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Zehn Olympia-Storys von Geher-Trainer Weigel

Leichtathletik, SC Potsdam Zehn Olympia-Storys von Geher-Trainer Weigel

Er hat schon vieles bei Olympischen Spielen erlebt oder auch nicht. Geher-Bundestrainer Ronald Weigel blickt auf seine erfolgreiche Karriere als Aktiver und Coach zurück und erzählt zehn Olympia-Geschichten.

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Ronald Weigel beim Zieleinlauf als Zweiter bei Olympia 1988 über 50 km Gehen.

Quelle: Foto: Imago

Werder/Havel. Ronald Weigel ist Bundestrainer der Geher im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV). Der Familienvater aus Werder/Havel, der aus Thüringen stammt und einst für den Armeesportklub Vorwärts Potsdam startete, feiert am Montag in Rio seinen 57. Geburtstag. Weigel wurde 1983 erster Weltmeister im 50 Kilometer Gehen, außerdem gewann er 1987 WM-Silber sowie drei olympische Medaillen. Der MAZ erzählt er seine zehn kleinen Olympia-Geschichten.
1980 in Moskau: „Ich hatte mich für die Olympischen Spiele sportlich qualifiziert. Doch ich bekam in Folge des intensiven Trainings Adduktorenprobleme. Während der Spiele lag ich in Bad Düben auf dem OP-Tisch. Als junger Athlet hatte ich damit schwer zu kämpfen.“
1984 in Los Angeles: „Wieder ein Negativerlebnis durch den Boykott der Spiele. Der Ostblock veranstaltete dann seine Ersatzspiele. Wir Geher starteten in der Berliner Wuhlheide. Ich ging Top-Zeiten und wurde danach von der DDR-Sportführung mit Gold und Silber eingestuft. Ich bekam meine Prämien, meine Beförderung zum Hauptmann und den Vaterländischen Verdienstorden in Gold. Den Mexikaner Raul Gonzalez, der in Los Angeles Silber über 20 und Gold über 50 Kilometer Gehen gewann, hatte ich zuvor in Naumburg geschlagen.“

Zweimal Silber in Seoul 1988

1988 in Seoul: „Endlich, mit 29 Jahren, erlebte ich meine ersten Olympischen Spiele. Zunächst ging ich über 20 Kilometer Gehen an den Start, die ich als Vorbereitung für die 50 Kilometer nutzen sollte, um mich mit den Bedingungen vertraut zu machen. Ich ging mit der Spitze mit und 1,5 Kilometer vor dem Ziel war ich plötzlich Erster, weil der vor mir liegende Mexikaner disqualifiziert wurde. Ich war von dieser Situation total überrascht. Dummerweise hatte ich am letzten Verpflegungstisch daneben gegriffen und die ganze Zeit nichts getrunken. Der Tscheche Jozef Pribilinec konnte mich überholen. Doch ich war happy mit Silber, ich war da einfach vom Kopf her nicht bereit, um Gold zu kämpfen. Dann eine Woche später die 50 Kilometer. Vor dem Wettkampf hatte ich eine schlaflose Nacht. Entsprechend schwer ging es los. Bei Kilometer 45 bekam ich zwei Disqualifikationsanträge. Da bin ich auf Sicherheit gegangen und habe den Russen Wjatscheslaw Iwanenko ziehen lassen. Ich hätte auf Risiko gehen sollen und hätte Gold gewinnen können. Das habe ich vergeigt.“

Noch einmal Bronze in Barcelona

1992 in Barcelona: „Weil ich und Hartwig Gauder zum 50 Kilometer Gehen erst sehr spät angereist sind, haben wir im Olympischen Dorf kein Zimmer mehr abbekommen. Ich habe auf der Massagebank im Flur geschlafen. Links und rechts habe ich einen Ventilator aufgestellt. Als ich bei Kilometer 17/18 schon zwei Disqualifikationsanträge hatte, kommentierte Dirk Thiele bei Europasport bereits, er hätte mir einen besseren Abschied gewünscht, als die vorzeitige Disqualifikation. Aber ich bin durchgekommen und als der vor mir liegende Pole Robert Korzeniowski kurz vor dem Ziel disqualifiziert wurde, hatte ich Bronze geholt.“

Der Alptraum von Sydney

1996 in Atlanta: „Wir sind erst drei Tage vorher aus dem Vorbereitungscamp in Mexiko angereist. Statt der erwarteten Hitze war es an dem Tag in Atlanta regnerisch und kühl.Ich habe mich vom Kopf her müde gefühlt, früh resigniert und bin etwa bei Kilometer 27 ausgestiegen.“
2000 in Sydney: „Seit 1997 war ich Nationaltrainer in Australien für die Geher. Meine Sportler holten die Plätze sechs, sieben und acht. Es hätte aber auch der ganz große Triumph werden können. Jane Saville wurde im 20 Kilometer Gehen als Führende 120 Meter vor dem Ziel disqualifiziert – für jeden Geher ein Alptraum.“

Wieder eine Disqualifikation

2004 in Athen: „Ich war wieder nach Deutschland zurückgekehrt und seit 2002 Bundestrainer. Andreas Erm vom SC Potsdam hatte 2003 in Paris WM-Bronze über 50 Kilometer Gehen gewonnen. Die Vorbereitung auf Olympia haben wir wie 2003 gestaltet. 14 Tage vor dem Wettkampf hat er noch mal über 20 Kilometer getestet und schaffte eine Superzeit. Aber bei Olympia wurde er – auf Medaillenkurs liegend – kurz nach Kilometer 30 disqualifiziert.“
2008 in Peking: „Ich war als Bundestrainer wieder dabei. Die deutschen Starter André Höhne, Sabine Zimmer und Melanie Seeger konnten sich aber nicht im Vorderfeld platzieren.“
2012 in London: „Mit dem damals erst 23-jährigen Christopher Linke hatte ich einen jungen Athleten über 50 Kilometer Gehen dabei. Er war zuvor Sechster beim Weltcup geworden, durch nachträgliche Doping-Disqualifikationen dann sogar Dritter. Vor Olympia bekam er aber Kniebeschwerden, konnte zwölf Wochen kaum trainieren, bis Kilometer 40 hielt er gut mit, am Ende reichte es zu Platz 24.“

Hoffnungen für Rio

2016 in Rio: „Mit Christopher Linke, Hagen Pohle und Nils Brembach habe ich drei Geher dabei, die bei mir in Potsdam trainieren, dazu kommt der Badener Carl Dohmann. Angesichts der dünnen Decke in Deutschland sind fünf Olympia-Startplätze und -Normerfüllungen eine gute Quote. Bei den Frauen hat das leider keine geschafft. Ich gebe keine Prognosen ab. Linke, Pohle und Brembach starten über 20 Kilometer, Pohle und Dohmann über 50 Kilometer. Alle haben gut trainiert, sich Jahr für Jahr weiterentwickelt und sind noch längst nicht auf ihrem Zenit. Sie sind in vier Jahren in Tokio ganz sicher noch besser. Brembach ist 23, Pohle 24 und Linke ist mit 27 Jahren zum zweiten Mal bei Olympia dabei. Zur Erinnerung: Ich war 29, als ich meine ersten Olympischen Spiele erlebte.“

Von Peter Stein

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