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Das Milliardengeschäft mit den Billigkippen

Schmuggel Das Milliardengeschäft mit den Billigkippen

Sie sind skrupellos, gefährlich – und sehr raffiniert: Schmuggler überschwemmen den deutschen Markt mit Billigzigaretten – und prellen den Fiskus um gewaltige Summen. Die MAZ den Weg der Billigkippen verfolgt.

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Quelle: dpa

Bielefeld. Es ist einer der heißesten Tage des Jahres. 40 Grad sind in dem Bus, der seine 25 Fahrgäste gerade von einer Reise aus dem russischen Kaliningrad zurückbringt. Sie haben es fast nach Hause geschafft, als sie auf der A 2, kurz vor der Raststätte Lipperland bei Bielefeld, plötzlich eine Durchsage hören. Der Bus habe einen Motorschaden, alle Fahrgäste müssten an der Raststätte aussteigen, erklärt der Fahrer der verdutzten Reisegruppe. „Wir müssen in die Werkstatt“, lautet die lapidare Erklärung.

Keine fünf Minuten später ist der Bus samt der Koffer am Horizont verschwunden. Die Passagiere – darunter Frauen und Kinder – stehen ratlos in der Hitze. Wenig später stellt sich heraus, dass die Busfahrer keineswegs in die Werkstatt gefahren sind. Die nichts ahnenden Fahrgäste waren nur die Tarnung für eine millionenschwere Schmuggelei. Die eigentliche Ladung waren Tausende Stangen Zigaretten aus Russland, die im Laderaum unter den Sitzen versteckt waren. Doch die Fahrer mussten schneller als geplant die Schmugglerware entladen und haben ihre Fahrgäste kurzerhand vor die Tür gesetzt. Der Zoll kann die Täter später fassen.

Die Packungen tragen Namen wie „Minsk“, „Fest“, „NZ“,

Der Coup im Sommer dieses Jahres war einer der jüngsten großen Erfolge gegen den illegalen Handel mit Zigaretten, den die Ermittler zuletzt feiern konnten. Austrocknen konnten sie ihn jedoch nicht, im Gegenteil. Längst ist der Schmuggel von Billigware aus Russland, Weißrussland, Dubai oder China zu einer gigantischen Industrie angewachsen. Die Packungen tragen Namen wie „Minsk“, „Fest“, „NZ“, „Richmond“ oder „Gold Mount“ – doch mit diesen „Illicit Whites“ lassen sich Milliarden verdienen. Billigzigaretten überschwemmen Deutschland geradezu. Sie kommen in Reisebussen, auf Kohlezügen oder sogar in präparierten Möbellieferungen nach Deutschland. Dahinter stehen Gruppierungen, die die Ermittler der organisierten Kriminalität zurechnen. Sie gehen planvoll vor, und sie sind gefährlich. Der Zoll rüstet auf, Industrie und europäische Politik warnen bereits eindringlich vor der wirtschaftlichen Gefahr – und den mafiösen Strukturen.

Das sind „Illicit Whites“

„Illicit Whites“, auch „Cheap Whites“ genannt, sind Zigaretten, die in Ländern wie Weißrussland, Russland, Dubai und Bulgarien billig produziert werden und anschließend mit großer Gewinnmarge nach Westeuropa geschmuggelt werden. Sie werden im Ursprungsland zwar legal hergestellt, gelangen dann aber über Banden der organisierten Kriminalität in Länder wie Deutschland, Frankreich und England, wo Zigaretten sehr teuer sind und aus diesem Grund ein lukrativer Markt besteht. Mit einem 40-Fuß-Container dieser illegalen Zigaretten, die in Westeuropa keine Markenzulassung haben, lässt sich bei einem Einkaufspreis von 100 000 Euro leicht eine Million Euro verdienen.

Rund 28 Prozent der Zigaretten kommen aus Weißrussland. Allein aus der Fabrik Grodno Tobacco Factory Neman sollen im vergangenen Jahr den Wirtschaftsprüfern der Beratungsfirma KPMG zufolge 550 Lastwagenladungen mit „Illicit Whites“ in die Europäische Union geschmuggelt worden sein. Viele Experten gehen davon aus, dass die weißrussische Regierung, die Alleineigentümer der Fabrik ist, es mit den Kontrollen bewusst nicht so genau nimmt.

Die Qualitäten der „Illicit Whites“ werden kaum kontrolliert. In der weißrussischen Fabrik Grodno sollen aber Zigaretten hergestellt werden, die billiger deutscher Supermarktware entsprechen – und auch unter einigermaßen hygienischen Bedingungen produziert werden.

Gerald Rübsam sitzt am Schreibtisch seines Büros in der Bielefelder Staatsanwaltschaft, aus dem Fenster blickt man auf die Ausläufer des Teutoburger Walds. Rübsam ermittelt gegen die Bande, die den Reisebus zum Schmuggeln benutzte. Es ist eine dicke Akte, die vor ihm auf dem Tisch liegt, Rübsam wirkt immer noch fassungslos, als er darin blättert. „So etwas habe ich noch nie gesehen. Hochprofessionell. Da hat man unter den nichts ahnenden Passagieren eines Reisebusses Zigaretten geschmuggelt. In einem mit Blei ausgekleideten Kofferraum, zum Schutz vor Röntgen durch den Zoll“, sagt der Mann, der den Fall Ende Oktober vor Gericht bringt.

1000 Stangen Markenzigaretten sowie „Illicit Whites“ haben Zoll und Staatsanwaltschaft damals in dem Bus entdeckt. Wie lange der Schmuggelbus schon zwischen Kaliningrad und Deutschland unterwegs war, weiß niemand. Die aufwendige Ausrüstung des Busses allerdings spricht dafür, dass professionelle Schmuggler dahinterstehen. Der Zoll bestätigt grundsätzlich einen „schwunghaften Handel“. Doch die Ermittlungen sind schwierig. Der Busunternehmer aus Baden-Württemberg will von nichts gewusst haben. Der Trick ist allerdings bereits bekannt. Offenbar hat die organisierte Kriminalität einige Busunternehmen unterwandert. Auch der Münchner Zoll ließ kürzlich eine Bande auffliegen, die das Dach eines Busses als Versteck nutzte, um zwischen Kroatien und Deutschland großflächig Zigarettenschmuggel zu betreiben.

Auf raffinierte Weise und gut getarnt werden die Zigaretten geschmuggelt

Auf raffinierte Weise und gut getarnt werden die Zigaretten geschmuggelt.

Quelle: dpa

Auf einem Supermarktparkplatz bei Bremen erklärt ein verdeckter Ermittler die illegalen Praktiken: „Der Busunternehmer kann auf diese Weise bis zu eine Million Euro im Jahr machen. Busfahrer sind ja heute selbstständige Subunternehmer. Die wechseln so oft die Fahrzeuge, da würde den Fahrern ein aufwendiger Umbau überhaupt nicht auffallen. Auch auf Lkws werden Zigaretten geschmuggelt, sogar ganze Speditionen durch die organisierte Kriminalität infiltriert. Auch auf Binnenschiffen blühen die illegalen Geschäfte. Niemand kontrolliert das.“

Zoll-Mitarbeiter werden bestochen, Geldkoffer mit 10.000 Euro kursieren

Die Banden gingen äußerst professionell vor, erklärt der Ermittler. „Vor allem auf der Strecke Kaliningrad nach Warschau. Dort wird mit Geldkoffern an der Grenze bestochen und den Zöllnern werden auch mal 10.000 Euro bezahlt. Für die ist das natürlich viel Geld, und sie winken die Ware durch.“ Ungefährlich, erklärt der Ermittler noch, seien die Schmuggler übrigens nicht: „Die schießen im Zweifel auch nicht ins Bein.“

Zigarettenschmuggel ist offenbar ein sehr lukratives Geschäft, vor allem mit den „Illicit Whites“. Die Gewinnmarge zwischen Werksverkauf und Straßenhandel in Berlin liegt angeblich bei 1250 Prozent. „Das meiste kommt aus einer Fabrik im weißrussischen Grodno. Dort sind irgendwelche Löcher in der Lieferkette, die die Regierung nicht sehen will. Wir reden über riesige Mengen. Die Ware wird dann in Deutschland über eine Zwischenhändlerkette weiter verteilt.“ Am Ende landen die Zigaretten bei Straßenhändlern in deutschen Großstädten, vor Supermärkten, an Bahnhaltestellen oder auf dubiosen Märkten. Die Nachfrage ist enorm: Jede fünfte Zigarette, die in Deutschland geraucht wird, wurde nicht versteuert – in Ostdeutschland soll es sogar mehr als jede dritte sein.

In Bussen  wie diesem werden die Zigaretten geschmuggelt, oft in den Stauräumen

In Bussen wie diesem werden die Zigaretten geschmuggelt, oft in den Stauräumen.

Quelle: Kesdorff

Laut einer Studie der Wirtschaftsberatung KPMG hat sich die Anzahl der geschmuggelten „Illicit White“-Zigaretten in die EU von 7,8 Milliarden im Jahr 2009 auf 18,8 Milliarden im Jahr 2015 mehr als verdoppelt. Der Gesamt-Steuerschaden durch den Schmuggel in der EU im vergangenen Jahr ist enorm: 11,3 Milliarden Euro sind den europäischen Steuerbehörden Schätzungen zufolge entgangen.

Bei der Generalzolldirektion in Bonn kommen die ganz großen Fälle auf den Tisch. Gerade hat man eine Gruppe von Polen und Deutsch-Polen festgenommen, die im großen Stil „Illicit Whites“ der Marken „Minsk“ und „NZ“ von Weißrussland über die EU-Außengrenze nach Deutschland geschmuggelt hat: in Isolationsrohren und Beistelltischen eines bekannten Möbelherstellers. Auch unter Kohle in Güterzügen kam die Fracht über die Grenzen. Allein in Deutschland entstanden durch den Fall 1,5 Millionen Euro Schaden. „Mit solch raffinierten und aufwendigen Verstecken haben wir es immer öfter tun“, sagt der Sprecher der Generalzolldirektion, Stefan Kirsch. Um gegen den Zigarettenschmuggel erfolgreich zu sein, sei vor allem die internationale Zusammenarbeit in sogenannten Joint Investigation Teams wichtig. „Aber es wird ein Katz-und-Maus-Spiel bleiben. Lassen wir eine Schmuggelmethode auffliegen, lassen sich die Täter etwas Neues einfallen.“, ergänzt Zoll-Sprecher Christian Schüttenkopf.

Schwierige Prozesse, niedrige Strafen

Es war einer der spektakulärsten Fälle im deutschen Zigarettenschmuggel überhaupt: Am 14. Oktober 2014 sprengten Beamte der GSG 9 in Ostwestfalen die Haustür der Villa eines Spediteurs. Er war Kopf einer Bande, die einen Steuerschaden von mindestens 14 Millionen Euro verursachte. Der Spediteur hatte im belgischen Eupen eine illegale Zigarettenproduktion aufgebaut und hielt dort Arbeiter aus Moldawien wie Sklaven, ohne Frischluft. Im Juni 2015 wurde der Haupttäter dann vom Landgericht Paderborn zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Experten befürchten jedoch , dass er schon 2020 wieder auf freiem Fuß sein kann. In Prozessen gegen die Zigarettenmafia engagieren die Angeklagten oft teure, geschulte Anwälte, die die Gerichte bewusst blockieren und Prozesse in die Länge ziehen. Häufig steigen verurteilte Täter nach dem Absitzen ihrer Strafe wieder in den Zigarettenschmuggel ein.

Im schicken Brüsseler „Renaissance Hotel“ sitzen Vertreter des EU-Parlaments, von Europol und Industrie bei einer Tagung zusammen, um über die Überschwemmung Europas mit Billigzigaretten aus Weißrussland und Russland zu beraten. Man ist sich einig, dass Industrie, Verfolgungsbehörden und Politik nur gemeinsam das Problem bewältigen können. „Wir wissen, dass Zigarettenschmuggel als Geldquelle die organisierte Kriminalität und auch Terrorismus befeuert. Die Gewinnmargen sind einfach zu groß und das Risiko, entdeckt zu werden, sehr gering. Außerdem ist das Strafmaß viel zu niedrig“, sagt Alvise Giustiniani, bei Philip Morris International verantwortlich für Schmuggelbekämpfung. Wichtig sei es, jeden einzelnen Baustein einer Zigarette über ein Track-and-Trace-System nachverfolgen zu können. „Wir machen das bereits, es muss zum Standard für alle werden“, sagt er. Entscheidend sei zudem, dass die WHO erkenne, dass die neue Entwicklung die nationale Sicherheit gefährde.

Europol-Manager Carlo van Heuckelom sieht vor allem Chancen in der länderübergreifenden Zusammenarbeit der Verfolgungsbehörden in Europa. „Es handelt sich immerhin um Täter, die mit ihren Aktivitäten auch den Menschen- und Waffenhandel beleben. Aber was die internationale Kooperation angeht, da ist noch Luft nach oben, da scheitert es manchmal schon an der Technik.“

In Sachen Technik waren auch die Busschmuggler von Bielefeld ihren Jägern weit voraus. Ein mit Blei ausgekleideter Kofferraum, das war auch den Ermittlern neu. Und es spricht viel dafür, dass die Schmuggler damit ihr Geschäft schon seit vielen Monaten ungestört betrieben.

Von Jens-Christian Kesdorff

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