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Wirtschaft Brandenburger fürchten Diesel-Fahrverbote in Berlin
Nachrichten Wirtschaft Brandenburger fürchten Diesel-Fahrverbote in Berlin
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13:38 02.03.2018
Auf Berlins Hauptverkehrsachsen, wie hier auf der A 100, herrscht unverändert dicke Luft. Quelle: dpa
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Berlin

An der Kreuzung von Potsdamer und Kurfürstenstraße schlendert eine Prostituierte in Fellmütze und Leopardenleggins an den parkenden Autos entlang. Ein Transvestit in enger Motorradkleidung und hohen Schuhen stöckelt in Richtung Woolworth und Sexshop, den Leitbauten des Karrees.

Die Potsdamer ist eine der schmutzigsten Straßen Berlins – vor allem jedoch in Sachen Luftschadstoffe. Busse und Lastwagen donnern durch die eng bebaute Schneise, jeder dritte Wagen ist ein Transporter, an den Ampeln mit ihren kurzen Grünphasen herrscht Stop-and-Go-Verkehr.

Potsdamer Straße regelmäßig über Grenzwert für Luftverschmutzung

Ab und zu prügelt ein Angeber seinen getunten AMG-Mercedes auf Tempo 80 und kurvt um die Lieferfahrzeuge herum, die in zweiter Reihe auf Busspur und Fahrradstreifen stehen. Regelmäßig wird der Grenzwert von 40 Mikrogramm Stickoxid überschritten.

Potsdamer Straße Quelle: Ulrich Wangemann

Sollte es tatsächlich demnächst Fahrverbote geben in Berlin, dann wäre die Potsdamer Straße zusammen mit der Leipziger Straße die wahrscheinlichste Anwärterin. Nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes wäre das künftig möglich.

Bei diesen beiden Verbindungen gehe sie davon aus, „dass wir doch Schwierigkeiten haben werden, ohne Fahrverbote durchzukommen“, sagte Verkehrssenatorin Regine Günther nach dem wegweisenden Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom Dienstag. Ab 2019 könnte der Senat zu diesem Schritt gezwungen sein, so die Senatorin.

„Es ist unfassbar, ich könnte explodieren“

Das Thema droht die Kluft zwischen Eliten und hart arbeitenden Normalbürgern weiter zu vertiefen. Denn es geht um Gerechtigkeit. Seit 40 Jahren hat Jörg Staroske eine Fleischerei an der Potsdamer Straße. Spezialität Spanferkel. Seine Vorfahren haben schon das Stadtschloss mit Wurst und Kotelett beliefert.

Metzger Jörg Staroske beliefert seine Fleischerei in der Potsdamer Straße mit einem Diesel-Fahrzeug. Quelle: Ulrich Wangemann

Mehrmals am Tag fährt der Metzger mit seinem Fiat-Transporter durch die Stadt. Der Diesel, anderthalb Jahre alt, erfüllt nur die Euro-5-Norm. Im Fall eines Fahrverbots dürfte Staroske sein Geschäft nicht mehr ansteuern. „Das Allerschlimmste ist, dass die Autoindustrie für null rauskommt. Es ist unfassbar, ich könnte explodieren“, sagt der Fleischermeister.

Jeden Tag habe er als Metzger mit den scharfen Regulierungen der Lebensmittelbranche zu tun. „Die Autoindustrie aber lacht sich tot“, schäumt Staroske. Dann sagte er noch: „Wir wollen eine Weltstadt sein und wachsen. Vergessen wir nicht: Die Wirtschaft ist der Motor!“ Innenstadt sei eben Innenstadt.

Abgasproblem auch in der Zeppelinstraße in Potsdam

Die Potsdamer Straße ist ein Teilstück der B 1. Das ist jene Bundesstraße, deren Verkehrsaufkommen samt Abgasproblem schon in Potsdam für drastische Eingriffe in den Straßenverkehr (Tempo 30 und Verengung auf eine Spur) gesorgt hat – dort heißt sie Zeppelinstraße.

Es gab einen mittleren Volksaufstand. Über die heutige B 1 reisten früher die Hohenzollernherrscher von ihrer Potsdamer Residenz zu ihrem Stadtschloss nach Berlin.

Die Potsdamer Zeppelinstraße wurde wegen des Abgasproblems eingeengt und auf Tempo 30 reduziert. Quelle: Bernd Gartenschläger

Die Verbindung zum Umland ist noch allgegenwärtig im Schöneberger Teilstück. Vor dem Varietee-Theater „Wintergarten“ parkt ein halbes Dutzend Lastwagen. In dem Komplex wird saniert. Viele der Transporter tragen Brandenburger Kennzeichen – eher Regel als Ausnahme auf den Baustellen Berlins.

In einer Nebenstraße hat Installateurmeister Peter Drewitz den Firmentransporter in zweiter Reihe abgestellt. Reguläre Parkplätze gibt es praktisch nicht tagsüber. Drewitz und sein Kollege haben sich Döner-Sandwiches geholt, genießen die kurze Mittagspause hinterm Steuer und zupfen das geschabte Fleisch aus der Aluminiumfolie. Ernie-und- Bert-Stoffpüppchen baumeln am Rückspiegel.

Mittagspause im Transporter: Installateur Peter Drewitz aus Schildow lässt den Motor laufen, damit es warm ist. Quelle: Ulrich Wangemann

Bei Nachttemperaturen von unter 10 Grad minus gibt manche Heizung ihren Geist auf oder Rohre platzen. Viel Arbeit für die Handwerker aus Schildow im Landkreis Oberhavel. Den Motor lässt Drewitz laufen während der Döner-Pause, damit das warme Gebläse nicht ausgeht.

Schneller Ausstieg vom Diesel für Handwerker unvertretbar

„Wir Handwerker und die kleinen Betriebe müssen die Sache ausbaden“, sagt der Meister. „Normalerweise müssten die Autokonzerne dafür verantwortlich gemacht werden.“

Vier Transporter hat der Betrieb mit seinen fünf Angestellten – alles natürlich Diesel. 40.000 Euro kostet ungefähr eines der Mercedes-Fahrzeuge, das von Drewitz ist höchstens drei Jahre alt.

„Man kann doch nicht nach drei Jahren neue Autos kaufen.“

Ein schneller Umstieg auf einen saubereren Antrieb sei wirtschaftlich kaum vertretbar, sagt der Installateur: „So ein Auto muss man fahren, bis es sein Geld verdient hat. Das ist nach acht bis zehn Jahren der Fall“, so Drewitz. „Man kann doch nicht nach drei Jahren neue Autos kaufen.“

Fahrverbote in Berlin würden die meisten Handwerker aus dem Brandenburger Umland treffen, schätzt Drewitz. Die Firma, für die er arbeitet, mache jedenfalls einen Großteil ihres Geschäfts in der Hauptstadt.

Dieselverbot stellt auch Taxi-Branche vor Probleme

In Sichtweite zum Varietee-Eingang wartet Nazmiye Arabaci in ihrem Mercedes E 200 Diesel an einem Taxistand. Eine elfenbeinfarbene Rufsäule mit Dächlein und gelber Leuchte obendrauf erinnert an die goldenen Jahre der Branche, als Uber und Carsharing noch nicht erfunden waren.

Taxifahrerin Nazmiye Arabaci bangt um ihre Existenz. Für ihr Fahrzeug hat sie sich vor vier Jahren verschuldet. Quelle: Ulrich Wangemann

„Ich denke daran, aufzuhören mit dem Taxifahren“, sagt die 48-jährige selbstständige Kleinunternehmerin und massiert Feuchtigkeitscreme in die Haut ihres Handrückens. Der Wagen sieht aus wie neu. „Es ist meiner“, sagt Arabaci.

Ihr Kombi gehört zur Schadstoffklasse Euro vier. Ob er überhaupt nachrüstbar ist, sei ihr unklar, sagt die Taxifahrerin. Für das rund 45.000 Euro teure Fahrzeug hatte Arabaci vor vier Jahren einen Kredit aufgenommen.

Taxifahrerin ist sauer auf Politik und Autoindustrie

„Ich will mich nicht noch einmal hoch verschulden“, sagt die Mietwagen-Chauffeurin. „Beim Kauf hatte ich gerechnet, dass mich dieser Wagen zehn Jahre lang durchbringt.“ Eine rationale Investitionsentscheidung sei das gewesen.

Dieses Kalkül sei plötzlich über den Haufen geworfen. Sie sei „sauer auf Politiker und sauer auf die Autoindustrie“, sagt Arabaci. Die Folgen der „Schummelei bei den Abgaswerten müssen jetzt Leute wie ich tragen“.

Mit Vogelgezwitscher gegen Straßenlärm

Kurz vor der Potsdamer Brücke, nahe Neuer Nationalgalerie und Staatsbibliothek dringt Vogelgezwitscher aus einem Hauseingang. Die Stiftung Naturschutz Berlin hat zwei Lautsprecher installiert, um dem Lärm der Straße etwas entgegenzusetzen.

Im vierten Stock ist das Büro. Hier setzt man sich für den Erhalt von Adlerhorsten ein, kartiert Amphibienvorkommen und koordiniert Freiwilligendienste zum Wohle von Flora und Fauna.

Die Mitarbeiter müssen trotzdem an einer der dreckigsten Straßen der Stadt arbeiten. Namentlich wollen sie lieber nichts sagen zu der aktuellen Debatte. Eine Angestellte zuckt mit den Schultern und sagt: „Die Potsdamer war noch nie sauber und schön – und sie wird es auch nie sein.“

Von Ulrich Wangemann

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