Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -2 ° Nebel

Navigation:
Ein Leben für Eisen und Stahl

Geschichte des EKO Ein Leben für Eisen und Stahl

Drei Jahrzehnte bestimmte Karl Döring die ostdeutsche Metallurgie mit. Der 78-Jährige wohnt noch immer in der Werksiedlung des ehemaligen Eisenhüttenkombinates Ost (EKO) – der heutigen Arcelor-Mittal Eisenhüttenstadt GmbH. Der gebürtige Sachse hat jetzt seine Biografie veröffentlicht.

Eisenhüttenstadt 52.1436615 14.6419022
Google Map of 52.1436615,14.6419022
Eisenhüttenstadt Mehr Infos
Nächster Artikel
Prozess gegen früheren Rüstungsmanager

Karl Döring vor der Kulisse von Eisenhüttenstadt.

Quelle: Harald Lachmann

Eisenhüttenstadt. Zarte 18 Jahre jung war Karl Döring, als er 1955 erstmals im Zug nach Moskau fuhr. Obgleich einer erzgebirgischen Leineweberdynastie entstammend – Vater Alfred Döring war nach dem Krieg erster Direktor der Leipziger Baumwollweberei – hatte ihm ein Lehrer zur Metallurgie geraten. Ein Tipp, den der 78-Jährige nie bereute. Denn der Weg an die renommierte Moskauer Hochschule für Stahl und Legierungen bestimmt sein Leben bis heute. Und dies bis tief ins Private hinein: Gattin Swetlana, mit der er 2014 goldene Hochzeit feierte, lernte er in der russischen Metropole kennen.

Nur wenige deutsche Metallurgiemanager können auf eine ähnlich schillernde Karriere verweisen. Stets in leitender Verantwortung war der Sachse an den großen Gießereistandorten der DDR tätig: Brandenburg, Riesa, Hennigsdorf und vor allem Eisenhüttenstadt, wo er bis heute in der Werksiedlung lebt. Selbst als Vizeminister für Metallurgie koordinierte er ab 1979 sechs Jahre lang die Investitionen und Innovationen der Branche. Nebenher promovierte er zweimal.

Die letzten fünf Jahre vor dem „Anschluss der DDR an die Bundesrepublik“, wie er es etwas distanziert sagt, war Döring Generaldirektor des Eisenhüttenkombinates Ost (EKO). Und das führte er 52-jährig dann in die Marktwirtschaft. Dass dies weitgehend bruchfrei geschah, verwunderte ihn nicht. Das damalige Konverterstahlwerk von EKO sei „das modernste in Europa gewesen“. Man fertigte im Jahr 2,2 Millionen Tonnen Stahl – vergleichbar mit der Salzgitter AG. „Doch unser Stahl war besser“, versichert er. Selbst wenn die Produktion nicht heutigen Rentabilitätskriterien genügt hätte.

Doch dass die DDR-Wirtschaft durch und durch marode gewesen sei, hält Döring für eine „Deutung der Geschichtssieger“. Zudem wehrt er sich gegen Vorurteile, Generaldirektor sei man nur aufgrund des Parteibuches geworden. „Die Wirtschaftskapitäne waren hoch qualifizierte Fachleute“, beteuert er. „Und für alles war ich allein verantwortlich“, fügt er hinzu – bei 3800 DDR-Mark Gehalt im Monat. Man habe sich dann nicht, wenn etwas danebenging, „gegenseitig die Schuld zuschieben können wie heute die Thyssen-Vorstände …“

Karl Döring im Gespräch mit dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU)

Karl Döring im Gespräch mit dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU).

Quelle: LVZ Archiv

Dass die DDR ab 1950 überhaupt einen völlig neuen Stahlstandort – samt Wohnstadt – aus dem Boden stampfte, führt Döring auf den kalten Krieg zurück: Die Bundesrepublik hatte damals entgegen gültiger Interzonenvereinbarungen ein Stahlembargo gegen sie verhängt. Das traf den Osten hart. Denn während „gut ein Drittel der deutschen metallverarbeitenden Industrie – Fahrzeugbau, Maschinenbau, Textilmaschinenbau – in der Sowjetzone lag, befanden sich hier nur sieben der 97 Hochöfen“.

Vier Jahrzehnte später wurde dann aus dem Kombinatsdirektor mit SED-Parteibuch über Nacht der Vorstandsvorsitzende der neuen EKO Stahl AG. Bis 1995 stand der Sachse damit weiter auf der Steuerbrücke, sicherte Aufträge und Arbeitsplätze, passte Strukturen und Technologien an, verwaltete Millionen. Schließlich brachte er für die Treuhand den Verkauf des Konzerns an den belgischen Stahlgiganten Cockerill-Sambre in trockene Tücher. Darauf ist Döring bis heute stolz. Denn aus Deutschland West, so glaubte er zu spüren, sei wenig zu erwarten: Die dortigen Konzerne wollten „den neuen Markt, aber nicht neue Produktionskapazitäten“. So sollte EKO, das zwei Millionen Tonnen Stahl im Jahr produzierte, sterben: „Es war ein Stahlwerk zu viel in Deutschland.“

Die Alternative, als EKO selbstständig zu bleiben, verbot indes das Treuhandgesetz. Zwar gab es für meist kleinere Unternehmen die Chance eines Management-Buy-outs. Doch jenes „Rauskaufen aus der Treuhand“ hätte in dieser Dimension nicht funktioniert, ist Döring sicher. „Welche Bank kreditierte 1991 eine Handvoll frühere SED-Kader?“

Dabei läutete später mancher Branchenkonzern bei ihm in Eisenhüttenstadt. Krupp offerierte Döring gar, Chef eines neuen Elektrostahlwerks in Shanghai zu werden. Er flog sogar nach China, schlug das Angebot dann aber aus – aus Loyalität gegenüber den Belgiern, die ihn zum Geschäftsführer Technik machten. Er saß nun im Vorstand von Europas größtem Stahlkonzern.

Mithin ist es ganz maßgeblich Dörings Wirken zu danken, das EKO als eines von nur wenigen der 137 zentralgeleiteten DDR-Kombinate eine solche Entwicklung nahm. Heute gehört der Standort als ArcelorMittal Eisenhüttenstadt GmbH zum gleichnamigen belgisch-indischen Stahlimperium, dem größten der Welt. Er mischt noch immer im Stahlgeschäft mit. Mit seiner Beratungsfirma „Projekt Consulting“ intensivierte er ab 2010 wieder den Kontakt gen Osten. Döring ist Ehren-Professor an seiner alten Moskauer Hochschule. Bis heute sitzt er im Board of Directors des russischen Stahlkonzerns Novolipetsk Steel – eine weltweite Gruppe mit 70 000 Beschäftigten.

Danach befragt, ob er in der Marktwirtschaft angekommen sei, wirkt Döring zögerlich: „Ja und Nein!“ Ja, was den Kopf betreffe, nein in Bezug auf das Herz. Ihn stört etwa, dass sich „die Realwirtschaft nicht mehr für das Gemeinwesen verantwortlich fühlt, sondern nur für den Profit der Shareholder“. So glaubt er denn, dass der „aktuelle Kapitalismus, so wild er sich auch gebärdet, immer öfter an seine Grenzen“ stoße.

Der reale Sozialismus der DDR scheiterte für Döring an seiner Reformunfähigkeit: „Fehlende Demokratie, Willkür im Recht, Gesinnungsjustiz, das Meinungsmonopol der SED.“ Man habe „leider unterschätzt, dass der einzelne Mensch Freiheit braucht“, sinniert er. In diesem Spannungsfeld aus „sozialistischen Idealen und völlig neuen Herausforderungen“ habe er bei der Privatisierung des EKO agiert, erinnert sich Döring. Immerhin musste er jeden Vierten entlassen. Doch da sie rund 2500 Leute in 50 neu gebildete Betriebe ausgliederten, sei manches abgefedert worden. „Und zugleich bekam Eisenhüttenstadt damit einen Mittelstand“, freut er sich.

Ende September erschien Karl Dörings Biografie: „EKO: Stahl für die DDR – Stahl für die Welt. Kombinatsdirektor und Stahlmanager“, Edition Berolina, 368 Seiten, 9,90 Euro

Von Harald Lachmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Wirtschaft
DAX
Chart
DAX 10.529,50 +0,15%
TecDAX 1.687,00 +0,03%
EUR/USD 1,0673 ±0,00%

Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation

Aktien Tops & Flops

DT. TELEKOM 14,69 +0,71%
BAYER 87,21 +0,71%
HEID. CEMENT 83,50 +0,67%
DT. BANK 14,73 -1,98%
VOLKSWAGEN VZ 118,37 -0,71%
LUFTHANSA 12,14 -0,50%

Wertpapiersuche

Fonds Top Performer 3 Jahre

Fondsname FA Perf. 3J.
Bakersteel Global AF 166,72%
Structured Solutio AF 154,79%
Stabilitas PACIFIC AF 142,96%
AXA IM Fixed Incom RF 139,36%
Polar Capital Fund AF 103,07%

mehr

Wechselkurse interaktiv

Weltkarte

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?