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Mallorca: Die besetzte Insel

Einheimischen wird Andrang zu viel Mallorca: Die besetzte Insel

Ballermann und Co: Mallorca erlebt einen Sommer der Superlative. Noch nie waren so viele Touristen auf der Baleareninsel – doch längst nicht alle Mallorquiner profitieren vom Boom. Viele verdammen den Tourismus.

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Urlauber tummeln sich am Strand.

Quelle: dpa

Mallorca. Der Parkplatz an der Cala Santanyi ist voll. Gestopft voll. Und auch am Strand der kleinen Sandbucht im Südosten Mallorcas herrscht Hochbetrieb. Eine Folge des Rekordansturms auf die Insel, der schon im Frühjahr vorhergesagt wurde? „Das ist hier immer so im Sommer“, wiegelt Tina Vicens ab. Gemeinsam mit ihrer Schwester betreibt sie das Hotel Cala Santanyi, das auf einer Anhöhe über der Bucht thront. Während der ganzen Hochsaison waren die 200 Zimmer gut gebucht – allerdings war das auch schon in den Vorjahren so. 1,84 Millionen Touristen strömten allein im Juli auf die Insel, mehr als jemals zuvor. An der Cala Santanyi bewahren sie trotzdem die Ruhe.

Wenige Kilometer entfernt sieht das schon ganz anders aus. Mitten im Naturschutzgebiet liegt der Es Trenc, ein kilometerlanger Traumstrand, zu dem jeden Sommer Zehntausende pilgern. In diesem Jahr sei der Andrang größer denn je, sagt Tina Vicens. Nur: Wer nicht schon ganz früh am Morgen da ist, kommt gar nicht mehr hin. Denn der kleine Parkplatz am Ende der schmalen Zufahrtsstraße kann die vielen Autos nicht aufnehmen. „Wir haben einmal versucht, zum Baden dorthin zu fahren, und hätten stundenlang in einer langen Autoschlange warten müssen, bis wir vielleicht einen Parkplatz bekommen hätten – oder eben auch nicht“, erzählt die Hotelchefin. Schließlich hätten sie aufgegeben und seien wieder nach Hause gefahren.

Terrorgefahr lassen viele Urlauber umschwenken

Terror in der Türkei, Terror in Nordafrika – dass viele Strandurlauber in diesem Sommer Richtung Balearen umschwenken würden, war absehbar. Allein der Reisekonzern Tui meldet jetzt zum Ende der Hauptsaison fast eine Million deutsche Mallorca-Reisende. Da man ahnte, was kommen würde, hatte man sowohl die Flug- als auch die Hotel- und Mietwagenkapazitäten vor Beginn der heißen Phase noch mal deutlich aufgestockt. Und dennoch: „Im August, als alle Bundesländer gleichzeitig Ferien hatten, ist es in den Familienhotels vor allem auf Menorca und Ibiza schon mal eng geworden“, sagt Sven Görissen, Balearen-Produktmanager bei der Tui. „Schon mal eng“ ist elegant ausgedrückt. „Eingequetscht“, erzählen viele Urlauber, fühlten sie sich zwischen den Liegen und Handtüchern und Sonnenstühlen ihrer Strandnachbarn.

„Touristen, ihr seid die Terroristen“

„Touristen, ihr seid die Terroristen“: Vielen Einheimischen wird der Andrang zu viel. Dicht an dicht tummeln sich Urlauber am Flughafen.

Quelle: AFP

Aber obwohl die Gesamtbesucherzuwächse etwa auf Menorca mit einem Plus von 23,6 Prozent noch weit beeindruckender sind als auf der Hauptinsel, steht die große Schwester im Fokus der Aufmerksamkeit. Der Grund: Mallorca hat im Juli und August die Grenze seiner Kapazitäten erreicht. „Im Juli hatten wir hier eine Hotelauslastung von 92,1 Prozent, das ist mehr als irgendwo sonst in Spanien“, sagt Alexandra Wilms, Sprecherin des balearischen Tourismusministeriums.

Erfolgsmeldung? Nein, drohende Nebeneffekte

Dort müsste diese Zahl eigentlich als Erfolgsmeldung gefeiert werden, wären da nicht die drohenden Nebeneffekte: Der Flughafen Son Sant Joan platzt aus allen Nähten, in der Inselhauptstadt Palma stauen sich die Touristenautos vor den voll besetzten Parkhäusern, in vielen Restaurants ist ohne Reservierung kein Platz zu bekommen – und obendrein wird nach einem extrem trockenen Winter auch noch das Wasser knapp. Die Meerwasserentsalzungsanlagen laufen auf Hochtouren, die Landwirte sind zum Wassersparen verdonnert, und das „Mallorca Magazin“ meldete am Donnerstag, dass die Stadt Soller im Nordwesten der Insel die Straßenreinigung einstellt und die Strandduschen abschaltet, um die kargen Wasserreserven zu schonen.

Das Hauptübel sind aber weder die Landwirtschaft noch die vielen Touristen mit ihrem Wunsch nach grünem Golfrasen und druckvollen Duschen. Knapp 30 Prozent des Trinkwassers auf Mallorca versickern einfach im Boden – das Leitungsnetz in den meisten Kommunen ist so marode, dass ein knappes Drittel des kostbaren Inhalts nie sein Ziel erreicht.

Graffiti verdammen den Tourismus

In der öffentlichen Debatte indes spielen solche Wahrheiten höchstens eine Nebenrolle. Längst sind an altehrwürdigen Mauern in Palma Graffiti zu sehen, die den Tourismus verdammen, ihn gar als den eigentlichen „Terrorismus“ brandmarken. Wird die Insel der Geister nicht mehr Herr, die sie rief? „Natürlich hat hier niemand etwas gegen Tourismus, aber im Sommer dürfen wir nicht mehr weiter wachsen – wir wollen ja ein attraktives Ziel bleiben“, betont Wilms. Ein bisschen klingt es wie das Rufen im Walde, denn der Einfluss der Regionalregierung etwa auf den Flughafen ist quasi gleich null. Die Betreibergesellschaft Aena ist der Zentralregierung in Madrid unterstellt, und wenn man dort der Meinung ist, dass auf Mallorca mehr als die jetzt schon grenzwertigen 64 Abfertigungen pro Stunde sinnvoll sind, wird es so kommen – ganz gleich, ob die Mallorquiner das sinnvoll und angemessen finden oder nicht.

Touristen, ihr seid die Terroristen heißt es an einer Wand

Touristen, ihr seid die Terroristen heißt es an einer Wand.

Quelle: AFP

Ballermann ist voller denn je

An der Playa de Palma in S’Arenal, rund um den berüchtigten „Ballermann“, lassen sich die Auswüchse des Massenansturms am deutlichsten beobachten. „Hier ist es dieses Jahr gefühlt wirklich voller denn je“, sagt Oliver Lipp, der das Online-Magazin mallebz.de verantwortet. Für seine Beiträge tummelt sich Lipp in der Partyszene zwischen den Discotheken „Oberbayern“ und „Megapark“, hat aber auch das Geschehen in S’Arenal insgesamt im Blick. „Im Juli und August gab es keinen einzigen Tag, an dem der Strand mal ein bisschen leerer war, das war früher anders“, lautet sein Fazit.

Das heißt für die Wirte entlang der Strandpromenade aber noch lange nicht, dass sie das große Geschäft machen. Denn, so hat Lipp beobachtet, in den Hotels an der Partymeile, die eigentlich für feierlustige Touristen ausgelegt sind, tauchten in dieser Saison auffallend viele Familien mit Babys oder Kleinkindern auf – die Familienhotels in ruhigeren Ecken der Insel waren ausgebucht. Die Gastronomen an der Playa de Palma sähen diese neuen Gäste gar nicht so gern, sagt der Wahlmallorquiner: An einer Familie, die im Hotel Vollpension bucht und nach dem Abendessen brav auf ihrem Zimmer verschwindet, verdienten Kneipen und Discotheken keinen müden Cent.

Kaum einer schert sich um „Benimmregeln“

Einen weiteren Strich durch die Rechnung macht den Wirten das Gezerre um die „Benimmregeln“ an der Playa. In der Realität schere sich kaum jemand darum, ob am Strand Saufgelage oder lärmende Partys stattfinden, schildert Lipp. Dennoch seien viele Touristen so verunsichert, dass sie die Meile lieber ganz meiden und auch zum Trinken gleich im Hotel bleiben. Alles Einnahmen, die den Kneipiers verloren gehen – und das kann für kleine Lokale schnell existenzbedrohend werden, denn die heftige, aber kurze Sommersaison muss so viel Geld in die Kassen spülen, dass es auch für die mageren Wintermonate reicht.

Ginge es nach Tourismusminister Biel Barceló, würde sich der Strom der Besucher künftig besser als bisher auch auf die Monate außerhalb der Hochsaison verteilen. Sprecherin Wilms sieht den Anfang schon gemacht und wertet ihn als Erfolg der Bemühungen um spezifische „Winterprodukte“, wie es in der Touristikbranche genannt wird. „Im Bereich Fahrradtourismus etwa läuft es schon super, immer mehr dieser Gäste kommen im Winter oder Frühling“, sagt Wilms. Als Folge davon öffneten zu diesen Zeiten auch zusehends mehr Hotels und Restaurants, die sonst nur im Sommer in Betrieb waren.

Oliver Lipp teilt Wilms’ Optimismus allerdings nur begrenzt. „Die Großen verdienen im Sommer genug, die haben gar kein Interesse, das ganze Jahr durchzuarbeiten“, meint er. Und die Hoffnung, dass sich auch nur die Geschäftsleute entlang der Playa de Palma auf ein gemeinsames Konzept für einen Ganzjahresbetrieb einigen könnten, hält er für vergebens: „Hier gönnt doch keiner dem anderen was.“

Von Stefanie Gollasch

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