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18:10 18.05.2017
Die Tänzerin Hala Omran mit dem Choreografen Ali Chahrour im Stück „May He Rise And Smell The Fragrance“. Quelle: Sandra Morgenstern
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Schiffbauergasse

Das Licht beißt in den Augen, Scheinwerfer halten drauf aufs Publikum, man senkt den Blick. Und will doch wissen, was die Ruhe vor dem Sturm bedeutet. Wie tief ist diese Bühne? Nicht zu erkennen. Wovon wird hier erzählt? Kein Fingerzeig, keine Kulisse – unberührt wartet der Tanzboden aufs Stück, das eine Trilogie beschließt. Der Beiruter Choreograf Ali Chahrour ist 26 Jahre alt, er zeigt sein Werk „May He Rise And Smell The Fragrance“ bei den Potsdamer Tanztagen. An diesem Mittwoch hat die einstündige Arbeit in der „fabrik“ eine ausverkaufte Europapremiere gefeiert.

Das Licht blendet noch immer. Drei Männer stehen in der ersten Reihe auf, ein Tänzer, zwei Musiker, sie drehen sich zum Publikum, die Miene leer, sie wandert ruhig von rechts nach links, als wäre nichts geschehen – von „nichts geschehen“ aber kann man mittlerweile nicht mehr reden. Lärm füllt die Halle, es klingt nach Helikopter – wer „Apocalypse Now“ gesehen hat, den Kriegsfilm von Francis Ford Coppola, wird erinnert an die Kampfhubschrauber, deren Sound so drastisch dröhnt, dass man die Bilder kaum mehr wahrnimmt.

So ähnlich fühlt man sich jetzt auch in der „fabrik“. Scharfes Gegenlicht und dieser Lärm, der infernalisch klingt. Viele halten sich die Ohren zu. Und plötzlich: Ruhe.

Der Tanz bescheidet sich zuweilen mit Trippelschritten

Was folgt, ist eine Trauerprozedur, die arabische Variante des Begräbnisses. Für einen Europäer bleibt hier vieles hinter Nebel. Es lässt sich deuten, doch nicht letztgültig verstehen. Tanz zeigt sich eher beiläufig, im Vordergrund steht eher das Requiem mit Wehgesang, kreisenden Armen und einem Rudiment an Trippelschritten.

Eine Klagesängerin (Hala Omran) beweint den Tod des jungen Mannes, der bei Kämpfen umgekommen ist, dargestellt von Chahrour selbst. Der Libanon ist ein Land, das vom Bürgerkrieg geprägt ist, der Tod gehört zum Ton der Gegenwart, entsprechend dunkel fällt das Stück „May He Rise And Smell The Fragrance“ aus. Scheinbar unvereinbare Themen rücken in den Fokus: Männlichkeit und Trauer. „Ein Junge beißt sich auf die Zunge, auch wenn das Herz zerreißt“, das lernte der Choreograf Chahrour als Kind, als sein Vater starb, denn Männer weinen nicht. Chahrour macht aus der Trauer nun eine Männersache.

Nur langsam entpuppt sich aus der Klage eine Bewegung, die monoton bleibt – als suche sich der Schmerz hier einen Ausweg, ohne großen Aufwand, einfach ein Kreisen und Wiegen der Arme und Beine, das dem Wimmern die Last nimmt. Zuckend bewegt sich Ali Chahrour zum Gesang der barbusigen Klagesängerin, begleitet von den beiden Musikern Ali Hout und Abed Kobeissy, die ihre Bouzouki gegen die Tradition zuweilen mit dem Bogen spielen.

Niemand scharrt mit den Füßen, hier herrscht Konzentration

Auch dieser schwere, konzentrierte, ohne wendige Pointen inszenierte Abend wird in Potsdam vor vollem Haus in der „fabrik“ gespielt. Das Publikum weiß diese Kost zu würdigen, niemand scharrt hier mit den Füßen, wenn der Tanz sich hinter einem Schicksal tarnt, das nicht zum Hüpfen, Schwelgen oder Lachen einlädt.

Die Zuschauer ahnen, dass der Tanz manchmal das letzte Mittel ist, um mit Mythen aufzuräumen und zu spüren, wo die eigene Mitte liegt. Man sollte dann nicht unbedingt den „Schwanensee“ erwarten, der die Anmut und die engen, weichen Schuhe einer Ballerina auf die Spitze treibt. In Beirut, der Heimat von Ali Chahrour, haben sie andere Sorgen, als die Tänzerin ins weiße Röckchen zu hüllen sie mit Tüll zu dekorieren.

Chahrour ist ein Ausnahmekünstler, mit 26 Jahren gehört er zur jüngsten Generation libanesischer Choreografen, und dennoch behandeln seine Tanzstücke uralte, grundlegend menschliche Themen wie Verlust, Tod, Liebe und Glaube. Er durchleuchtet Religion und Tradition der arabischen Welt und verbindet sie mit suggestiver Live-Musik. Im vergangenen Jahr präsentierte er in Potsdam mit „Leilas Abschied“ den zweiten Teil seiner Trilogie der Trauerrituale. Nun hat er seinen Zyklus vollendet. Es bleibt Schwermut, die seine Stücke poliert – sie vertragen jedes Level, den Krach zu Anfang, die Stille am Ende.

www. potsdamer-tanztage.de

Von Lars Grote

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