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Einen Groschen für jede Plastiktüte

Aktionsplan der EU Einen Groschen für jede Plastiktüte

Kampf dem Plastik-Wahn: Die Europäische Union will den Verbrauch der dünnen, fast transparenten Plastiktüten um mindestens 80 Prozent reduzieren. Wie das erzielt werden soll, ist jedem EU-Land selbst überlassen. So könnte jede Tüte künftig etwas kosten.

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Quelle: dpa

Brüssel. Es ist dieser Handgriff an der Gemüsetheke, der die EU-Kommission ärgert: Eine dünne Plastiktüte wird abgerissen, drei Äpfel rein, nach Hause getragen, das Plastikteil wandert in den Abfall. Genau 25 Minuten benutzen die EU-Bürger im Durchschnitt jene Tütchen, ehe sie diese milliardenfach in die Umwelt werfen, wo sie zwischen 300 und 500 Jahre brauchen, um vollständig zersetzt zu werden.

„Jedes Jahr landen in Europa rund acht Milliarden Plastiktüten auf dem Müll“, sagte Brüssels Umweltkommissar Janez Potocnik am Montag, als er seinen Aktionsplan vorstellte, mit dem er die einzelnen Mitgliedstaaten zum Handeln drängen will. Hohe Gebühren oder gar ein völliges Verbot – für die EU ist alles in Ordnung, wenn der Plastik-Wahn nur endlich ein Ende hat. Die Kommission macht keine Vorgaben. Sie will es den Mitgliedsstaaten erlauben, die dünnen Tüten zu verbieten. Es geht ihr vor allem um die besonders dünnen, fast transparenten Tütchen mit einer Wandstärke von unter 50 Mikrometern (0,05 Millimeter). Sie machen 90 Prozent des Plastikmülls aus, der in vielen Mitgliedsstaaten nicht ordnungsgemäß recycelt wird. 198 solcher Tüten verbraucht der Durchschnittseuropäer, 71 ein Deutscher, 500 die Polen und Portugiesen. Lediglich vier sind es in Finnland und Dänemark. Nun will Brüssel den Verbrauch der Säckchen um mindestens 80 Prozent drücken.

Tüten-Groschen

  • Auf jeden EU-Bürger kommen pro Jahr im Schnitt 198 Plastiktüten.
  • In Deutschland gibt es seit den 70er Jahren Plastiktüten in Supermärkten nur noch für einen Tütengroschen – heute oft 10 Cent.
  • Das Umweltbundesamt (UBA) fordert, eine Bezahlpflicht auch in Kaufhäusern, Elektro- oder Bekleidungsgeschäften einzuführen.
  • In Irland ist durch eine Abgabe von 22 Cent je Tüte der Verbrauch pro Bürger und Jahr von 328 auf 21 zurückgegangen.
  • Die Deutschen verbrauchen laut EU 71 Tüten pro Kopf jährlich.
  • In vielen EU-Ländern gibt es Tüten gratis, in Osteuropa liegt der Verbrauch laut EU-Kommission bei über 500 Tüten pro Kopf.

Doch im Europäischen Parlament sind die Abgeordneten nicht sicher, ob dieser Vorstoß „ohne irgendeine sinnvolle Orientierungsgröße“ etwas bringt. Herbert Reul, Chef der CDU-Abgeordneten, sagt: „Das wahre Problem ist doch die mangelnde Entsorgung oder das Recycling von Plastiktüten.“

Schon vor Jahren hatte die Gemeinschaft sich eine Richtlinie gegeben, in der der Umgang mit Verpackungsmüll geregelt ist. Die Plastiktaschen gehören dazu. Schon damals ging es auch darum zu verhindern, dass 250 Milliarden Kunststoffteilchen – Überreste auch von Tüten – mit einem Gesamtgewicht von über 500 Tonnen zwischen der Adria und der türkischen Riviera in der See treiben. Über Fische gelangen sie auch in die menschliche Nahrung.

Der CDU-Europa-Abgeordnete und Umweltexperte Karl-Heinz Florenz weiß, dass die Verpackungsmüll-Richtlinie nicht konsequent umgesetzt wird: „In 20 Ländern der EU geht der Müll ungetrennt einfach auf die Deponie. Das ist eine Todsünde.“ Umweltschützer warnen seit Jahren vor den Gefahren für das ökologische Gleichgewicht. Zwischen Kalifornien und Hawaii treibt nach Erkenntnissen der Vereinten Nationen ein etwa drei Millionen Tonnen schwerer Müllstrudel, dessen Fläche so groß ist wie Mitteleuropa. Hier kommen auf ein Kilo Plankton sechs Kilo Müll. Jährlich verenden rund eine Million Vögel, weil sie kleine Teile dieser Plastik reste gefressen haben. Einer der Gründe: Von den 380 Milliarden Plastiktüten, die die USA jedes Jahr verbrauchen, werden nur zwei Prozent wiederverwertet.

Der Vorstoß des EU-Kommissars dürfte im EU-Parlament einhellige Zustimmung finden. Der Sozialdemokrat Jo Leinen sagte gestern: „Nicht jede Orange muss in einer eigenen Plastiktüte transportiert werden. Um den Verbrauch zu senken, sollten Plastiktüten nicht mehr kostenlos ausgegeben werden. Der Preis für die Tüten muss die verursachten Kosten für die Umwelt wiederspiegeln.“

Ob die zuständigen Minister der Mitgliedstaaten das genauso sehen, muss sich zeigen. Ohnehin ist nicht alles neu an dem Vorstoß der Europäischen Kommission. „Jute statt Plastik" – das klingt vertraut. Doch auch dieses Mal hat Brüssel nicht mehr als die Bitte zu bieten, sich doch andere Möglichkeiten zur Müllvermeidung einfallen zu lassen als bisher. Warum allerdings jetzt gelingen sollte, was bisher schon beim Recycling schiefläuft, ist unklar.

Das Bundesumweltministerium lehnte den EU-Vorstoß gestern umgehend ab: „In Deutschland stellen Plastiktragetaschen kein relevantes Umweltproblem dar“, sagte eine Sprecherin. „Für ein Verbot oder eine Abgabe besteht keine Veranlassung.“ Dagegen pocht das Umweltbundesamt (UBA) auf kostenpflichtige Tüten. „Eine Bezahlpflicht für alle Plastiktüten im Einzelhandel kann gleichwohl ein Beitrag zur weiteren Reduktion des Plastikmülls sein“, sagte UBA-Präsident Jochen Flasbarth.

Von Detlef Drewes

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