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Vertauschte Rollen bei den Harting-Brüdern

Duell im Diskusring Vertauschte Rollen bei den Harting-Brüdern

Weil Olympiasieger Robert Harting nach seinem Kreuzbandriss noch um sein Comeback kämpft, vertritt ihn dessen jüngerer Bruder Christoph derzeit als Jahresweltbester im Diskuswerfen glänzend.

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Werden sich immer ähnlicher: Robert (l.) und Christoph Harting.
 

Quelle: Foto: Dpa

Berlin.  Endlich ist er aus dem Schatten des großen und berühmten Bruders getreten. Christoph Harting genießt als Jahresweltbester im Diskuswerfen die Aufmerksamkeit bei der Pressekonferenz für das 74. Internationale Stadionfest (Istaf) am 6. September im Berliner Olympiastadion. Ob der große Bruder Robert Harting dann in seinem Wohnzimmer wieder dabei ist, steht indes noch in den Sternen. Nach einem Kreuzbandriss im September lässt der Olympiasieger und dreimalige Weltmeister sein Comeback weiter offen.

 „Ich bin guter Dinge, die Reha läuft planmäßig“, erzählt der 30-Jährige gut gelaunt in der Lobby eines Bankhauses in der Berliner City. „Doch das kann morgen schon wieder ganz anders aussehen. Wenn ich zuviel will, ist das kontraproduktiv. Es wäre fatal, dem Knie ein Datum zu geben. Das ist wie bei einer TV-Soap. Da kann man mitweinen und mitlachen.“

Aber sein (erster) Platz im Ring ist ja nicht verwaist. Wie bei den boxenden Klitschko-Brüdern hält nun Harting II die Stellung, ist derzeit mit 67,93 Metern die Nummer eins in der Welt, steigerte sich um fast drei Meter. Liegt’s nur daran, weil der große Bruder momentan nicht dabei ist? Christoph Harting, der den „Großen“ körperlich mit seinen 2,05 Metern um vier Zentimeter überragt, reibt sich am rothaarigen Kinnbart und grient: „So einfach ist das nicht. Aber die Steigerung kommt für mich nicht überraschend. Ich habe darauf hingearbeitet und einiges verändert. Dazu gehört neben der Technik – ich springe jetzt beim Abwurf um – auch das private Umfeld. Die Verhältnisse sind geordnet.“ Sprich Freundin und gemeinsame Wohnung geben ihm ein Zuhause, dazu kommt die Arbeit mit einem Psychologen vom Olympiastützpunkt Berlin. „Man muss nicht nur den Körper, sondern auch den Geist trainieren“, bemerkt der fünf Jahre jüngere Harting, der seine Ausbildung zum Polizeimeister abgeschlossen hat.

Natürlich sei der große Bruder immer der Maßstab gewesen. Deshalb habe er damals in Cottbus wie dieser mit der Leichtathletik begonnen. Das Talent wurde beiden von den Eltern – ehemalige Kugelstoßer – mitgegeben. „Weil das bei Robert gut geklappt hat, wollte ich es auch ausprobieren“, schildert er den Werdegang und folgte diesem 2007 auf die Sportschule nach Berlin. „Weil wir dort die besten Bedingungen hatten und die besten Trainer.“ Erst war es Werner Goldmann, nun seit zwei Jahren Torsten Schmidt. Dem hat Christoph Harting die Sache mit der Technikumstellung vorgeschlagen. „Das klappte nicht von heut auf morgen, aber nun wird es immer besser. Der Mensch entwickelt sich. Vorher hat das für mich nie eine Rolle gespielt, aber inzwischen habe ich mich selbst gefunden.“

Oder hat ihm der große Bruder, nachdem bei Christoph Harting im Vorjahr überhaupt nichts zusammenlief, einfach mal richtig den Kopf gewaschen? Da schmunzelt Robert Harting nur gönnerhaft und meint: „Die Klitschkos kämpfen ja nicht gegeneinander im Ring, wir können das nicht verhindern. Aber ich freue mich natürlich für ihn und Mama findet das auch toll.“

Was nun das eigene Comeback betrifft, so greift der Hobbymaler nicht gleich zu den rosaroten Farben, das Grün der Hoffnung würde eher passen. „Ich werde die olympische Goldmedaille nicht für WM-Gold riskieren“, sagt Robert Harting unmissverständlich. Das heißt, Olympia 2016 ist sein großes Ziel, die WM Ende August in Peking kann, aber muss nicht sein. Da werde er nichts über’s lädierte Knie brechen. „Die nächsten sechs bis sieben Wochen könnten entscheidend sein.“ Als Titelverteidiger besitzt er eine Wildcard für die WM, schränkt aber ein: „Ich starte dort nur, wenn ich in WM-Form bin. Es gibt ja eine gewisse Erwartungshaltung – bei mir und nicht zuletzt in der Öffentlichkeit.“ Und knappe 68 Meter wie sein Bruder müsse er erst mal werfen. „Das ist ein ganz schöner Batzen“, bemerkt Robert Harting. „Ein guter Fußballer kann mit 80 Prozent Leistungsfähigkeit seiner Mannschaft helfen. Bei mir fehlen da gleich mal drei bis vier Meter.“ Und wer verliert schon gern gegen seinen kleinen Bruder?

Der erzählt noch, früher hätten die Hartings bei Wettkämpfen öfters um ein Eis gewettet. Dann sagt Christoph Harting: „Angesichts der Erfolge kann ich mich nicht mit Robert vergleichen. Ich habe gerade mal zwei gute Wettkämpfe gehabt. Mein Training ist darauf ausgerichtet, der Beste zu sein. Dazu muss ich jeden schlagen, auch meinen Bruder.“

Von Peter Stein

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