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Steuerrazzia beim DFB: WM-Affäre erreicht neues Ausmaß

Fußball Steuerrazzia beim DFB: WM-Affäre erreicht neues Ausmaß

Die Steuerfahndung hat am Dienstag die DFB-Zentrale und die Privatwohnungen der WM-Macher Niersbach, Zwanziger und Schmidt durchsucht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung. Die WM-Affäre hat dadurch eine neue Dimension.

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Der ehemaligen DFB-Präsident Theo Zwanziger verließ im PKW seines Anwalts Hans-Jörg Metz den Schauplatz.

Quelle: Thomas Frey

Frankfurt/Main. Ein Großeinsatz der Staatsanwaltschaft und der Steuerfahndung hat der Affäre um die WM 2006 in Deutschland noch einmal eine neue Dimension gegeben und den Deutschen Fußball-Bund endgültig in die schwerste Krise seiner Geschichte gestürzt.

Mehr als 50 Ermittler durchsuchten die DFB-Zentrale in Frankfurt am Main und dazu noch die privaten Wohnsitze des amtierenden Präsidenten Wolfgang Niersbach, seines Vorgängers Theo Zwanziger und des langjährigen DFB-Generalsekretärs Horst R. Schmidt.

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Das Logo des DFB an der Zentrale des Deutschen Fussball-Bundes in Frankfurt am Main.

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Der Verdacht der Staatsanwaltschaft lautet: "Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall". Es geht dabei um die Rückzahlung jener ominösen 6,7 Millionen Euro an den damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus, die das deutsche WM-Organisationskomitee 2005 bewusst falsch als Beitrag zu einer FIFA-Gala getarnt hatte.

Die Frage, wohin das Geld des Franzosen ursprünglich einmal geflossen ist, steht seit Wochen im Zentrum des gesamten Skandals und ist bis heute nicht geklärt. Zwanziger forderte den DFB in einem Schreiben vom Montagabend sogar dazu auf, zu prüfen, ob man die 6,7 Millionen nicht vom damaligen OK-Chef Franz Beckenbauer zurückfordern müsse.

Zu den Durchsuchungen sagte die Frankfurter Oberstaatsanwältin Nadja Niesen der "Bild"-Zeitung: "Sollte sich der hinreichende Tatverdacht erhärten, kommt es zur Anklageerhebung. Dann landet der Fall vor Gericht." Sollte es dann auch noch zu einer Verurteilung kommen, drohe den WM-Machern Niersbach, Zwanziger und Schmidt eine Haftstrafe "zwischen sechs Monaten und fünf Jahren".

Niersbach dürfte nach neusten Entwicklungen endgültig nicht mehr als DFB-Präsident zu halten sein. Das einzige OK-Mitglied, das noch heute ein wichtiges Amt zu verlieren hat, war schon vor der Steuerrazzia durch seine widersprüchlichen Aussagen zu der Affäre und durch sein miserables Krisenmanagement massiv in die Kritik geraten.

Niersbach äußerte sich am Dienstag nicht. Gegen Beckenbauer, die eigentliche Schlüsselfigur der gesamten Affäre, wurden zunächst keine Ermittlungen bekannt. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass Beckenbauer und sein enger Vertrauter Fedor Radmann in Österreich bzw. der Schweiz leben - und damit außerhalb des Zugriffsbereichs der Ermittler. Der DFB sagte der Staatsanwaltschaft in einer knappen Erklärung seine "vollumfängliche Unterstützung" bei den Ermittlungen zu. Und so war es auch am Dienstag wieder nur der frühere Präsident Zwanziger, der von sich aus an die Öffentlichkeit ging.

"Trotz der damit vordergründig verbundenen Unannehmlichkeiten" begrüßte er zunächst die Tatsache, dass sich nun die Staatsanwaltschaft um die WM-Affäre kümmert. Denn er sei sich sicher, dass er "keine Konsequenzen zu befürchten" habe.

Gleichzeitig wurde das Schreiben Zwanzigers an den DFB bekannt, in dem er den Verband zur Prüfung möglicher Ansprüche gegen Beckenbauer aufforderte. Das Schreiben konnte die Deutsche Presse-Agentur einsehen. Nach den Darstellungen des DFB soll Beckenbauer 2002 in einem Vier-Augen-Gespräch mit dem inzwischen gesperrten FIFA-Präsidenten Joseph Blatter ausgehandelt haben, dass der Weltverband im Auftrag der deutschen WM-Macher umgerechnet 6,7 Millionen Euro von Louis-Dreyfus erhält. Ob dieses Geld der Bestechung von FIFA-Funktionären, der Unterstützung von Blatters Wahlkampf oder nur wie von Beckenbauer und Niersbach behauptet der Sicherung eines Organisationszuschusses diente, ist unklar.

Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen konzentrieren sich allein auf die Rückzahlung der Dreyfus-Millionen im Jahr 2005. Wo genau das Geld am Ende hinfloss, ist ebenfalls noch nicht geklärt. Das WM-Ok hatte sie zunächst als Beitrag für eine Eröffnungsgala getarnt und mit der Bitte an die FIFA überwiesen, das Geld sofort an den 2009 verstorbenen Franzosen weiterzuleiten.

Genau auf dieser falschen Deklarierung gründet sich nun der Verdacht der Steuerhinterziehung. "Den Beschuldigten wird vorgeworfen, im Rahmen ihrer damaligen Verantwortlichkeiten die Einreichung inhaltlich unrichtiger Steuererklärungen veranlasst und hierdurch Körperschafts- und Gewerbesteuern sowie Solidaritätszuschlag für das Jahr 2006 in erheblicher Höhe verkürzt zu haben", heißt es in einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft. Durch die Tarnung als "Kostenbeteiligung an einem Kulturprogramm" habe das WM-Ok die 6,7 Millionen Euro "steuermindernd geltend gemacht". Da der Zahlung aber "tatsächlich ein anderer Zweck zugrunde lag", hätte sie nie als "abzugsfähige Betriebsausgabe" angegeben werden dürfen.

Bei den Ermittlungen dreht es sich allerdings allein um den Verdacht der Steuerhinterziehung. Andere mögliche Tatvorwürfe - etwa Untreue oder die Bestechung von FIFA-Funktionären vor der Vergabe der WM - sind laut Niesen bereits verjährt. Schwere Steuerhinterziehung sei "das Einzige, was nach Einschätzung all der Fakten, die bisher auf dem Tisch lagen, noch nicht verjährt war", sagte die Anti-Korruptions-Expertin Sylvia Schenk von Transparency Deutschland.

Trotzdem fand das Einschreiten von Staatsanwaltschaft und Steuerfahndung ein überwiegend positives Echo. "Die staatlichen Ermittler haben den Zugriff zu allen Unterlagen beim DFB. Es ist der richtige Weg, Licht ins Dunkel zu bringen", sagte die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Dagmar Freitag. Durch staatliche Ermittlungen bestehe jetzt eine echte Chance, die Sachlage zu klären, meinte die SPD-Politikerin. Im Sportausschuss steht die WM-Affäre an diesem Mittwoch ebenfalls auf der Tagesordnung. Mehr als eine Beratung des Themas wird dabei aber nicht herauskommen können. Sowohl Niersbach als auch der damalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) sind zu dieser Sitzung eingeladen worden. Beide haben abgesagt.

dpa

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