinkelt, der Rollsitz stößt weder vorn noch hinten an, hat freien Lauf – passt.

Auch beim Anfassen der cirka 2,90 Meter langen Skulls gibt es einiges zu beachten. Der Daumen liegt außen auf dem Griff, damit werden die Skulls immer nach außen in Richtung Dolle gedrückt. Das ist ein Scharnier auf dem Ausleger, in dem der Skull arretiert ist. Der Skull trägt an dieser Stelle eine weiße Manschette, die auf vier Seiten abgeflacht ist.

Normalerweise geht bei den Profis alles viel fixer. Dann kommt das Kommando „Mannschaft fertig“ und mit dem einen Bein stößt sich das Team seitlich vom Steg ab.

Nun sitzt auch Gruhne hinter mir im Boot, ich hebe die Skulls und er manövriert das schmale Handtuch vom Steg weg ins freie Wasser. Auf dem Templiner See hält sich der Motorbootverkehr an diesem Tag in Grenzen, unliebsame Wellen bleiben aus, es herrscht nahezu Windstille – günstige Bedingungen für den Novizen. Gruhne erklärt: „Der Schlag beginnt mit dem Freilauf.“ Dabei rolle ich auf dem harten Sitz, eine kleine Holzschale mit zwei Löchern drin, nach vorn, dann setze ich die Ruderblätter senkrecht ins Wasser und ziehe durch. Dabei drücken die Beine gegen das Stemmbrett und werden gestreckt. Da sich die Griffenden der Skulls vor meinem Körper kreuzen, muss die linke Hand über die rechte geführt werden. Wenn nicht, was natürlich öfter passiert, kommt es zur schmerzhaften Kollision. Meine Schreibtischhände sind nur die Computertastatur gewohnt, auf dem Daumen ist die Haut gleich runter, egal.

Beim Hebeln wird das Blatt aus dem Wasser gehoben und der Skull im 90 Grad Winkel nach unten gedreht. Das weiße Blatt liegt nun parallel zur Wasseroberfläche. Dann die Beine wieder anziehen, der Rollsitz rutscht nach vorn, wieder den Skull mit der Hand aufdrehen und mit senkrechtem Blatt einsetzen. Beim Durchziehen müssen Handrücken und Unterarm eine Linie bilden. Dann hat man die beste Kraftübertragung. Wird das Blatt schräg eingesetzt, zieht es wie ein Anker nach unten. Dann fängt man sich einen Krebs, wie die Ruderer sagen. Schlimmstenfalls kann das zum Kentern führen. Gruhne erläutert: „Im Durchzug wird das Boot beschleunigt, seine höchste Geschwindigkeit hat es im Freilauf. Wer es schafft, im Freilauf am wenigsten Tempo zu verlieren, hält die Geschwindigkeit hoch. Man rollt idealer Weise auf dem Boot nicht nach vorn, sondern zieht das Boot unter sich hindurch.“

Und warum müssen Ruderer möglichst groß sein? Gruhne misst immerhin 1,93 Meter. „Durch die langen Arme hat man einen größeren Winkel, kann den Skull länger im Wasser durchziehen“, sagt der 29-jährige Polizist. „Die Kunst ist es, das Ganze einfach und harmonisch aussehen zu lassen, dann macht man es richtig.“ Ich sitze vorn im Bug auf Schlag und bin wohl noch ein Stück davon entfernt, obwohl mich mein Trainer immer lobt. Als wir bei etwa 15 Schlägen pro Minute – im Rennen werden locker mehr als das Doppelte gefahren – angelangt sind, habe ich schon das Gefühl, über das Wasser zu schweben. Wenn Gruhne durchzieht, scheint die gelbe Rakete abzuheben. Ein Hochgefühl stellt sich ein und lässt die Anstrengung vergessen.

Trockenen Fußes erreichen wir wieder den Heimathafen am „Seekrug“. Von wegen Rückwärtsfahrer. Für mich steht fest: „Paddeln kann ja jeder, aber zum Rudern gehört noch ein bisschen mehr, bis die Bewegungen in Fleisch und Blut übergehen. Ein tolles Gefühl, so voller Harmonie und Ästhetik über das Wasser zu gleiten.“ Zu guter Letzt schultern wir auf Kommando mit einem Ruck das 27 Kilo schwere Boot und tragen es in die Halle. Ein Handschlag zum Dank.

Von Peter Stein

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