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Wirtschaft Nord Stream 2: Bau von Ostsee-Pipeline kommt zügig voran
Nachrichten Wirtschaft Nord Stream 2: Bau von Ostsee-Pipeline kommt zügig voran
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13:13 16.11.2018
Auf der 1.230 Kilometer langen Strecke durch die Ostsee wurden bereits 250 Kilometer der zwei Stränge der Pipeline verlegt. Quelle: dpa
Lubmin

Der Bau der umstrittenen Gaspipeline Nord Stream 2 kommt zügig voran: Inzwischen sind laut Unternehmenssprecher Steffen Ebert alleine im deutschen Teil der Ostsee rund 100 Kilometer der insgesamt 1230 Kilometer langen Pipeline verlegt worden. Die Verlegearbeit erfolgt an mehreren Stellen gleichzeitig. Von Ende 2019 an soll russisches Gas bis ins vorpommersche Lubmin gepumpt werden. Durch Nord Stream 1 fließt bereits seit 2011 Gas nach Deutschland.

Das 9,5 Milliarden-Euro-Projekt, das vom russischen Energiekonzern Gazprom geleitet wird, wird in Teilen Europas und den USA kritisiert. So fürchtet die Ukraine um ihre einträgliche Rolle als Transitland für den Gastransport nach Westeuropa. Polen und die baltischen Staaten warnen vor einer wachsenden Abhängigkeit vom russischen Gas.

Trump droht mit Sanktionen

US-Präsident Donald Trump kritisiert eine zu enge Verflechtung von Deutschland und Russland und droht mit Sanktionen. Dessen ungeachtet steht Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die in Vorpommern ihren Wahlkreis hat, zu dem Vorhaben.

Unter Reggae-Klängen wächst Nord Stream 2

Laute Reggae-Musik hallt im Bauch der „Audacia“, einem 225 Meter langen Schiff etwa 35 Kilometer östlich von Sassnitz. Doch mit Party hat das Ganze nichts zu tun: Die 13 Jahre alte „Audacia“ ist ein Verlegeschiff im Auftrag von Nord Stream 2.

Seit Anfang Oktober sind mehr als 250 Arbeiter aus vielen Nationen 24 Stunden pro Tag damit beschäftigt, die 1230 Kilometer lange und international höchst umstrittene Gaspipeline zu verlegen. „Zwei Kilometer am Tag ist unser Rekord“, berichtet der niederländische Kapitän Hans Holdert. 1,6 Kilometer ist der Schnitt. Aktuell sind im deutschen Bereich 100 Kilometer verlegt.

Die Zeit drängt. Bis Jahresende muss die Grenze des deutschen Küstenmeeres erreicht sein, Ende 2019 soll das erste Gas von St. Petersburg nach Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern fließen - in einem Kilometer Abstand zur 2011 eröffneten Nord-Stream-1-Pipeline. Geplant ist nun in zwei parallel verlaufenden Röhren der Transport von jährlich bis zu 55 Milliarden Kubikmeter russischen Erdgases nach Deutschland.

30 Schiffe im Einsatz

Wie Nord-Stream-2-Sprecher Steffen Ebert sagt, sind auf der Pipeline-Strecke aktuell rund 30 Schiffe unterwegs. Sie bereiten den Ostseeboden vor, verlegen die Rohre mit einem Innendurchmesser von 1,15 Meter oder schütten die Gräben nach dem Verlegen wieder zu.

„Wir beobachten die Situation sehr genau“, sagt Ebert. Das Projekt, hinter dem der russische Energiekonzern Gazprom steht, brauche die Genehmigung von fünf Ostsee-Anrainern: Russland, Finnland, Schweden, Dänemark und Deutschland. Nur die aus Dänemark fehlt noch. Kopenhagen erhebt unter anderem sicherheitspolitische Bedenken.

Aber alle derzeitigen Arbeiten seien durch Genehmigungen abgedeckt, betont Ebert. Am Rechtsrahmen müsse nicht geändert werden. „Wir hoffen, dass die Dänen uns grünes Licht für die Vorzugsroute gibt.“ Klar sei aber, dass auch die Alternativroute den Zeitplan nicht ins Wanken bringe.

Alltag auf dem Schiff

Rund 60 Mann arbeiten pro Schicht an der Schweißstraße. Reggae-Ikone Bob Marley bringt sie schon an der ersten Station in Stimmung, die Bässe sind körperlich zu spüren. Eben war eines der zwölf Meter langen Rohre mit ihrem elf Zentimeter dicken Betonmantel aufs Fließband gelegt worden.

Nun gilt es, die Schweißnaht vorzubereiten. Der Rand des Rohres wird angeschliffen, damit an der nächsten der zehn Arbeitsstationen zwei Rohre zusammengefügt werden können. Dort kümmern sich vier Arbeiter um die erste Schweißnaht, jeder Griff sitzt - Routine, zehntausende Mal wiederholt.

„Jede Schicht dauert zwölf Stunden“, berichtet der 50-jährige Kapitän Holdert. Die meisten Arbeiter sind acht Wochen auf dem Schiff, bevor sie dann wieder acht Wochen zu Hause sind. Die Freizeit an Bord wird mit Schlafen, Essen oder Sport gefüllt. Die Männer wirken freundlich und ausgeglichen.

An fünf Stationen des Fließbands werden die 24 Tonnen schweren Rohre zusammengeschweißt. An den anderen wird geflext, per Ultraschall geprüft oder die etwa ein Meter breite Schweißstelle abgeklebt und mit Hartschaum aufgefüllt.

Rohre lagern in Sassnitz

Die Rohre lagern zu Tausenden im Hafen von Sassnitz auf Rügen und werden von zwei Schiffen im steten Wechsel zur „Audacia“ gebracht. Ein Zahnrad greift ins andere. Vom Zwischenlager der Rohre in der „Audacia“ über die Bearbeitung bis hin zum Versenken in dem vorbereiteten Graben in der an diesem Punkt etwa 20 Meter tiefen Ostsee - ohne Pause.

Am Bug des Schiffes kommt regelmäßig ein neues Rohr der Pipeline an die frische Herbstluft, während weitere zwölf Meter im kalten Ostseewasser verschwinden. Alle acht Minuten leuchtet an jeder Station im Schiff ein grünes Licht für „Arbeit beendet“, dann ertönt eine Sirene, und das Schiff bewegt sich eine Rohrlänge weiter.

Arbeiten mit höchster Präzision

Auch wenn die Arbeiten in Teilen eher grob erscheinen, ist doch höchste Präzision gefragt. Der Aufwand ist hoch. Wenige Meter vor dem Bug der „Audacia“ liegt das Kontrollschiff „Union Manta“, das die Lage der Rohre im Graben überwacht. Vier weitere Schiffe halten die „Audacia“ in Position und sorgen dafür, dass sie sich alle acht Minuten eine Rohrlänge weiterbewegt. Sie sind auch dafür verantwortlich, dass bei Bedarf die zehn Anker gelichtet und dann neu gesetzt werden.

Die Männer an Bord - mit der Spanierin Gloria ist nur eine Frau als Housekeeperin auf dem Schiff - sind von den politischen Querelen um Nord Stream 2 nicht beeindruckt. „Wir machen unseren Job“, sagt Produktionsleiter David DeJean. Er schaue keine Nachrichten an, politische Vorlieben habe er nicht. „Ich kümmere mich lieber um meine Familie in Texas“, betont der 54-Jährige und freut sich auf seine fünfwöchige Auszeit in seiner Heimat.

Von RND/dpa