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Sind wir zu geizig für gutes Essen?

Streit zwischen Biobauern und Einzelhandel Sind wir zu geizig für gutes Essen?

Hohe Qualität oder niedrige Preise? Im Supermarkt müssen sich die Verbraucher entscheiden. Der Markt ist hart umkämpft. Und er ist komplex. Ob die heutigen Lebensmittelpreise wirklich angemessen sind, darüber streiten bei MAZonline ein Vertreter der Biobauern und ein Vertreter des Einzelhandels. Ein Diskurs.

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Quelle: dpa

Es ist die große Frage: Greifen wir zu nachhaltigen Produkten und nehmen einen höheren Preis in Kauf oder bleibt es doch beim günstigsten Produkt, um in die eigene Kasse kein großes Loch zu reißen? Sind wir wirklich zu geizig für gutes Essen? Aleyander Gerber, Vorstanssprecher des Demeter e.V. und Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg haben ganz unterschiedliche Ansichten.

Der Handel darf die Preise nicht diktieren

Alexander Gerber ist der Vorstandssprecher des bundesweit agierenden Vereins Demeter. Er sagt: "In der 'Urproduktion' müssen die Preise entstehen und nicht vom Handel diktiert werden."

Quelle: Demeter e.V.

Wir leben ja einen richtigen Spagat: Einerseits wird in der Mittagspause Fast Food geholt und neben dem Computer verzehrt, kommt abends die Tiefkühl-Pizza in den Ofen und mit aufs Sofa vor den Fernseher. Andererseits wird in teuren High-Tech-Küchen mit handgeschmiedeten Messern jongliert, aufwendig semi-professionell gekocht und Essen zelebriert.  Wir sind geprägt vom Mangel der Kriegsgeneration wie von der Exotik der Kochshows. Niedrigpreise sind nach wie vor die eine Messlatte für gute Lebensmittel. Wir akzeptieren, dass Preise weder die soziale noch die ökologische Wahrheit sagen. Damit sägen wir auf dem Ast, auf dem wir alle sitzen. Denn der Preiskampf wird bis zu den Bauern durchgereicht. Die arbeiten immer mehr, können nicht investieren und damit Zukunft sichern, viele geben gleich ganz auf. Die verbleibenden Bauern sehen industrielle Produktion als Überlebenschance.

Wir entziehen der bäuerlichen Landwirtschaft die Basis zum nachhaltigen – also zukunftsfähigen – Wirtschaften. Das müssen wir umdrehen und als Gesellschaft definieren, wie Lebensmittelproduktion –  also Landwirtschaft, Herstellung und Handel – gestaltet sein müssen. In der „Urproduktion“ müssen die Preise entstehen. Sie dürfen nicht länger vom Handel diktiert werden. Lebensmittelpreise, also das Geld, das der Erzeuger für seine Rohwaren bekommt, muss als Basispreis jedes anderen Wirtschaftens festgelegt werden. Dann bekommen Lebensmittel den ihnen zustehenden Wert –  werden attraktive Mittel zum Leben und nicht länger eine fragwürdige Mixtur aus industrieller Landwirtschaft und dem Chemiebaukasten.  

Warum greifen wir gerade bei dem, was wir unserem Körper direkt zuführen, zu industriell gefertigten Produkten und lassen uns und unseren wunderbaren Geschmackssinn als Wächter für gutes Essen austricksen? Dabei ist gutes, gesundes, ausgewogenes, vielfältiges Bio-Essen letztlich gar nicht teurer  als konventionelles, in dem  zumal zu viel  Zucker (und auch Alkohol) nicht unbedeutende Bestandteile sind. Wenn der Geschmack und die Qualität der Lebensmittel selbst wieder in den Mittelpunkt rücken,   dann werden Genuss und der Respekt vor Boden, Pflanze, Tier sowie  der Arbeit des Bauern wieder zusammenfließen. Dann wird nicht mehr auf den Preis, sondern auf den Wert geschaut werden. 

Das ist übrigens keine unrealistische Vision, sondern in der Demeter-Markengemeinschaft schon Teil der Realität. Und wir Biodynamiker freuen uns, dass es immer mehr Menschen gibt, die eben nicht zu geizig für gutes Essen sind. Sie entdecken biodynamisch gezüchtete Möhren und Pastinaken, die klangvolle Namen wie Rodelika oder Aromata tragen. Sie genießen edle Tropfen der Demeter-Winzer aus allen Regionen der Welt. Sie  verlangen beim Metzger ihres Vertrauens auch mal Leber oder Nieren und setzen für die schnelle Küche auf Schmackhaftes, das nährt und ehrlich ist, weil es ohne Zusatzstoffe in echter Handwerkskunst hergestellt wird.

DISKURS // ZU GEIZIG FÜR GUTES ESSEN?

Lebensmittel sind nicht billig - sondern marktgerecht

Nils Busch-Petersen ist Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg. Er meint: "Unsere Lebensmittel sind nicht zu billig, ihre Preise sind marktgerecht."

Quelle: Peter Adamik

Als das staatliche Amt für Preise im Einheitsjahr 1990 seine Arbeit einstellte, weinte man ihm in der Öffentlichkeit keine Träne nach. Allzu segensreich war seine 25-jährige Tätigkeit wohl nicht für die Volkswirtschaft ausgefallen. Von nun an sollten sich die Preise auch in Brandenburg am und durch den Markt bilden. Und genau das funktioniert wiederum seit 25 Jahren doch recht gut.

Geraten die Erzeugerpreise für Lebensmittel unter Druck, wird gerne und schnell alle Kritik auf den Lebensmitteleinzelhandel fokussiert. Das scheint ja so einfach, verkennt aber, dass die Preisbildung ein sehr komplexes Thema ist. Über Jahre betrachtet gilt, dass sowohl der Fall wie auch der Anstieg von Erzeugerpreisen von den Verbraucherpreisen nachvollzogen werden. Natürlich ist der Wettbewerb im Lebensmittelhandel extrem hart und schließt preisliche Alleingänge einzelner Anbieter fast aus, er kann aber nicht einfach für die Nöte auf einzelnen Erzeugermärkten, wie zum Beispiel der Milch, verantwortlich gemacht werden. Wer so argumentiert, verkennt, dass der einheimische Handel weder der einzige noch teilweise der größte Abnehmer einheimischer Agrarprodukte ist.

Bleiben wir bei der Milch, sie ist ja zurzeit buchstäblich in aller Munde. Folgt man dem Statistischen Bundesamt, so sind die Erzeugerpreise von 2005 bis 2014 mit starken Schwankungen um 32 Prozent gestiegen. Und was zahlten wir in diesen zehn  Jahren mehr für Milch- und Molkereiprodukte? Im Schnitt waren es 30 Prozent mehr. Der Markt funktioniert also unterm Strich. Wo aber klemmt es, was verursacht vielen Milchbauern existenzielle Probleme? Bei einem insgesamt gesättigten Markt stagniert der Pro-Kopf-Verbrauch nahezu. Wenn in einem solchen Marktgefüge aber seit 2006 die Produktion von Rohmilch ständig gesteigert wird, dann kann das nicht ohne Einfluss auf die Preisbildung bleiben. Die Steigerung der Produktion hatte und hat mit der starken Exportorientierung der Milchwirtschaft zu tun, geht doch gut die Hälfte der deutschen Milch- und Molkereierzeugnisse ins Ausland. Nur: im Außenhandel weht der scharfe Wind der Weltmarktpreise.

Nein, unsere Lebensmittel sind nicht zu billig, ihre Preise sind marktgerecht. Der Handel bietet allen Verbrauchern eine große Bandbreite von Milcherzeugnissen, da ist für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel das passende Angebot zum gut kalkulierten Preis dabei. Letztlich sind wir Verbraucher das wirkliche „Amt für Preise“, sind sie uns zu niedrig oder zu hoch, können wir ausweichen auf alternative Angebote und so den Handel, die Molkereien und die Hersteller in die von uns bevorzugte Richtung bewegen. Meine Lieblingsmilch (keine Namen!!) kommt aus der Region und wird  in Brandenburg verarbeitet. Mit dem Smartphone gelange ich über einen QR-Code auf dem Milchbeutel zur live-Kamera und sehe „meinen“ Kühen auf der Weide oder am Stall zu. Das gibt es nicht für 50 Cent pro Liter und ist mir allemal mehr wert!

Der Preis für Lebensmittel im Wandel: Fleisch war einst Luxus

Essenspreise sind in unseren hoch entwickelten Gesellschaften für die meisten Menschen kein Problem mehr. 100 Gramm Rinderhüftsteak gibt es zum Beispiel im Angebot schon für knapp zwei Euro.  Die 1,50 Mark, die man um 1900 für ein Kilo Schweinefleisch durchschnittlich zahlen mussten, hören sich zwar viel billiger an, waren es aber keineswegs. Ein Hamburger Hafenarbeiter verdiente damals   im Monat vielleicht 61 Mark. Das teure Fleisch hätte ganze 2,5 Prozent seines Monatsgehalts ausgemacht.   

Heutiges Rinderhüftsteak im Angebot macht dagegen nur 0,1 Prozent eines Monatsgehalts von 2000 Euro aus. Mit 2,5 Prozent eines solchen Monatsgehalts, also 50 Euro,  bekommt man unter Umständen sogar fünf Kilo hochwertigsten Beefsteaks aus Argentinien. Nicht zuletzt wegen dieser Preisentwicklung hat der Fleischkonsum in Deutschland zugenommen.

Der Anteil der Nahrungsmittel bei den Ausgaben liegt nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW) bei 14,3 Prozent. Für Freizeit und Kultur geben Deutsche fast genauso viel aus: 11,4 Prozent ihres monatlichen Nettoeinkommens.  Um 1900 mussten sie für die Ernährung noch mehr als die Hälfte ihres monatlichen Einkommens aufwenden.

Von MAZonline

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Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation

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