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06:00 08.12.2018
Eltern sollten mehr reflektieren, sagt Psychologin Stefanie Stahl. Kinder seien oft den Ecken und Kanten der Eltern ausgesetzt. Quelle: Pixabay
Leipzig

Eltern oder auch Paare, die Eltern werden wollen, sollten in der Lage sein, sich selbstkritisch zu hinterfragen, rät Stefanie Stahl, Psychologin und Bestsellerautorin von „Das Kind in dir muss Heimat finden“. Übungen dazu bietet sie mit Berufskollegin Julia Tomuschat in ihrem neuen Ratgeber. Ein Gespräch über Bindung, alte Muster, schlechte Prägungen und die Bedeutung von Einfühlungsvermögen.

Kann man ein Kind zu sehr lieben? Wie sollen wir Grenzen setzen? Wann müssen wir loslassen? Ihrer Meinung nach kann man all diese Fragen mit drei Grundbedürfnissen beantworten: Bindung, Selbstständigkeit und Selbstwert.

Bindung und Autonomie sind die Prinzipien, um die sich die ganze Welt dreht. Sie sind die Grundlage unseres Lebens, damit einhergehend auch das Selbstwertgefühl. Bei der Bindung geht es um das Verbindende, das Miteinander, Verständnis füreinander, Wohlwollen, Zugewandtheit. Bei der Autonomie stehen die Fragen im Zentrum: Wie unterscheide ich mich von dir? Wann muss ich meinen eigenen Weg gehen? Die Prinzipien Bindung und Autonomie bestimmen nicht nur das Zusammenleben von zwei Menschen, sondern das ganzer Gesellschaften.

Gerade in stressigen Momenten ähneln wir unseren Eltern. Es anders machen zu wollen als sie ist zum Scheitern verurteilt?

Nein, nicht zwangsläufig. Viele Eltern ertappen sich aber dabei, dass sie Sprüche raushauen, die sie von den eigenen Eltern zu hören bekommen haben. Sie hatten sich fest vorgenommen, so etwas niemals zu sagen. Aber wenn wir unter Stress stehen – und das tun Eltern ja leicht, weil die Anforderungen der Elternschaft und des modernen Lebens groß sind –, passiert es schnell, dass wir in alte Muster zurückfallen. Dann ist es wichtig, auf sich selbst zu gucken, sich zu fragen: Was sind meine Trigger-Knöpfchen?

Informationen zu Stefanie Stahl

Stefanie Stahl (Jahrgang 1963) ist Psychotherapeutin und Buchautorin. Am 8. Dezember 2018 stellt sie ihr nunmehr neuntes Buch mit dem Titel „Nestwärme, die Flügel verleiht. Halt geben und Freiheit schenken – wie wir erziehen, ohne zu erziehen“ (Verlag Gräfe und Unzer) vor. Dieser Titel ist in Zusammenarbeit mit ihrer Berufskollegin Julia Tomuschat entstanden. Stahls 2015 erschienenes Sachbuch „Das Kind in dir muss Heimat finden“ (Kailash-Verlag) steht seit 152 Wochen auf der „Spiegel“-Bestsellerliste. Darin erläutert die Psychologin eine Problemlösestruktur, die auch zum Meistern von Beziehungskrisen geeignet sein soll. Stefanie Stahl gibt zudem Seminare und hält Vorträge zu den Themen Bindungsangst und Selbstwertgefühl.

Überspitzt gesagt: Sollten Menschen aus problematischen Verhältnissen also zunächst eine Therapie machen, bevor sie Kinder bekommen?

Diesen Anspruch halte ich für zu hoch. Aber es wäre schon toll, wenn es Elternschulungen gäbe. Es ist gut, wenn man sich vieler eigener Probleme bewusst ist. Dann müssen wir keine schlechten Prägungen an unsere Kinder weitergeben. Das ist der Grund, warum unsere Welt sich so schleppend weiterentwickelt. Alte Muster durch ganze Generationen durchzureichen: Das kann man nur durch Selbstreflexion unterbrechen.

Machen Paare sich im Vorfeld so wenig Gedanken über ihre Elternschaft?

Bei vielem ist es so, dass man es erlebt haben muss. Da ist unsere Vorstellungskraft begrenzt, wie anstrengend Elternschaft wirklich sein kann. Wir unterscheiden zwischen angepassten und autonomen Eltern. Bei den angepassten Eltern ist das Bindungsbedürfnis eher zu stark. Das kann daran liegen, dass sie diesbezüglich in ihrer eigenen Kindheit zu kurz gekommen sind. Ihre Kinder füllen dieses Defizit ein Stück weit auf. Die Eltern genießen die Kleinkindzeit und die sehr enge Bindung zum Kind. Die größere Herausforderung ist, wenn sie ihre Kinder loslassen müssen. Die autonomen Eltern sind aufgrund eigener Kindheitserlebnisse eher bei ihrem Freiheitsbedürfnis aus der Balance. Sie haben sich vorgenommen, sich nicht mehr anzupassen und alles allein hinzubekommen. Sie fühlen sich von Ansprüchen kleiner Kinder zu stark vereinnahmt. Es kann Fluchtimpulse auslösen, bei Vätern zum Beispiel den, sich schnell wieder in die Arbeit zu stürzen. Diesen Eltern fällt es leichter, wenn die Kinder größer werden. Das liegt daran, dass die Ansprüche von größeren Kindern die eigene Autonomie nicht so sehr bedrohen.

Denken Menschen wirklich so wenig über sich nach, wie Ihr Buch es nahelegt?

Es gibt Menschen, die gern über sich nachdenken: Was hat mich geprägt? Wie ist mein Selbstwertgefühl? Die große Masse macht das seltener und ist stärker in der äußeren Welt verhaftet. Einige verdrängen, weil sie Angst haben, dass schmerzhafte Erinnerungen hochkommen. Ich würde sagen, was die Selbstreflexion angeht, befinden wir uns im Mittelalter. Das wir uns weiterentwickeln sollten, muss in den Köpfen der Menschen ankommen. Gott sei Dank gibt es dazu die ersten Ansätze. Gerade bei jüngeren Generationen ist die persönliche Weiterentwicklung ganz großgeschrieben. Darauf liegt große Hoffnung.

Sie machen Einfühlungsvermögen als Schlüssel für Vertrauen aus. Wie kann man lernen, einfühlsamer zu sein?

Menschen, die Probleme mit dem Einfühlungsvermögen haben, haben meist wenig Kontakt zu ihren eigenen Gefühlen, zumindest zu problematischen wie Angst, Trauer, Hilflosigkeit. Das kann daran liegen, dass sie nach Glaubenssätzen wie „Jungen weinen nicht“ sehr männlich sozialisiert sind. Daher haben Männer auch häufiger als Frauen Probleme, sich einzufühlen. Es kann ansonsten daran liegen, dass sie in ihrer Kindheit schmerzhafte Erfahrungen gemacht haben. Als Überlebensstrategie haben sie sich abtrainiert zu fühlen. Wenn ich mich aber in mein Kind einfühlen will, dessen bester Freund nicht mehr mit ihm spielen will, muss ich eine Idee haben von meiner eigenen Trauer. Wie fühlt sich Ablehnung für mich an? Ich sollte also lernen, mehr Kontakt zu meinen eigenen Gefühlen aufzunehmen und ihnen Raum zu geben. Der andere Weg ist, genau hinzugucken und gut zuzuhören. Wir alle tragen Brillen mit einer leichten Wahrnehmungsverzerrung. Sie sind ursächlich dafür, dass wir anderen leicht Motive oder Bedürfnisse unterstellen, die wir jedoch aufgrund eigener Erfahrungen falsch interpretiert haben. Diese Filter sind ein grundsätzliches Problem in der Kommunikation. Unser Buch soll trainieren, die Wirklichkeit möglichst objektiv wahrzunehmen.

„Nestwärme, die Flügel verleiht“ Quelle: Gräfe und Unzer Verlag

Von Insa van den Berg/RND

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