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19:02 29.06.2018
Hoch hinaus: 1969 wanderte Familie Schoepp in den Alpen – eins von vielen Erinnerungen, die Sebastian Schoepp an seine Eltern hat. Quelle: Montage: RND/privat, Pixabay
Hamburg

Irgendwann wird die Zeit kommen, wenn die Eltern die Unterstützung der Kinder benötigen. Man weiß das. Dennoch ist es für beide Seiten keine einfache Situation, wenn es wirklich einmal soweit ist. Das hat auch Sebastian Schoepp erlebt. Über seine Erfahrungen spricht er im Interview ...

Zur Person

Sebastian Schoepp,geboren 1964, ist Redakteur für Außenpolitik bei der „Süddeutschen Zeitung“. Volontiert hat er beim „Argentinischen Tageblatt“ in Buenos Aires. Von ihm stammt das Buch „Das Ende der Einsamkeit. Was die Welt von Lateinamerika lernen kann“. Im Westend Verlag ist vor Kurzem sein Buch „Seht zu, wie ihr zurechtkommt“ (288 Seiten, mehrere Abbildungen, 22 Euro) erschienen. Darin beschreibt Schoepp, wie er seine Eltern – Jahrgang 1923 und 1925 – in deren letzten Jahren begleitet hat.

Herr Schoepp, Sie haben sich um Ihre Eltern gekümmert, als diese alt wurden. Was hat Sie an der Pflegesituation am meisten überrascht?

Auch wenn es paradox klingt: Das Überraschendste war die Situation selbst. Meine Eltern und ich haben die Situation, die auf uns zukam, lange verdrängt. Dann fährt man plötzlich in einen Tunnel ein, in dem sich das Leben komplett ändert.

Was hat Sie emotional während dieser Zeit besonders berührt?

Meine Eltern waren lange sehr selbstständig. Zu erleben, wie sie schwach wurden und Hilfe brauchten, ist mir nahe gegangen. Meine Eltern sind 1923 und 1925 geboren, ich bin Jahrgang 1964. Zwischen uns herrschte schon allein wegen des Altersunterschieds ein großer Abstand. Wir haben ein distanziertes Leben geführt, mal ein Besuch am Wochenende, mal ein Telefonat. In ihren letzten Jahren habe ich sie neu kennengelernt und mir Fragen nach ihrem Leben gestellt.

Welche Fragen?

Warum sind sie so, wie sie sind? Warum ist es so schwer, an sie heranzukommen? Ich habe dann für mein Buch „Seht zu, wie ihr zurechtkommt“ ihr Leben erforscht und dabei auch viel darüber gelernt, warum ich so bin, wie ich bin.

Zentral bei Ihrer Recherche waren die Erlebnisse Ihrer Eltern während des Zweiten Weltkriegs

Wir haben fast nie darüber gesprochen. In den Elternhäusern der Kriegs- und Nachkriegsgeneration gab es ja zwei Gruppen: Die eine, zu der mein Vater gehörte, hat geschwiegen. Mein Vater war lange als Soldat in der Ukraine und in Russland, dann mehrere Jahre in Kriegsgefangenschaft. Er hat die Erlebnisse hinter einer Mauer des Schweigens zu verbergen versucht.

Und Ihre Mutter?

Die gehörte zur anderen Gruppe: Sie erzählte, manchmal fast ein bisschen prahlerisch, über Krieg als Zeit der Bewährung, als Abenteuer. Gerade das Prahlerische meiner Mutter kam mir seltsam vor. Ich verurteile diese Lebensstrategie nicht, ich habe meine Mutter sogar ein bisschen dafür bewundert, dass sie diese Zeit so für sich verbuchen konnte.

Alte Aufnahmen zeigen die Eltern von Sebastian Schoepp in den Kriegsjahren. Quelle: Montage: RND/privat, Pixabay

Haben sich die Erlebnisse Ihrer Eltern auf die Pflegesituation ausgewirkt?

Pflege ist immer Pflege, und Abschied ist immer Abschied. Ausgewirkt hat sich das vor allem auf unser Familienleben. Die Kriegsgeneration hat in jungen Jahren sehr viele Menschen sterben sehen. Die meisten aus diesen Jahrgängen haben das weggepackt und sind emotional verkapselt. Stattdessen wurden nach 1945 die Ärmel hochgekrempelt, und man machte weiter. Ein typischer Satz meiner Eltern lautete: Stell dich nicht so an. Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass diese Generation uns aus dem Grab zuruft: Nun seht mal zu, wie ihr ohne uns und das, was wir aufgebaut haben, zurechtkommt.

In den vergangenen Jahren haben sich viele Kriegskinder und -enkel mit ihren Familiengeschichten befasst. Warum kommt die Auseinandersetzung mit so großem Abstand?

Als ich auf diese Bücher gestoßen bin, dachte ich erst: Mei, das kommt aber spät. Und bei Texten von Kriegsenkeln war meine erste Reaktion: Nun stellt euch mal nicht so an! Doch es gilt, was vor allem Sabine Bode beschrieben hat: In Deutschland gab es eine akademische Aufarbeitung der Kriegsvergangenheit, nachdem die 68er danach fragten, was die Eltern angerichtet hatten. Doch in Familien wurde bis auf wenige Ausnahmen nicht die persönliche Debatte geführt. Die hat erst begonnen, als diejenigen, die den Krieg erlebt haben, langsam wegstarben. Ich habe ja auch lange gedacht, dass man darüber nicht mehr zu reden braucht. Bis ich durch die Pflege meiner Eltern gespürt habe, dass diese Zeit noch tief in uns steckt. Dass sie auch in meiner Generation oft zu Verkapselung und Ängstlichkeit geführt hat.

Wälzen Sie nicht vielleicht eigene Unzulänglichkeiten auf Ihre Eltern ab?

Ich habe mich durchaus gefragt, ob ich meine Eltern für etwas verantwortlich mache, was ich selbst verschuldet habe. Versuchen wir Nachkriegskinder uns eine Opferbiografie zusammenzubasteln, um uns von eigener Verantwortung freizusprechen? Natürlich ist da etwas dran. Fakt ist aber auch: Die Frage, warum bin ich, wie ich bin, hat ganz viel mit den Eltern zu tun. Mein Buch ist keine Schuldzuweisung, sondern ein Erklärungsversuch.

Weihnachten 2013 entstand eines der letzten Fotos des Ehepaares Schoepp. Quelle: Montage: RND/privat, Pixabay

Können Sie sich jetzt auch erklären, warum Ihre Eltern ängstlich und wenig kontaktfreudig waren?

Weil diese Generation so viel Schlimmes erlebt hat, war sie risikoscheu. Meine Mutter sagte über meinen Vater manchmal: Dein Vater hat in seinem ganzen Leben vor allem immer nur Angst gehabt. Das stimmt – weil er in der Kriegszeit zu einem ängstlichen Menschen geworden ist. Nach 1945 hat seine Generation ein System der Sicherheit aufgebaut.

Sicherheit ist ja nichts Schlimmes, oder?

Ich stelle aber fest, dass wir Babyboomer nicht allzu risikofreudig geworden sind. Viele von uns leben abwechselnd mit dem Fuß auf dem Gas und auf der Bremse. Solange Sicherheit großgeschrieben wurde, hat das gut funktioniert. Aber heute ist anderes gefragt: Risikofreude, Lebensmut, Mobilität – Dinge, die die meisten von uns in ihren Elternhäusern nicht erfahren haben.

Aber Sie sind doch ein lebendes Gegenbeispiel dafür: Sie haben in Italien und Spanien studiert und bei einer Zeitung in Buenos Aires volontiert.

Das war eher Rebellion: Ich dachte mir, ich gehe jetzt dahin, wo meine Eltern noch nie waren. Doch ich habe meine Unternehmungen mit einem Sicherheitsnetz gemacht – ich wusste immer, wohin ich zurückkann.

Von Interview: Martina Sulner/RND

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