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12:02 18.03.2018
Nach Schätzungen sind in Deutschland derzeit rund 120 000 Menschen abhängig von Nasensprays. Quelle: Shutterstock
Hannover

Noch gibt es keinen Popsong über Nasenspray. Vielleicht ändert sich das bald. Während Substanzen wie Kokain und Morphium in Liedern wie “Cocaine“ oder “Sister Morphine“ bedacht werden, inspirierte Xylometazolin bisher noch keinen Musiker zu ein paar kräftigen Akkorden. Dabei macht der Hauptwirkstoff von Nasenspray ebenfalls süchtig.

Nach Schätzungen des Bremer Pharmakologen Gerd Glaeske sind in Deutschland derzeit rund 120 000 Menschen abhängig von der Substanz. Der Wissenschaftler leitet die Zahl aus den verkauften Mengen an Nasenspray und der Anzahl der Menschen mit Erkältungsschnupfen ab – geht jedoch von einer hohen Dunkelziffer aus. Nasenspray gehört zu den 25 meistverkauften rezeptfreien Mitteln in Deutschland, Tendenz steigend.

Pro Jahr werden insgesamt etwa 750 Millionen Packungen nichtverschreibungspflichtiger Medikamente über die Apotheken abgegeben, davon entfallen rund 10 Prozent auf Nasensprays und Nasentropfen. Der Umsatz liegt bei 126 Millionen Euro – ein Bestseller. Der Grund: Das Mittel wirkt sofort.

Der Preis für den Atemkickstart ist hoch

Schon ein paar Spritzer eines handelsüblichen Nasensprays verengen die Blutgefäße und lassen die Schleimhäute abschwellen. Der Wirkstoff Xylometazolin imitiert die Wirkung des körpereigenen Alarmsystems, des sogenannten Sympathikus-Systems. Dieses schüttet bei Gefahr Adrenalin aus. Das Herz schlägt daraufhin schneller, der Blutdruck steigt – und das Atmen fällt leichter.

Doch der Preis für diesen Atemkickstart ist hoch. Denn der Rebound-Effekt lässt nicht lange auf sich warten: Die Schleimhäute gewöhnen sich an die Substanz, schwellen dauerhaft an und reagieren überempfindlich. Es kommt zu einem medikamentenbedingten Schnupfen. Die Nase trocknet aus, juckt und blutet, Bakterien bilden sich.

Im schlimmsten Fall kann es sogar zu einer Erkrankung der Nasenschleimhaut – der sogenannten Stinknase – kommen. Hierbei beginnt die Nase nach einiger Zeit einen süßlich fauligen Geruch zu verströmen. Von dem bleiben die Betroffenen allerdings meist verschont, weil sich ihre Geruchsnerven an Eigengeruch gewöhnt haben oder schon abgestumpft sind. Auch der Geschmackssinn leidet darunter. Zudem verklumpt das Nasensekret zu schwarzen bis gelbgrünen Popeln – sogenannten Borken.

Oft hilft nur kalter Entzug

Xylometazolin kann zudem richtig gefährlich werden. Durch den Wirkstoff wird auch der Nasenknorpel schlechter durchblutet. Das Gewebe kann absterben, ein Loch in der Nasenscheidewand die Folge sein. Betrifft das Loch den Nasenrücken, kommt es zu sichtbaren Höckern. Um das zu verhindern, hilft oft nur kalter Entzug. Besteht die Abhängigkeit vom Nasenspray schon mehrere Monate lang, sollte ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt aufgesucht werden.

Tatsächlich weisen die meisten Apotheker darauf hin, das Mittel nur sieben Tage anzuwenden. Doch die Flüssigkeitsmenge an Nasenspray pro Fläschchen konterkariert diese Empfehlung. 15 Milliliter pro Fläschchen sind weit mehr, als man binnen sieben Tagen verbrauchen kann – vorausgesetzt, man wendet das Mittel an wie empfohlen.

Gleichzeitig ist das Medikament, einmal geöffnet, nur sechs Monate haltbar. Stellt sich also die Frage, wieso die Pharmafirmen nicht kleinere Mengen abfüllen. Pharmakologe Glaeske von der Universität Bremen sagt: “Fünf Milliliter reichen für einen Zeitraum von fünf bis sieben Tagen vollkommen aus.“ Doch die Pharmafirmen wollten offensichtlich nicht geringere Mengen verkaufen.

Viele Xylometazolin-Abhängige beschreiben regelrechte Angstzustände, wenn sie kein Nasenspray in Reichweite haben. Quelle: dapd

Warum ist ein Medikament mit einem so hohen Abhängigkeitspotenzial rezeptfrei verfügbar? Viele Ärzte und auch der Verband der HNO-Ärzte plädieren für eine Verschreibungspflicht, darunter Michael Deeg, Facharzt für HNO-Heilkunde in Freiburg, der wöchentlich mit Nasenspray-Abhängigen zu tun hat. In der zuständigen Behörde – dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn – sieht man das anders.

In einer Stellungnahme der Presseabteilung heißt es in Bezug auf die Gewöhnung an Nasenspray, dieser Effekt sei bekannt. Die entsprechenden Nebenwirkungen und die empfohlene Einnahmedauer seien in der Packungsbeilage aufgeführt. Einen Grund, abschwellende Nasensprays für rezeptpflichtig zu erklären, sieht die Bundesbehörde nicht. “Man hat den Eindruck, dass das Bundesinstitut dieses Problem als zu banal empfindet“, sagt Deeg.

Regelmäßiger Apothekenwechsel

Derweil schlagen sich mehrere Tausend Menschen in Deutschland mit den Folgen ihrer Sucht herum. In unzähligen Internetforen und Blogs beschreiben Xylometazolin-Abhängige, wie sie Panik befällt, sobald ihr Nasenspray-Fläschchen leer ist. Manche Betroffenen beschreiben regelrechte Angstzustände, wenn sie das Mittel weglassen. Sie befürchten, nur schlecht Luft zu bekommen oder zu ersticken.

Deswegen heben viele Nasenspray-Abhängige die Präparate an allen möglichen Stellen ihrer Wohnung auf, um immer versorgt zu sein. Die Sucht lässt sie zudem regelmäßig die Apotheke wechseln, um keinen Verdacht zu erregen. Denn sobald ein “begründeter Verdacht auf Missbrauch“ vorliegt, dürfen Apotheker laut Apothekenbetriebsordnung Arzneimittel nicht ausgeben. Eine Folge ist, dass Abhängige nicht selten ihren Partner oder Freunde vorschicken.

Natürliche Alternativen: Nasendusche und Salzlösung

Michael Deeg hilft Abhängigen, schrittweise vom Nasenspray loszukommen. “Nachts halten meine Patienten die verstopfte Nase nur schwer aus. Ich empfehle deshalb, tagsüber ganz auf das Spray zu verzichten und nachts nur ein Nasenloch zu sprühen. So verringern wir nach und nach die Dosis.“

In besonders schweren Fällen verschreibt der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Corticoid-Nasenspray und entwöhnt die Patienten damit Schritt für Schritt von den abschwellenden Sprays. Dieses spezielle Produkt habe auch einen abschwellenden Effekt, aber ohne den starken Gewöhnungseffekt der Nasensprays. Dafür wirke es langsamer.

Wer ganz sichergehen will, steigt auf natürliche Alternativen um. Ungefährlich und dennoch wirksam sind Nasenduschen. Auch Kochsalzlösung hilft, die Schleimhäute zu befeuchten. “Manche Patienten schwören auf ätherisches Öl, das sie sich direkt unter der Nase auftragen“, sagt Deeg. Beim Einziehen der Luft verspürten die Patienten einen kühlenden, lindernden Effekt. Gegen den schnellen “Kick“ des Nasensprays kommen diese Hausmittel zwar nicht an, sicherer sind sie aber allemal.

Von Nadine Zeller

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