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Wirtschaft Joggen für die Versicherung
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20:00 05.09.2017
Ob Schritte zählen oder den Verbrauch von Kalorien errechnen – Fitnessarmbänder sind derzeit im Trend. Quelle: Foto: Dpa
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Frankfurt

Sie zählen Schritte, errechnen verbrauchte Kalorien und erheben viele individuelle Daten: Fitnessarmbänder (Wearables) oder Fitnessapps. Die Nutzung der Datenflut könnte den Versicherungsmarkt umkrempeln und Folgen für Verbraucher haben. Noch gibt es aber eine Menge Fragen.

Einen ersten Schritt, gesunde Lebensweise mit einem Belohnungssystem bei der Berufsunfähigkeits- sowie der Risikolebensversicherung zu verbinden, wagte vor einem Jahr der Versicherungskonzern Generali in Deutschland. Zunächst wird der Gesundheitszustand des Versicherten ermittelt. Anschließend sammelt er mit Joggen oder dem Kauf von gesunden Lebensmitteln Punkte fürs Rabattkonto. Die Daten werden per Fitnessarmband oder Kassencomputer an eine Generali-Tochter übermittelt.

Das Interesse sei „durchaus groß“

Das Unternehmen wirbt damit, dass die Prämie für die Berufsunfähigkeitsversicherung oder Risikolebensversicherung dadurch im Idealfall um 16 Prozent sinken kann. „Das Interesse der Kunden ist durchaus groß“, sagt ein Generali-Sprecher.

Nachahmer in großem Stil hat das Modell Branchenexperten und Verbraucherschützern zufolge in Deutschland bisher allerdings nicht gefunden. „Man braucht eine langfristige und stabile Datenbasis, die den Zusammenhang zwischen Verhalten und den Auswirkungen auf bestimmte Risiken sicher abbildet“, erläutert Lars Gatschke, Versicherungsexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. „Jemand, der täglich 10 000 Schritte geht, muss nachweisbar ein geringeres Sterberisiko haben als jemand, der das nicht macht. Von solchen Daten sind wir aber noch weit entfernt.“

„Lockmittel, um sich die fitten Menschen als Versicherte zu sichern“

„Ob daraus ein breiter Trend wird, hängt von der Weiterentwicklung der Datenerfassung ab“, sagt auch Reiner Will, Geschäftsführer der auf Versicherungen spezialisierten Ratingagentur Assekurata. Will sieht allerdings ein grundsätzliches Problem: „Mit Fitnesstarifen spreche ich Menschen an, die ohnehin schon gesundheitsbewusst leben. Ob man das auf andere Menschen übertragen kann, wird man sehen.“ Generell müsse sich die Branche überlegen, ob sie sich künftig vor allem auf attraktive Zielgruppen konzentrieren wolle. „Wenn alle nur um einige wenige fitte Kunden buhlen, könnte der Umsatz sinken.“ Der Bund der Versicherten kritisiert Fitnesstarife als „ein reines Lockmittel, um sich die jungen, gesunden, fitten und gesundheitsbewussten Menschen als Versicherte zu sichern“.

Doch was passiert, wenn sich bei vielen, die einen Bonus bekommen haben, das Verhalten ändere: „Statt Sport also Couch und rauchen, statt Gemüse sind auf einmal Chips angesagt.“ Sind dann „extreme Beitragssteigerungen zu fürchten“?

Parallelen zur Kfz-Versicherung

Auch aus der Versicherungsbranche selbst kommen skeptische Töne: „Fitness ist gut, aber Wearables sind aus unserer Sicht bisher eher Spielzeug“, sagt der Chef der Alten Leipziger, Walter Botermann. „Es sollen bereits Hunde mit mehreren Armbändern gesehen worden sein, die für ihre Auftraggeber die notwendige Schrittzahl erlaufen.“

Etwas anders sieht es in der Krankenversicherung aus: Die elf Landes-AOK, die von den jeweiligen Sozialministerien beaufsichtigt werden, bieten seit geraumer Zeit Bonusprogramme an, die gesundheitsbewusstes Verhalten belohnen. „Den bundesweit tätigen gesetzlichen Krankenversicherungen hat das Bundesversicherungsamt dagegen Wahltarife verboten“, erläutert Gatschke. „In der privaten Krankenversicherung wiederum muss die Prämie laut Kalkulationsverordnung anhand der durchschnittlichen Pro-Kopf-Schäden berechnet werden.“

Gatschke rechnet allerdings damit, dass die Verwendung großer Datenmengen langfristig bei Versicherungen auf breiter Front Einzug halten wird – mit entsprechenden Folgen für die Prämiengestaltung. In der Kfz-Versicherung sind Tarife, bei denen sich die Fahrweise auf die Prämie auswirkt, bereits verbreiteter. Geschwindigkeit, Brems-, Beschleunigungs- und Lenkverhalten werden erfasst, vorsichtiges Fahren wird belohnt.

Die Frage der Datennutzung sollte möglichst jetzt in einer Ethikkommission diskutiert werden, empfiehlt Gatschke. „Die Frage ist doch die: Will ich mir von einem Versicherer vorschreiben lassen, wie ich zu leben habe?“

Von dpa/RND

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