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Warum ein zweiter Platz sein größter Sieg war

Täve Schur wird 85 Warum ein zweiter Platz sein größter Sieg war

Er war der populärste Sportler der DDR: Gustav-Adolf Schur, genannt Täve, war so beliebt, weil er als Radsportler in den 1950er und 1960er nicht nur großartige Erfolge feierte, sondern weil er immer bescheiden blieb und auf die Menschen zuging. Im Interview erzählt der Jubilar über sein Leben und warum ein zweiter Platz sein größter Sieg war.

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Noch immer mit dem Rennrad unterwegs: Täve Schur.

Quelle: dpa-Zentralbild

Heyrothsberge. Er wohnt noch immer in Heyrothsberge nahe Magdeburg, wo er aufwuchs, den Krieg überlebte und wo ihm die Kollegen ein Haus bauten. Radsport-Legende Gustav-Adolf Schur, von allen nur kurz Täve genannt, feiert am 23. Februar seinen 85. Geburtstag und wirkt noch immer fit wie ein Turnschuh. Der Händedruck zur Begrüßung ist fest und das Gespräch offen und herzlich.

Woher kommt eigentlich der Name Täve?

Täve Schur: Das ist die Kurzform von Gustav, ein Sportkamerad bei der Betriebssportgemeinschaft Aufbau Börde Magdeburg hat mich damals so gerufen, seitdem hab ich den.

Nennt Ihre Ehefrau Renate Sie auch Täve?

Schur: Nein, zu Hause bin ich der Vati, meine Kinder nennen mich so und meine Frau eben auch.

Sie waren der populärste Sportler der DDR, bekannter noch als der Marathonläufer Waldemar Cierpinski oder die Eislaufkönigin Katarina Witt. Welches war Ihr größter Sieg?

Schur: Auf dem Sachsenring damals, das war mein größter Sieg.

Aber Sie sind 1960 „nur“ WM-Zweiter geworden hinter Ihrem Teamkollegen Bernhard Eckstein?

Schur: Eben drum. Alle haben damals gesehen, dass ich für ihn auf meinen dritten WM-Titel nach 1958 und 1959 verzichtet habe.

Wie kam es dazu?

Schur: Allen Konkurrenten war doch klar, der will ein drittes Mal Weltmeister werden, noch dazu zu Hause. Also musst du dich an sein Hinterrad halten. Angesichts dieser Konstellation wusste ich, dass ich bis zuletzt warten musste, bis alle schon erschöpft waren. Nach einem stundenlangen Wettkampf hatte Eckstein das große Glück, in einer Spitzengruppe zu sein, er brauchte dort nur mitfahren. In der Endphase, als alles mit Brachialgewalt nach vorn drängte, kamen wir mit ein paar Leuten ran. In dem Moment war der Belgier Willy Vanden Berghen davongesprungen. Wir sind sofort hinterher, Eckstein und ich. Oben am Berg in Hohenstein-Ernstthal war ich voll in der Sauerstoffschuld, meine Beine steif, bergab konnte ich mich erholen und in der Senke waren wir dran. Eckstein hat sofort ohne jegliche Absprache angegriffen.

Waren Sie da nicht sauer?

Schur: Nein, überhaupt nicht. Diese Taktik kannten wir. Er hat es gemacht, dazu gehört Entschlusskraft, Ecke ist ja auch nicht spazieren gefahren. Vanden Berghen war verblüfft und fuhr ein Stück zur Seite, zögerte ein paar Sekunden, dachte wohl, na Schur dann fahr mal, wenn du Weltmeister werden willst. Aber ich tat ihm den Gefallen nicht. Und als er das merkte, war es zu spät. Im Spurt hatte ich dann einen höheren Gang gewählt und wurde noch Zweiter.

Danach genossen Sie endgültig Heldenstatus. Hat Sie das überrascht?

Schur: Dieser Verzicht war für mich selbstverständlich. Die Weltmeisterschaft war in dieser Situation nicht anders zu gewinnen. Dass das die Menschen so begeistert hat, habe ich daran gespürt, dass sich mein Handwurzelknochen entzündet hat vom vielen Händeschütteln. Aber ich habe das den Leuten nicht übel genommen, sie haben sich so gefreut, als hätten sie selbst gewonnen.

Sie haben ja nie ein Hehl daraus gemacht, dass Sie für die Menschen in der DDR gefahren sind. Was war Ihre Motivation?

Schur: Die haben doch für mich im Betrieb geschuftet, damit ich Radfahren und studieren konnte. Das war eine Frage der Moral. Die Menschen haben mein Studium mitbezahlt, das ist so verpflichtend gewesen.

Sie sind zwölf Mal bei der Friedensfahrt dabei gewesen, haben das damals größte Amateuretappenrennen zwei Mal gewonnen. War das mehr eine sportliche oder auch eine politische Herausforderung?

Schur: Beides. Als ich 1952 das erste Mal im noch zerstörten Warschau als Deutscher am Start stand, das ging mir schon unter die Haut. Ich hatte den schlimmen Krieg erlebt, lag nur 200 Meter von unserem Haus entfernt im Schutzbunker, als zweimal ein Bombenteppich niederging. Deshalb war ich später immer von den Gedanken getragen, nie wieder Krieg, du musst für den Frieden in der Welt kämpfen und das Rennen hieß ja Friedensfahrt. Bei uns standen Millionen an der Strecke und wir haben erlebt, welche Freude das den Menschen macht.

Das Etappenrennen pendelte zwar nur zwischen Warschau, Prag und Berlin, aber auch Italiener, Belgier, Franzosen oder Briten waren dabei. Gab es da Kontakte?

Schur: Natürlich. Das Schönste an der Friedensfahrt war doch, dass alle gleich behandelt wurden. Der Erste wie der Letzte, der Russe wie der Engländer oder der Deutsche. Alle saßen im gleichen Speisesaal, schliefen im selben Hotel. 1996 hat mich mal der Belgier Louis Prost besucht und mir gestanden, die Friedensfahrt sei sein größtes Erlebnis gewesen, obwohl er später auch noch Profi wurde. Erst vor drei Jahren bin ich mit drei Engländern auf dem Rad unterwegs gewesen, von denen zwei Väter die Friedensfahrt mitgefahren sind. Die Burschen wollten die Strecke nun nachfahren und waren mit ihren Computern bestens ausgestattet. Zwischen Chemnitz und Leipzig ging es auch über die Steile Wand von Meerane, das hat mir imponiert.

1959 wollten Sie die Friedensfahrt nicht mitfahren. Was war da los?

Schur: Ich habe gespürt, ich brauche einfach mal eine Pause. Aber eines Tages wurde ich zum Rektor der DHfK (Deutsche Hochschule für Körperkultur in Leipzig/d.A.) gerufen. Die Sekretärin winkte mich gleich durch und als der Rektor dasselbe tat, saß da plötzlich Paul Verner von der Parteiführung aus Berlin im Sessel. Er redete wie ein Vater auf mich ein: Weißt du, was da oben bei uns in Berlin los ist, alle sind aufgeregt. Als ich danach wieder im Sportklub ankam, wussten alle schon Bescheid. Ich fahre wieder.

Immerhin haben Sie dann im Mai zum zweiten Mal nach 1955 die Friedensfahrt wieder gewonnen. Das war damals auch die Zeit der deutsch-deutschen Olympia-Ausscheidungen. Wie haben Sie das erlebt?

Schur: Das waren beschissene Wettkämpfe. Die wollten gewinnen und wir wollten gewinnen, aber wir waren zu diesem Zeitpunkt stärker. Einmal wurde ich sogar von einem westdeutschen Betreuer vor einem Rennen im Hotel angesprochen. Er nahm mich in einem Zimmer zu Seite und fragte, ob ich nicht dafür sorgen könne, dass sein Mann mit vorne ankommt. Ist nicht machbar, habe ich da geantwortet.

1964 sind Sie bei dem Ausscheidungsrennen in Erfurt von einem westdeutschen Sportler in den Graben gefahren worden. Stimmt das?

Schur: Ja, er hat mir das Knie unter den Lenker gehalten und ich landete im Straßengraben. Als ich in den 1990er Jahren als Trainer für Hobbyfahrer in Italien tätig war, hat mir mein Stellvertreter aus dem Westen angeboten, er könne mir sagen, wer das damals war. Aber ich habe abgewunken, das interessiert mich nicht mehr. So war damals die Zeit, ich trage das niemandem nach.

Haben Sie jemals etwas bereut im Radrennen?

Schur: Wir waren bei der Friedensfahrt, ich weiß nicht mehr das genaue Jahr, in einer Spitzengruppe, zwei Deutsche und zwei Russen. Immer wenn der Russe Pawel Wostriakow aus der Führungsarbeit rausging, habe ich noch mal beschleunigt und so versucht, ihn loszuwerden. Der hat was geflucht. Nach Jahren habe ich dann erfahren, dass er der einzige Kriegsüberlebende einer Familie aus Leningrad war. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich ihn nicht aus den Latschen gefahren. Das hätte ich nicht übers Herz gebracht.

Nach dem Ende der DDR sind Sie wie Millionen Ostdeutsche arbeitslos geworden. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Schur: Ich war tieftraurig. Ich hatte mich mit den gesellschaftlichen Zielen in der DDR identifiziert. Die Leute kamen und warfen mir vor, du warst doch da oben in der Volkskammer, habt ihr nicht mitbekommen, welche Fehler gemacht wurden. Aber ich hatte auch meinen Stolz. Die 100 D-Mark habe ich mir nicht abgeholt, da hätten sie sicher schon mit der Kamera da gestanden...

Sehen Sie sich als Sozialist als Verlierer der Geschichte?

Schur: Der Sieger werde ich nicht sein, aber auch nicht der Verlierer. Ich denke immer an die Menschen hier im Osten, wir haben eine Zeit erlebt, die kommt nicht wieder.

Gilt das auch für die Friedensfahrt?

Schur: Ja, das ist vorbei. Aber umso wichtiger ist es, die Erinnerung daran im Friedensfahrtmuseum in Kleinmühlingen zu erhalten. Dorthin habe ich alle meine Erinnerungsstücke gegeben. Nur die Auszeichnung Partisan de la Paix habe ich behalten.

Was halten Sie von der heutigen Generation der Radprofis, den Degenkolbs und Kittels?

Schur: Ich kenne sie nicht persönlich. Sie fahren hervorragend Rad. Meine Freunde waren die Sprinter nie, sich die ganze Zeit im Feld verstecken, um am Ende vorn zu sein. Aber sie müssen heute so fahren, um erfolgreich zu sein.

Wie halten Sie sich heute noch so fit?

Schur: Ich lebe gesund, achte auf die Ernährung. Einmal in der Woche fahre ich noch mit dem Rennrad, so 60 Kilometer. Wenn ich Rad fahre, bin ich gut drauf, weißt du. Zweimal wäre sicher besser, aber ich habe noch so viele Termine.

Täve ist also immer noch in aller Munde?

Schur: Mit der Zeit ist es ein bisschen weniger geworden, aber die Leute freuen sich, wenn sie mich erkennen. Dann werden Geschichten erzählt, den meisten läuft noch immer ein Schauer über den Rücken, wenn sie die berühmte Friedensfahrthymne hören. Neulich bei einem Forum hat mir einer berichtet, er hätte am Straßenrand gestanden und damals Täve, Täve gerufen. Ich hätte ihm im Vorbeirauschen unfein entgegnet: Halt die Schnauze! Da sei er enttäuscht gewesen. Das war ich dann wohl nicht, habe ich ihm geantwortet.

Wahrscheinlich, Täve war damals ein Synonym für den Radsportler. Was ist Ihr Lebensmotto?

Schur: Du musst ein anständiger Kerl bleiben.

Interview: Peter Stein

Von Peter Stein

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