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„Das wird ein absoluter Kraftakt“

Arbeitsmarkt und Flüchtlinge „Das wird ein absoluter Kraftakt“

Die Wirtschaft in der Region Berlin-Brandenburg dämpft die Erwartungen an eine schnelle Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. „Dieser Prozess braucht Geduld, Realismus und kostet vor allem Geld“, sagte der Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB).

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Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB)

Quelle: dpa

Berlin. Die Wirtschaft in Berlin und Brandenburg hat ihre Unterstützung für die Integration von Flüchtlingen in den regionalen Arbeitsmarkt angekündigt, warnt aber zugleich vor zu hohen Erwartungen und Illusionen. „Dieser Prozess braucht Geduld, Realismus und kostet vor allem Geld“, sagte am Montag der Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB), Christian Amsinck in Berlin. Er verlangte von der Politik Rückendeckung: Die Asylverfahren müssten gestrafft sowie Sprachförderung, Integrationskurse und Kompetenzfeststellung von Flüchtlingen noch während des Aufnahmeprozesses erfolgen.

Ein Großteil der Migranten im erwerbsfähigen Alter dürfte zumindest nicht schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden. Nach Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit sind zwei Drittel der Flüchtlinge mit Bleibeperspektive im erwerbsfähigen Alter. Auf Berlin gerechnet, heißt das: 80 000 Menschen kamen 2015 nach Berlin, rund 40 000 gelten mit hoher Bleibeperspektive. Davon sind knapp 30 000 im erwerbsfähigen Alter. „Wir trauen uns zu, rund 10 000 in den nächsten Jahren in eine Arbeit oder Ausbildung zu bringen“, rechnet Amsinck vor. Das heiße aber auch, dass rund 20 000 erwerbsfähige Flüchtlinge nicht kurzfristig integriert würden. „Das wird ein absoluter Kraftakt“, hob Amsinck hervor. „Und in den nächsten Monaten nicht einfacher.“ In Brandenburg sei das ähnlich. Dort wollen nach jüngsten Zahlen des Innenministeriums von rund 47 000 Neuankömmlingen etwa 28 000 im Land blieben.

Er kündigte an, dass die Unternehmen der Region sich stärker um eine Einstiegsqualifizierung von jungen Flüchtlingen in Praktika einsetzen werden. Ziel sei es, zum Ausbildungsbeginn im Herbst die ersten Flüchtlinge in eine Ausbildung zu bekommen.

Dafür müsse die Politik aber die Bedingungen schaffen. Kritik übte der Verbandschef an der Bundesregelung, dass bereits nach drei Monaten ein Anspruch auf Mindestlohn für Praktikanten bestehe. „Das ist zumindest schwierig.“ Es müsste mehr Ausnahmen geben, sagte Amsinck, der diese Forderung ausdrücklich nicht nur auf Flüchtlinge beziehen will, wie er betonte. Gegen eine Aufweichung des Mindestlohns hatte sich unter anderem Arbeitsagentur-Chef Frank-Jürgen Weise ausgesprochen. Flüchtlinge sollten wie andere Beschäftigte auch von Anfang an den gesetzlich vereinbarten Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde erhalten, sagte er.

Auch das Zeitarbeitsverbot für Flüchtlinge in den ersten 15 Monaten passt den Unternehmensverbänden nicht. „Das ist nicht hilfreich und viel zu spät“, sagte Amsinck. Zeitarbeit sei die entscheidende Brücke beim Übergang in das Arbeitsleben – „mit hohen Übernahmequoten“. Die Bundesregierung hatte im Oktober das Zeitarbeitsverbot für Asylbewerber gelockert. Zuvor war ihnen diese Möglichkeit für vier Jahre verwehrt geblieben.

Hilfsjob statt Ausbildung

Viele Flüchtlinge nehmen nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) lieber einen Hilfsjob an, als eine Ausbildung zu beginnen. „Wir stellen fest, dass viele Flüchtlinge möglichst schnell Geld verdienen wollen“, sagte BA-Vorstandsmitglied Raimund Becker der „Süddeutschen Zeitung“ vom Montag. „Sie wollen und müssen damit häufig ihre Angehörigen in der Heimat finanziell unterstützen, manchmal auch noch horrende Schulden an Schlepperbanden zurückzahlen.“

Den Flüchtlingen sei der hohe Stellenwert von beruflicher Ausbildung in Deutschland oft „nicht bewusst“, sagte Becker. Dies werde „noch nicht richtig eingeschätzt“. Er setzt auf eine intensive Beratung, um Flüchtlinge von einer Lehre zu überzeugen. Helfen solle dabei die berufsbegleitende Qualifizierung.

Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung verdienen Menschen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung über ihr Erwerbsleben hinweg knapp 250.000 Euro mehr als Ungelernte, wie die Zeitung weiter berichtete.

Das Problem ist auch bei den Handwerks- sowie den Industrie- und Handelskammern bekannt. „Gut ausgebildete Fachkräfte werden selten arbeitslos und haben deutlich bessere Verdienstaussichten“, sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Eric Schweitzer, der Zeitung. Deshalb sei es wichtig, Flüchtlinge ohne Berufs- und Studienabschluss frühzeitig über die Chancen einer beruflichen Ausbildung zu informieren.

Wenig hilfreich findet Hauptgeschäftsführer Amsinck den Streit zwischen Brandenburg und Berlin um die Aufnahme von Flüchtlingen. Der brandenburgische Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) hatte es abgelehnt, den Berlinern bei der Aufnahme zu helfen. „Es kann nicht sein, dass Susi Sorglos auf dem Tempelhofer Feld Drachen steigen lässt – und wir sollen für die Berliner die Quote übernehmen“, sagte Schröter in einem Interview. Berlins CDU-Generalsekretär Kai Wegner war über diese Frotzelei nicht amüsiert. Schröters Haltung sei „unkooperativ, unverständlich und unverantwortlich“. In Rede steht die Unterbringung von Berliner Flüchtlingen in den Messehallen im brandenburgischen Selchow (Dahme-Spreewald) nach der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) im Mai. UVB-Chef Amsinck sprach von „Verhakelungen“ beider Länder in der Flüchtlingsfrage. So etwas, glaubt er, wäre vergleichsweise zwischen der Landeshauptstadt München und dem Kreis Oberbayern kein Thema. Amsinck: „Ich wünsche mir schon ein Mehr an Zusammenarbeit zwischen Berlin und Brandenburg.“

Von Igor Göldner

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