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Wissen „Die Kostenübernahme hängt an Millimetern“
Nachrichten Wissen „Die Kostenübernahme hängt an Millimetern“
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15:51 27.04.2018
Der medizinische Nutzen kieferorthopädischer Behandlungen ist Experten zufolge nicht belegt. Dennoch geben die Krankenkassen jährlich über eine Milliarde Euro dafür aus. Quelle: iStock
Hannover

Rund 50 Prozent der in Deutschland lebenden Kinder tragen eine Zahnspange. Die meist langjährige kieferorthopädische Behandlung kostet die Kassen jährlich 1,1 Milliarden Euro. Dabei ist der medizinische Nutzen nicht belegt. Der Bundesrechnungshof hat daher jetzt beim Bundesgesundheitsministerium eine Versorgungsforschung angemahnt. Doch welche Entscheidungshilfen gibt es für Eltern bei der Frage, ob eine Zahnregulierung für ihre Kinder notwendig ist? Fragen an Barbara Schmitz, Gesundheitsreferentin bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

„Ein guter Kieferorthopäde darf die Eltern nicht moralisch im Beisein der Kinder unter Druck setzen“, sagt Barbara Schmitz, Gesundheitsreferentin bei der Verbraucherzentale Nordrhein-Westfalen. Quelle: privat

Dass Kinder in Deutschland eine Zahnspange tragen, ist fast schon eine Selbstverständlichkeit. Selbst bei einem minimalen Überbiss dringen Kinderärzte darauf, beim Kieferorthopäden vorstellig zu werden. Wie können Eltern sichergehen, dass sie, was die Zahnregulierung angeht, neutral und fachlich gut beraten werden?

Grundsätzlich sollte ein guter Kieferorthopäde ausführlich, neutral und verständlich beraten. Er sollte umfassend aufklären über Therapiealternativen, die voraussichtliche Gebissentwicklung, Risiken, Kosten und – auch ganz wichtig – darüber, was passiert, wenn keine Behandlung stattfindet. Er sollte Eltern darauf hinweisen, dass Krankenkassen ab einem bestimmten Schweregrad die Kosten einer zweckmäßigen und ausreichenden Behandlung übernehmen. Er darf privat zu zahlende Zusatzleistungen nicht aufdrängen und Eltern nicht moralisch im Beisein der Kinder unter Druck setzen, etwa nach dem Motto „Sie wollen doch auch nicht, dass ihre Tochter unnötige Schmerzen hat“. Es ist letztendlich Vertrauenssache. Oft hilft es auch, eine zweite Meinung bei einem anderen Kieferorthopäden einzuholen.

Was sollte eine erste Untersuchung auf jeden Fall beinhalten?

Zuerst wird der Kieferorthopäde die Zahnfehlstellung des Kindes messen. Fehlstellungen werden in fünf Schweregrade eingeteilt, die sogenannten kieferorthopädischen Indikationsgruppen (KIG). Abhängig von dem gemessenen KIG-Grad kann eine kieferorthopädische Behandlung bei der Krankenkasse beantragt werden. Zur Erstellung der Diagnose und der späteren Therapieplanung werden der Schädel und das Gebiss vermessen. Dazu wird ein Gebissabdruck genommen, zwei Röntgenbilder angefertigt sowie per Kamera Gesichtsfotos von vorn und von der Seite gemacht.

Röntgenbilder und ein Gebissabdruck gehören zur kieferorthopädische Behandlung. Quelle: Pixabay

Zu Beginn der Behandlung wird ein Kostenplan erstellt, der in der Regel eine mehrjährige Therapie vorsieht. Wie hoch der Eigenanteil ist, bemisst sich oft nach Millimetergrenzen. Wie lassen sich diese Kostenaufstellungen nachvollziehen?

Während KIG 1 und 2 nur leichte Zahnfehlstellungen anzeigen und eine gewünschte Behandlung daher von den Eltern privat bezahlt werden muss, übernehmen die Kassen bei KIG 3, 4 und 5 die Kosten. Dann zahlen sie für eine ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche Behandlung, die sogenannte Regelversorgung. Die Grenzziehung wurde unter medizinischen Aspekten festgelegt. So entscheiden manchmal wirklich Millimeter über die Kostenübernahme durch die Kasse. Gegebenenfalls hilft es, auch hier eine Zweitmeinung einzuholen. Während der Behandlung ist von den Eltern ein Eigenanteil von 20 Prozent aufzubringen, der nach erfolgreicher Beendigung zurückgezahlt wird. Sind mehrere Kinder gleichzeitig in Behandlung, reduziert sich der Eigenanteil auf 10 Prozent. Insbesondere wenn ihnen private Zusatzleistungen angeboten werden, sollten Eltern jede einzelne Maßnahme hinterfragen.

Gibt es bei den Kassen Unterschiede in der Frage, welcher Posten übernommen wird?

Durch die Einführung des Systems der kieferorthopädischen Indikationsgruppen sollte eine trennscharfe Grenzziehung greifen: Befunde mit eindeutiger medizinischer Behandlungsnotwendigkeit sollten klar unterscheidbar sein von Befunden mit eher ästhetischem Behandlungsbedarf. Diese Entscheidungskriterien sind also klar definiert. Die Entscheidung über einzelne Therapiemaßnahmen trifft der Kieferorthopäde idealerweise in Abstimmung mit den Eltern. Entspricht der eingereichte Behandlungsplan den KIG-Anforderungen sowie einer richtlinienkonformen Behandlung, bewilligt die Kasse die Kostenübernahme. Die Kasse hat auch die Möglichkeit, den Plan durch einen Gutachter prüfen zu lassen.

Der Großteil der Eltern ist trotzdem bereit, selbst tief in die Tasche zu greifen, denn neben ästhetischen Gesichtspunkten verweisen Kieferorthopäden auch gern auf Erkrankungen durch Fehlstellungen, etwa dauerhafte Verspannungen und Kopfschmerzen. Was ist davon zu halten?

Kieferorthopäden betonen häufig die medizinische Notwendigkeit kieferorthopädischer Maßnahmen. Schiefe Zähne sollen die Anfälligkeit für Karies oder Parodontitis erhöhen und sogar verantwortlich für weitergehende gesundheitliche Auswirkungen sein. Wissenschaftlich belegt ist dies nur für wenige Befunde, wie zum Beispiel einen seitlichen Kreuzbiss oder einen starken Überbiss. Es gibt bisher keinen durch Studien belegten Nachweis dafür, dass eine Nichtbehandlung von schiefen Zähnen zu gesundheitlichen Problemen führt.

Zuweilen wird auch den Eltern eine Regulierung empfohlen, etwa aus ästhetischen Gründen oder weil nach Ansicht des Mediziners die Position von Ober- und Unterkiefer die Stabilität der Zähne gefährdet. Wann ist eine Regulierung im Erwachsenenalter tatsächlich sinnvoll?

Grundsätzlich kann eine kieferorthopädische Behandlung auch bei Erwachsenen sinnvoll sein, dafür gibt es keine Altersgrenzen. Neben rein ästhetischen Gründen gibt es auch medizinische Gründe. So können sich ursprünglich leichte Zahnfehlstellungen mit dem Alter verstärken, Zähne können sich durch Parodontitis lockern und sind nur noch schlecht im Kiefer verankert, Zähneknirschen belastet die Kiefergelenke.

Ist die Behandlung grundsätzlich teurer als bei Kindern?

Vielen Erwachsenen fällt die Entscheidung für eine kieferorthopädische Behandlung heute leichter, weil es mittlerweile recht unauffällige Techniken gibt wie zum Beispiel zahnfarbene oder innen liegende Brackets und durchsichtige Schienen aus Kunststoff. Das hat aber alles seinen Preis – kieferorthopädische Maßnahmen müssen Erwachsene grundsätzlich komplett aus eigener Tasche bezahlen. Die gesetzlichen Kassen übernehmen bei Erwachsenen die Behandlung nur in Kombination mit einem kieferchirurgischen Eingriff, das heißt also nur bei schweren Kieferanomalien.

Rechnungshof rügt Geldverschwendung

Der Rechnungshof moniert, dass dem Gesundheitsministerium und den Krankenkassen bei kieferorthopädischen Behandlungen wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse fehlten. Zudem hätten sie keinen Überblick, mit welchen kieferorthopädischen Leistungen die Bevölkerung konkret versorgt werde. Es fehlten bundesweite Daten, zum Beispiel über Art, Dauer und Erfolg der Behandlung oder der zugrundeliegenden Diagnosen. Hinweisen auf diesen Missstand sei das Ministerium seit Jahren nicht nachgegangen.

Von Interview: Kerstin Hergt/RND

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